Die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) zieht in Afrika orthodoxe Gemeinden auf ihre Seite und stößt damit die Alexandrinisch-Orthodoxe Kirche (AOK) vor den Kopf, die bisher zuständig war für die Orthodoxie in Afrika. Hintergrund ist ein Kirchenstreit: Im Herbst 2018 hat der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., der Primus inter pares der weltweiten Orthodoxie, die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) als selbstständig und damit unabhängig von der ROK anerkannt. Das Moskauer Patriarchat warf daraufhin Bartholomäus vor, gegen kanonisches Recht zu verstoßen und ein Schisma innerhalb der weltweiten Orthodoxie zu provozieren. Einige orthodoxe Kirchen folgten der Moskauer Sicht. Andere erkannten ihrerseits die OKU als unabhängig an – darunter das Patriarchat von Alexandria.
Die ROK erklärte sich daraufhin Ende 2021 ihrerseits als zuständig für die orthodoxen Gemeinden in Afrika und gründete ein sogenanntes Exarchat, also eine Verwaltungseinheit für den afrikanischen Kontinent, und lud orthodoxe Priester und Gemeinden zum Übertritt ein. Diesem Angebot sind mittlerweile 270 Priester und 350 Gemeinden in 34 afrikanischen Ländern gefolgt. Genaue Zahlen, um wie viele Kirchenmitglieder es sich dabei handelt, gibt es nicht. Vermutet wird, dass es bis zu 35.000 sein können, etwa 40 Prozent der orthodoxen Christen in Afrika.
In westlichen Medien wird vermutet, dass die ROK, die für ihre Nähe zu Wladimir Putin bekannt ist, mit der Gründung des Exarchats einer größeren Afrikastrategie des Kremls folgt. Russland wolle sich als „das große Land mit dem Afrika-freundlichen Gesicht“ präsentieren und seinen Einfluss auf dem Kontinent über die religiöse und kulturelle Schiene stärken. Denn wirtschaftlich könne Russland nicht mit den Investitionen Chinas und westlicher Länder auf dem afrikanischen Kontinent mithalten.
Die ROK spricht von Verschwörungstheorie
Tatsächlich wurden in den letzten Jahren sieben russische Kulturzentren in Afrika gegründet, und an den Universitäten in Abidjan, Harare und Dakar wird neuerdings die russische Kultur und Sprache gelehrt. Außerdem wurden tausende Studienplätze in Russland an afrikanische Studierende vergeben. Ende 2025 sollen es insgesamt 32.000 gewesen sein.
Der Chef der Missionsabteilung im afrikanischen Exarchat der ROK, Yuri Maksimov, bezeichnet die Vermutung, dass die ROK in Afrika dem Kreml dient, als Verschwörungstheorie. Im „Journal of the Instiute for African Studies“, das von der Russischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird, hat er die Ergebnisse einer eigenen Studie vorgelegt und kommt zu ganz anderen Schlüssen. Zum einen ordnet er die Entscheidung der ROK zur Gründung eines eigenen Exarchats als reguläre Expansion einer Kirche in andere Regionen ein. Zum anderen weist er die Behauptung, dass das alexandrinische Patriarchat schon immer für ganz Afrika zuständig gewesen sei, als falsch zurück. Die ROK sei bereits seit dem 19. Jahrhundert in Afrika präsent. 1885 seien die ersten russischen Priester und Missionare nach Äthiopien entsandt worden, wo es bis heute orthodoxe Gemeinden gibt, die dem Moskauer Patriarchat unterstehen. Und mit der Oktoberrevolution ab 1917 seien viele russische Emigranten nach Nordafrika gekommen. Erst 1930 habe die Alexandrinisch-orthodoxe Kirche (AOK) einseitig einen Alleinvertretungsanspruch für sich erhoben, den das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel 2001 bestätigt hat.
Über die Beweggründe der 270 afrikanischen Priester, die in den letzten drei Jahren zur ROK übergetreten sind, wird spekuliert. Die AOK vermutet, die wesentlich reichere ROK locke die Priester und Gemeinden mit finanziellen Anreizen. Maksimov, der als Mitarbeiter des russischen Exarchats als befangen gelten kann, hat für seine Studie verschiedene übergetretene Priester zu ihren Beweggründen befragt. Diese hätten ihm unter anderem von offenem Rassismus innerhalb der AOK berichtet. Führungsposten in der Kirche würden nur an Griechen vergeben, nicht aber an Afrikaner. Diese könnten es allenfalls bis in den Rang eines Priesters schaffen. Und der Umgang mit Abtrünnigen habe sie in ihrem Entschluss zum Kirchenwechsel zusätzlich bestärkt: Die AOK hat einigen Gemeinden und Priestern, die sich dem Moskauer Patriarchat unterstellt haben, sofort die Nutzungsrechte ihrer Kirchengebäude entzogen.
Die ROK schafft weiter Fakten in Afrika, baut orthodoxe Schulen, Kindergärten, Waisenhäuser und medizinische Dienste auf und holt afrikanische Priesteranwärter ans theologische Seminar in Sankt Petersburg. Mehr als 50 sollen es bereits sein.
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