Gibt es Anzeichen, dass ein neuer Krieg am Horn bevorsteht?
Die gibt es schon seit dem Abkommen von Pretoria, das Ende 2022 den vorigen Krieg in der äthiopischen Provinz Tigray beendete. Der Präsident von Eritrea, Isayas Afewerki, hatte sich 2020 mit der Zentralregierung Äthiopiens gegen Tigray verbündet, weil er ein für alle Mal die dort regierende TPLF ausschalten wollte. Aber das Abkommen von Pretoria hielt die TPLF als relevante Kraft am Leben. Seitdem hat sich Afewerkis Verhältnis zur Regierung Äthiopiens verschlechtert – besonders als Abiy Ahmed, der Premierminister Äthiopiens, 2023 begann, einen Zugang seines Landes zum Roten Meer zu verlangen; die in Frage kommenden Häfen liegen in Eritrea. Dann wurde Getachew Reda, der die Interimsregierung in Tigray führte, im Frühjahr 2025 von der Fraktion der TPLF unter Debretsion Gebremichael entmachtet. Kurz danach näherten sich Eritrea und die TPLF an und starteten eine „Versöhnungsinitiative"; die Grenze von Tigray zu Eritrea wurde wieder teilweise geöffnet. Daraufhin warf die Regierung Äthiopiens der in Tigray vor, sich mit Eritrea, einem feindlichen Staat, zu verbünden.
Teil des Problems ist ein Konflikt in Tigray selbst?
Ja. Das Abkommen von Pretoria sah eine inklusive Übergangsregierung für Tigray vor, und zu deren Präsidenten wollte die TPLF Debretsion machen, den Anführer des Krieges gegen die Zentralregierung. Das lehnte die Zentralregierung ab. Daraufhin nominierte die TPLF Getachew Reda und Addis Abeba ernannte ihn. Das schuf in Tigray zwei rivalisierende Machtzentren: Die TPLF kontrollierte die lokalen Verwaltungsstrukturen und verhinderte lokal die Umsetzung, wenn Getachews Regierung etwas anordnete. Als die militärische Führung zugunsten Debretsions eingriff, musste Getachew aufgeben und mit früheren TPLF-Führern nach Addis gehen. Aber wichtiger noch: Zwischen der Bevölkerung und der TPLF tut sich wieder ein Graben auf. Im Krieg von 2020 bis 2022 hatten alle in Tigray zusammengestanden. Als dann das Abkommen von Pretoria nicht umgesetzt wurde und die TPLF keine verantwortliche, rechenschaftspflichtige Regierungsführung lieferte, entfremdete sie sich erneut von großen Teilen des Volkes. Etwa zu der Zeit, als Getachew entmachtet wurde, hat sich auch eine bewaffnete tigrayische Opposition gegen die TPLF gebildet.
Inwiefern wird das Abkommen nicht umgesetzt?
Die Zentralregierung befolgt es nur teilweise. Staatliche Dienste wie Stromversorgung, Bankverbindungen und Flüge für Tigray wurden wieder aufgenommen, die Provinz erhält aus Addis wieder begrenzte humanitäre Hilfe und Finanzzuweisungen, die zuletzt allerdings zurückgehalten wurden. Aber entscheidende Punkte sind nicht umgesetzt: Von Amhara-Milizen besetzte Gebiete im Westen Tigrays sind nicht zurückgegeben worden, es gibt keine Initiativen zur Entwicklung der Provinz, die humanitäre Hilfe wird auf ein Mindestmaß begrenzt und Tigray ist nicht wieder im Parlament und Regierungsinstitutionen vertreten.
Ist das eine bewusste Politik von Premierminister Abiy Ahmed?
Ich halte es für eine Politik der Eindämmung. Die Zentralregierung traut der TPLF nicht und will nicht, dass der Wideraufbau sie politisch, wirtschaftlich und militärisch so weit stärkt, dass sie wieder eine Gefahr darstellt. Daher gibt Addis Abeba der Provinz gerade genug zum Überleben. Als Folge sind im vergangenen Jahr in den Lagern für intern Vertriebene in Tigray Menschen verhungert. Die meisten Migranten aus Äthiopien Richtung Golfstaaten kommen aus Tigray, weil es dort keine Lebensperspektive gibt. Die Eindämmungsstrategie funktioniert aber nicht mehr, seit Tigray infolge des Bündnisses mit Eritrea einen Teil der Versorgung über das Nachbarland erhält. Addis Abeba hat daher vergangenes Jahr in Briefen an den UN-Generalsekretär und den UN-Sicherheitsrat beklagt, Eritrea destabilisiere Äthiopien, indem es Rebellen unterstütze, und seine Truppen befänden sich ohne Zustimmung Äthiopiens auf dessen Territorium.
Stimmt das?
Ja. Aber Eritreas Truppen sind nach dem Abkommen von Pretoria Ende 2022 nie vollständig abgezogen, ohne dass Äthiopiens Regierung protestiert hätte. Sie tut das jetzt, damit sie bei Bedarf nach dem Völkerrecht das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nehmen kann. Vor etwa sieben Wochen hat der Außenminister Äthiopiens in einem Brief an den Eritreas den Abzug der Truppen gefordert und das als letzte Warnung bezeichnet. Die Lage ist sehr kritisch.
Wie ist zu verstehen, dass sich die TPLF ausgerechnet mit Eritrea verbündet, das im letzten Krieg in Tigray Gräueltaten begangen hat?
Das mag obskur erscheinen. Aber solche schnellen Wechsel der Allianzen hat es auch früher am Horn gegeben. Dem liegt eine feudalistische Denkweise in den politischen Eliten zugrunde: Lokale Machthaber konkurrieren untereinander und verbünden sich gleichzeitig in ständig wechselnden Allianzen gegen den Zentralstaat. In diesem Fall sah die Führung der TPLF die Lage so, dass die Amhara und die Zentralregierung gegen sie waren und sie Verbündete brauchten. Afewerki sah Eritrea von den Forderungen der äthiopischen Regierung nach Zugang zum Roten Meer bedroht und suchte neue Verbündete. So kam es zu dem taktischen Bündnis. Auch die äthiopische Zentralregierung hat im Übrigen Kriegsverbrechen in Tigray begangen.
Wieso die Amhara – ist der Konflikt in Tigray mit anderen Minderheitenkonflikten in Äthiopien verbunden?
Ja. Die Zentralregierung hat mit mehreren inneren Gegnern zu kämpfen, und der stärkste sind die Amhara-Rebellen namens Fano. Im Krieg in Tigray standen sie an der Seite der Zentralregierung, aber als die nach dem Abkommen von Pretoria die Entwaffnung der Milizen anordnete, wandte sich Fano gegen die Zentralregierung. Große Teile der Amhara fühlen sich seit langem politisch an den Rand gedrängt, auch in der eigenen Region. Ihr Aufstand ist eine ernste Gefahr für Addis Abeba, die Fano kontrollieren jetzt große Teile der Region Amhara. Addis Abeba wirft Eritrea vor, die Fano zu bewaffnen...
Einen Erzfeind der TPLF, mit der Eritrea verbündet ist?
Richtig. Es ist kaum möglich, Fano und TPLF zu versöhnen. Dennoch strebt Eritrea ein Bündnis mit beiden an, was eine formidable Macht ergäbe. Addis Abeba hat nun im Februar im Vorfeld der für Juni geplanten Wahl die Wahlkreise in Westtigray alle der Region Amhara zugeschlagen. Die TPLF protestiert, die Region und die Fano sind erfreut.
Spielt die Zentralregierung lokale Machthaber gegeneinander aus oder plant sie, die Zentralmacht militärisch durchzusetzen?
Beides. Der Kommandeur der Milizen, die Westtigray besetzt halten, gehörte früher zur Fano; er regiert jetzt Westtigray als Stellvertreter von Addis Abeba. Die Zentralregierung betreibt gleichzeitig Aufstandsbekämpfung und eine Strategie der indirekten Herrschaft nach kolonialem Muster. Weil sie in großen Teilen Amharas, der Provinz Oromia und einigen anderen Landesteilen das Gewaltmonopol faktisch nicht besitzt, nutzt sie lokale Milizen als Ordnungskräfte. Das ist natürlich riskant, weil Gruppen, die der Staat bewaffnet, nicht loyal sein müssen und zur Gegenseite überlaufen können.
Wird ein neuer Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien sich auf Nachbarländer auswirken?
Ja. Er wird sich direkt mit dem Krieg im Sudan verbinden. Eritrea bildet Truppen der offiziellen Armee des Sudan aus, der SAF. Deren Gegner, die RSF-Miliz, nutzt laut mehreren Berichten eine Basis im Westen Äthiopiens, nahe der Grenze zum Sudan, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) finanziert wird. Und im Osten des Sudan kämpft eine Truppe von Tigrayern, die als äthiopische UN-Blauhelme in den Sudan gekommen waren und nach Ausbruch des Krieges in Tigray 2020 nicht nach Äthiopien zurückkonnten. Sie wollten über den Ostsudan nach Tigray und für die TPLF kämpfen, und als das misslang, rekrutierten sie unter tigrayischen Flüchtlingen eine nicht zu unterschätzende Truppe. Die kämpft jetzt auf Seiten der SAF.
Welches Interesse hat Abiy Ahmed, die RSF zu unterstützen?
Er erklärt, die Armee des Sudan sei voller radikaler Islamisten und er wolle kein islamistisches Regime in Khartum. Aber wichtiger ist, dass die Emirate, die der RSF helfen, auch der größte finanzielle und politische Unterstützer Äthiopiens sind. Äthiopiens Hilfe für die RSF ist wahrscheinlich die Gegenleistung dafür.
Wirken weitere Staaten von außen an den Konflikten am Horn mit?
Ja, mehrere. Ägypten versucht wegen des Streits über das Nilwasser immer, Äthiopien zu schwächen, und unterstützt daher Eritrea. Ägypten und Eritrea haben ein Dreierbündnis mit Somalia, also der Regierung in Mogadischu, gegen Äthiopien. Die Türkei unterstützt Mogadischu, sie hat Kampfflugzeuge und Truppen in Somalia. Somaliland, das sich von Somalia abgespalten hat, bildet dagegen eine Achse mit Äthiopien und den Emiraten mit Verbindungen nach Israel; dessen Regierung hat im September als erstes Land Somaliland als eigenen Staat anerkannt. Saudi-Arabien unterstützt Ägypten und Eritrea. Das wiederum provoziert Israel wegen der Gefahr, dass Ägypten und Saudi-Arabien indirekt die Küste des Roten Meeres kontrollieren.
Das heißt in einen Krieg können schnell weitere Staaten hineingezogen werden?
Allerdings. Das Kriegsgebiet selbst würde den Sudan, Eritrea und Äthiopien sowie Südsudan und Somalia umfassen. Die Kriege dort sind alle miteinander verbunden. Darüber hinaus dürften Ägypten, die Emirate, die Türkei, Saudi-Arabien und vielleicht weitere Staaten sich beteiligen, indem sie Stellvertreter unterstützen, darunter nichtstaatliche Truppen. Zehn, zwölf Staaten könnten mitmischen.
Wirkt der gegenwärtige Krieg gegen den Iran sich auf die Kriegsgefahr am Horn aus?
Ja, vor allem wegen der mit dem Iran verbündeten Huthi im Jemen, am Roten Meer. Außerdem nutzen regionale Mächte oft global bedeutsame Kriege, welche die internationale Aufmerksamkeit von ihnen ablenken, um selbst etwas zu unternehmen. Wenn jetzt alle auf den Iran schauen und die USA damit voll beschäftigt sind, könnte das am Horn eine solche Gelegenheit sein. Das ist allerdings eine Spekulation.
Wenn die Lage so kritisch ist und Sie seit Jahren vor einem neuen Krieg warnen – warum ist er noch nicht ausgebrochen? Was hält die Streithähne zurück?
Gute Frage…. Äthiopien hat große bewaffnete Truppen in den Norden des Landes geschickt, sie bereiten sich auf etwas vor – aber es muss neue Soldaten rekrutieren und Waffen beschaffen. Seit einigen Jahren kauft Addis Abeba Rüstungsgüter und hat eine eigene Drohnenproduktion aufgebaut. Wegen der Aufstände in Amhara und auch in Oromia könnte es seine Streitkräfte aber überdehnen. Eritrea seinerseits will keinen offenen Krieg, weil es meiner Ansicht nach weiß, dass es den verlieren würde. Afewerki ist zufrieden, wenn für ihn Rebellen in Äthiopien das Nachbarland destabilisieren. Äthiopien muss also entscheiden, wie viel Destabilisierung es hinnimmt und wie weit es die Herrschaft der TPLF in Tigray duldet. Und es hat den Zugang zu einem Hafen zur existenziellen Frage erhoben.
Wie steht es um diplomatische Versuche, einen neuen Krieg zu verhindern?
Saudi-Arabien hat versucht zu vermitteln, anscheinend ohne Erfolg. Europa und Nordamerika haben leider der Krise nicht die nötige Beachtung geschenkt. Die USA könnten am meisten erreichen, und der US-Botschafter hat auch Gespräche mit der TPLF und mit Addis Abeba unternommen. Aber dafür bekommt er keinen Rückhalt aus dem Weißen Haus, so dass er keinen Druck ausüben kann. Die USA sind zudem sowohl auf Ägypten als auch auf Äthiopien als Partner angewiesen und wollen keinen der beiden verärgern.
Haben die EU oder europäische Staaten die Möglichkeit, zu helfen?
Nein. Europa hat keine gemeinsame Politik gegenüber dem Horn von Afrika, sondern mindestens vier verschiedene: Frankreich, Italien und Großbritannien, die früheren Kolonialmächte am Horn, verfolgen je eigene Ansätze und die EU einen vierten. Brüssel hat zudem kaum politische Druckmittel und besonders wenige am Horn.
Können die Golfstaaten Einfluss nehmen?
Sie könnten, wenn sie einig wären. Aber Saudi-Arabien und die VAE stehen auf unterschiedlichen Seiten und haben verschiedene Interessen.
Das Gespräch führte Bernd Ludermann.
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