Die Schweiz hilft, die Besatzung zu zementieren

Männer in Uniformen winken von einem Jeep Menschen mit Fahnen zu.
picture alliance/NurPhoto/APP
Parade der Befreiungsbewegung Polisario in Südwest-Algerien im April 2026 zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der Westsahara. Ein Ende der marokkanischen Besatzung ist aber nicht in Sicht.
Westsahara
Die Regierung in Bern hat den Kurs gewechselt und findet jetzt, dass der Autonomieplan Marokkos die beste Lösung für den Westsahara-Konflikt ist. Und Schweizer Unternehmen machen in dem umstrittenen Gebiet fragwürdige Geschäfte.

Anfang April feierte die bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung Polisario-Front mit einer Militärparade den 50. Jahrestag der Ausrufung der Unabhängigkeit der Westsahara. Doch die Tatsache, dass die Feier in einem Flüchtlingslager in Algerien stattfand, ist symbolisch dafür, wie weit entfernt der Traum der Unabhängigkeit bis heute ist.

Die Westsahara gilt laut den Vereinten Nationen als nicht selbstverwaltetes Gebiet , das seit 1979 von Marokko besetzt ist. Seit 1991 sieht ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Polisario-Front und Marokko vor, ein Referendum über die Frage der Unabhängigkeit abzuhalten. Bisher ist das nicht passiert.

Autonomie statt Unnabhägigkeit ist jetzt die Devise

35 Jahre später dreht sich der Wind international zunehmend zugunsten von Marokko – auch in der Schweiz. Im Oktober 2025 hat die Schweiz einer Resolution des UN-Sicherheitsrats zugestimmt, die erstmals den Autonomieplan, den Marokko 2007 vorgeschlagen hat, als praktikabelste Lösung für den Konflikt benennt. Der Plan sieht vor, die Westsahara zu einem selbstverwalteten Gebiet innerhalb des marokkanischen Staates zu machen.

Ende April ist die Schweiz noch einen Schritt weiter gegangen. In einer gemeinsamen Erklärung mit Marokko nach einem Besuch des marokkanischen Außenministers in Bern heißt es, die Schweiz betrachte den Autonomieplan als „seriöseste, glaubwürdigste und pragmatischste Grundlage“ für eine Lösung des Konflikts – eine Abkehr von der bisherigen Position, wonach die Schweiz die Westsahara nicht als Teil Marokkos anerkennt.

Marokkos Wohlwollen beim Thema Migration gefragt 

In der Erklärung wird zudem die Westsahara-Frage mit migrationspolitischen Anliegen verknüpft. Demnach verpflichten sich die beiden Staaten, die Rückübernahme abgewiesener marokkanischer Asylbewerber in der Schweiz nach allen Möglichkeiten zu beschleunigen. „Dass die Schweiz für wolkige Versprechen des Königreichs Marokko bei der Asylzusammenarbeit beginnt, ihre völkerrechtsbasierte Position aufzuweichen, ist inakzeptabel“, sagt der sozialdemokratische Nationalrat Fabian Molina. „Eine Lösung des Westsahara-Konflikts muss zwingend dem Selbstbestimmungsrecht des sahrauischen Volkes Rechnung tragen.“

Marokko versucht seit Jahrzehnten über wirtschaftliche Geschäfte in der Westsahara, die Besatzung zur vollendeten Tatsache zu machen – und dies immer wieder auch mithilfe ausländischer und Schweizer Firmen. Auch das hat den Trend verstärkt, dass die Staatengemeinschaft sich zunehmend der marokkanischen Position in dem Konflikt annähert.

Rechtswidrige Geschäfte

Das Gebiet der Westsahara ist reich an Ressourcen: Im Boden lagern Phosphatvorkommen, vor der Küste gibt es reiche Fischbestände und an Land ein großes Potential für erneuerbare Energien. Das macht die Westsahara für ausländische Unternehmen attraktiv. Allerdings verstoßen ihre Geschäfte dort gegen internationales Recht. Denn die Ausbeutung wird über Marokko abgewickelt und geschieht ohne die Zustimmung der Polisario-Front, die die lokale Bevölkerung vertritt.

So transportierten Schiffe der Firma Cargill International SA mit Sitz in Genf im Jahr 2023 Phosphat von Häfen in der Westsahara nach Mexiko und Indien. Die Mine Bou Craa in der Westsahara wird vom marokkanischen Staatsunternehmen OCP SA betrieben. Die Zuger Firma EuroChem  verschiffte 2021 Phosphat aus der Mine nach Estland.

Auch bei Lebensmittelimporten kommt es zu Verstößen. Eigentlich dürfen Produkte aus der Westsahara nicht als marokkanische Produkte ausgewiesen werden. Dies hat der Bundesrat im Jahr 2017 in einer Stellungnahme auf eine Anfrage aus dem Parlament klargestellt. Das Freihandelsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und Marokko, das 1999 in Kraft getreten ist und Zollerleichterungen für Importe aus Marokko vorsieht, findet auf Produkte aus der Westsahara keine Anwendung. Waren von dort müssen auch so ausgewiesen werden.

Falsche marokkanische Herkunftsnachweise 

Ein Bericht der Organisation Western Sahara Ressource Watch dokumentiert jedoch, dass zahlreiche Zertifizierungslabels Produkte aus der Westsahara fälschlich als marokkanisch deklarieren und als nachhaltig zertifizieren. Darunter befinden sich auch die zwei Schweizer Labels SGS und IQNET. So zertifizierte IQNET drei Fischereiunternehmen als marokkanisch, die ihren Standort in der Westsahara haben.

Auch bei erneuerbaren Energien spielen ausländische und Schweizer Firmen mit. Neben der deutschen Firma Siemens Gamesa Renewable Energy, die Windkraftanlagen in der Westsahara installiert und wartet, beteiligt sich die Firma Hitachi Energy mit Sitz in der Schweiz an einem Windpark in dem Gebiet. Laut Sylvia Valentin von der Organisation terre des hommes sind ausländische Investitionen in Projekte erneuerbarer Energie besonders bedenklich, weil der Sektor wichtig für das Image Marokkos ist und europäische Staaten künftig mehr Strom aus erneuerbaren Energien aus dem Land beziehen wollen.

Sie wollen mehr zu Menschenrechte lesen? Auf unserer Themenseite finden Sie weitere Berichte, Meinungen und Hintergründe dazu!

Fast die Hälfte  des marokkanischen Stroms stammt heute aus erneuerbaren Energien; ein wesentlicher Teil der Anlagen liegt allerdings bereits heute in der Westsahara. Bis 2030 wird fast die Hälfte der marokkanischen Windenergie aus der Westsahara stammen, schätzt ein Bericht von Western Sahara Ressource Watch. Marokko positioniere sich als Pionier von erneuerbaren Energien und betreibe damit gleichzeitig eine Art „Greenwashing“ der Besatzung der Westsahara, sagt Valentin. Und mit ihren Investitionen trügen die ausländischen Firmen dazu bei: „Je stärker sich ausländische Firmen an wirtschaftlichen Aktivitäten in der Westsahara beteiligen, umso mehr zementieren sie damit den Status quo der Besatzung.“
 

Neuen Kommentar hinzufügen

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Wählen Sie bitte aus den Symbolen die/den/das Skateboard aus.
Mit dieser Aufforderung versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.
Dies ist keine Paywall.
Aber Geld brauchen wir schon:
Unseren Journalismus, der vernachlässigte Themen und Sichtweisen aus dem globalen Süden aufgreift, gibt es nicht für lau. Wir brauchen dafür Ihre Unterstützung – schon 3 Euro im Monat helfen!
Ja, ich unterstütze die Arbeit von welt-sichten mit einem freiwilligen Beitrag.
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!