Anfang April feierte die bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung Polisario-Front mit einer Militärparade den 50. Jahrestag der Ausrufung der Unabhängigkeit der Westsahara. Doch die Tatsache, dass die Feier in einem Flüchtlingslager in Algerien stattfand, ist symbolisch dafür, wie weit entfernt der Traum der Unabhängigkeit bis heute ist.
Die Westsahara gilt laut den Vereinten Nationen als nicht selbstverwaltetes Gebiet , das seit 1979 von Marokko besetzt ist. Seit 1991 sieht ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Polisario-Front und Marokko vor, ein Referendum über die Frage der Unabhängigkeit abzuhalten. Bisher ist das nicht passiert.
Autonomie statt Unnabhägigkeit ist jetzt die Devise
35 Jahre später dreht sich der Wind international zunehmend zugunsten von Marokko – auch in der Schweiz. Im Oktober 2025 hat die Schweiz einer Resolution des UN-Sicherheitsrats zugestimmt, die erstmals den Autonomieplan, den Marokko 2007 vorgeschlagen hat, als praktikabelste Lösung für den Konflikt benennt. Der Plan sieht vor, die Westsahara zu einem selbstverwalteten Gebiet innerhalb des marokkanischen Staates zu machen.
Ende April ist die Schweiz noch einen Schritt weiter gegangen. In einer gemeinsamen Erklärung mit Marokko nach einem Besuch des marokkanischen Außenministers in Bern heißt es, die Schweiz betrachte den Autonomieplan als „seriöseste, glaubwürdigste und pragmatischste Grundlage“ für eine Lösung des Konflikts – eine Abkehr von der bisherigen Position, wonach die Schweiz die Westsahara nicht als Teil Marokkos anerkennt.
Marokkos Wohlwollen beim Thema Migration gefragt
In der Erklärung wird zudem die Westsahara-Frage mit migrationspolitischen Anliegen verknüpft. Demnach verpflichten sich die beiden Staaten, die Rückübernahme abgewiesener marokkanischer Asylbewerber in der Schweiz nach allen Möglichkeiten zu beschleunigen. „Dass die Schweiz für wolkige Versprechen des Königreichs Marokko bei der Asylzusammenarbeit beginnt, ihre völkerrechtsbasierte Position aufzuweichen, ist inakzeptabel“, sagt der sozialdemokratische Nationalrat Fabian Molina. „Eine Lösung des Westsahara-Konflikts muss zwingend dem Selbstbestimmungsrecht des sahrauischen Volkes Rechnung tragen.“
Marokko versucht seit Jahrzehnten über wirtschaftliche Geschäfte in der Westsahara, die Besatzung zur vollendeten Tatsache zu machen – und dies immer wieder auch mithilfe ausländischer und Schweizer Firmen. Auch das hat den Trend verstärkt, dass die Staatengemeinschaft sich zunehmend der marokkanischen Position in dem Konflikt annähert.
Rechtswidrige Geschäfte
Das Gebiet der Westsahara ist reich an Ressourcen: Im Boden lagern Phosphatvorkommen, vor der Küste gibt es reiche Fischbestände und an Land ein großes Potential für erneuerbare Energien. Das macht die Westsahara für ausländische Unternehmen attraktiv. Allerdings verstoßen ihre Geschäfte dort gegen internationales Recht. Denn die Ausbeutung wird über Marokko abgewickelt und geschieht ohne die Zustimmung der Polisario-Front, die die lokale Bevölkerung vertritt.
So transportierten Schiffe der Firma Cargill International SA mit Sitz in Genf im Jahr 2023 Phosphat von Häfen in der Westsahara nach Mexiko und Indien. Die Mine Bou Craa in der Westsahara wird vom marokkanischen Staatsunternehmen OCP SA betrieben. Die Zuger Firma EuroChem verschiffte 2021 Phosphat aus der Mine nach Estland.
Auch bei Lebensmittelimporten kommt es zu Verstößen. Eigentlich dürfen Produkte aus der Westsahara nicht als marokkanische Produkte ausgewiesen werden. Dies hat der Bundesrat im Jahr 2017 in einer Stellungnahme auf eine Anfrage aus dem Parlament klargestellt. Das Freihandelsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und Marokko, das 1999 in Kraft getreten ist und Zollerleichterungen für Importe aus Marokko vorsieht, findet auf Produkte aus der Westsahara keine Anwendung. Waren von dort müssen auch so ausgewiesen werden.
Falsche marokkanische Herkunftsnachweise
Ein Bericht der Organisation Western Sahara Ressource Watch dokumentiert jedoch, dass zahlreiche Zertifizierungslabels Produkte aus der Westsahara fälschlich als marokkanisch deklarieren und als nachhaltig zertifizieren. Darunter befinden sich auch die zwei Schweizer Labels SGS und IQNET. So zertifizierte IQNET drei Fischereiunternehmen als marokkanisch, die ihren Standort in der Westsahara haben.
Auch bei erneuerbaren Energien spielen ausländische und Schweizer Firmen mit. Neben der deutschen Firma Siemens Gamesa Renewable Energy, die Windkraftanlagen in der Westsahara installiert und wartet, beteiligt sich die Firma Hitachi Energy mit Sitz in der Schweiz an einem Windpark in dem Gebiet. Laut Sylvia Valentin von der Organisation terre des hommes sind ausländische Investitionen in Projekte erneuerbarer Energie besonders bedenklich, weil der Sektor wichtig für das Image Marokkos ist und europäische Staaten künftig mehr Strom aus erneuerbaren Energien aus dem Land beziehen wollen.
Fast die Hälfte des marokkanischen Stroms stammt heute aus erneuerbaren Energien; ein wesentlicher Teil der Anlagen liegt allerdings bereits heute in der Westsahara. Bis 2030 wird fast die Hälfte der marokkanischen Windenergie aus der Westsahara stammen, schätzt ein Bericht von Western Sahara Ressource Watch. Marokko positioniere sich als Pionier von erneuerbaren Energien und betreibe damit gleichzeitig eine Art „Greenwashing“ der Besatzung der Westsahara, sagt Valentin. Und mit ihren Investitionen trügen die ausländischen Firmen dazu bei: „Je stärker sich ausländische Firmen an wirtschaftlichen Aktivitäten in der Westsahara beteiligen, umso mehr zementieren sie damit den Status quo der Besatzung.“
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