06.11.2014

Ordnung ins Chaos bringen

 
Ben Ramalingam
Aid on the Edge of Chaos: Rethinking International Cooperation in a Complex World Oxforduniversitypress, Oxford 2013, 480 Seiten, ca. 30 €
 
Das Buch ist sehr schön geschrieben, und Ramalingam durchbricht mit humorvollen Anekdoten und Karikaturen immer wieder den Jargon der Entwicklungshilfe-Industrie. Der Umfang ist beträchtlich, doch das Durchhaltevermögen wird belohnt: Hinterher ist man schlauer und hat neue Erkenntnisse gewonnen. Ramalingam warnt davor, nach einfachen Lösungen zu suchen und sie zu akzeptieren, seien sie technokratisch oder religiös begründet. Vielmehr sollten wir uns die Erkenntnisse der Komplexitätstheorie anschauen, die uns hilft, die richtigen Fragen zu stellen.
 
Das Buch gliedert sich in drei Teile: Zunächst liefert Ramalingam eine harsche Kritik an der Entwicklungshilfe, insbesondere der Vorstellung, dass westliche Geber die Probleme der armen Länder lösen können, indem sie mit Geld nach ihnen werfen. Er zeichnet ein düsteres Bild des fragmentierten Hilfesystems und seiner Inkohärenz.
 
Im zweiten Teil des Buchs erläutert Ramalingam, wie westliche Entwicklungshilfe auf Gesellschaften wirkt, die sich in einem fragilen Gleichgewicht befinden. Er führt dafür das Konzept „Am Rande des Chaos“ (edge of chaos) ein: Es beschreibt einen Zustand des Gleichgewichtes, in dem die Dinge funktionieren, aber anfällig sind gegenüber äußeren Einflüssen. Er argumentiert, die unvorhergesehenen Katastrophen, die Entwicklungsinterventionen verursachten, ergäben sich aus der Hilfe selbst und kippten zerbrechliche Systeme in den Abgrund.
 
Im dritten Teil skizziert Ramalingam, wie Entwicklungshilfe gestaltet sein sollte. Er zitiert neuere Arbeiten von Fachleuten, die sich für einen problemorientierten Ansatz einsetzen. Statt vorgefertigte Lösungen zu liefern, sollten Entwicklungsexperten wissen, welche Fragen zu stellen sind.
 
Doch was bedeutet das alles konkret? Ramalingams Kritik der Entwicklungszusammenarbeit ist stichhaltig, aber zugleich eine Karikatur. Er porträtiert die Hilfe-Industrie als nicht zugänglich für Kritik und unflexibel. Doch viele, die in Ministerien, Durchführungs- und Hilfsorganisationen sowie in der Entwicklungsforschung tätig sind, reflektieren sehr wohl und sind anpassungsfähig. Sogar ihre Organisationen können sich langsam verändern, wenn sie müssen. Entwicklung berührt das Leben von Milliarden Menschen, und Hilfsorganisationen müssen Rechenschaft darüber ablegen, wofür sie Geld ausgeben. Die richtigen Fragen zu stellen, kann nur der erste Schritt sein.
 
Ramalingam vergibt bedauerlicherweise die Gelegenheit, die wichtigste Frage zu beantworten, mit der sich die Entwicklungspolitik konfrontiert sieht: Wofür sollte die Hilfe im 21. Jahrhundert verwendet werden? Die globale Entwicklung hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren grundlegend geändert. Unterscheidungen zwischen dem „Westen“ und der „Dritten Welt“ sind verschwunden. Ramalingam sieht Entwicklungshilfe zu Recht als Teil eines Pakets, um Entwicklungsherausforderungen anzugehen. Doch er setzt sich nicht damit auseinander, für welche Art von Problemen sie sich eignet – im Unterschied zu Steuer-, Handels-, Migrations- oder Sicherheitspolitik.
 
Diese Kritik soll die Qualität und die Relevanz des Buches nicht schmälern. Es ist ein erhellender Kommentar zur Globalisierung und all der Verwirrung und Unsicherheit, die sie auslöst. Es erinnert daran, dass sich in dieser verrückten Welt die meisten von uns am „Rande des Chaos“ befinden – während wir versuchen, uns davon zu überzeugen, dass wir unsere individuellen und gemeinsamen Geschicke lenken. (Mark Furness)

Neuen Kommentar schreiben