05.02.2015

Zusammenleben nach dem Krieg

Die Beiträge von Religionen zur Versöhnung nach Kriegen in Afrika stehen im Zentrum des Sammelbands. Experten aus Europa und Afrika stellen Beispiele vor.

Martin Leiner u.a. (Hg.) Societies in Transition Sub-Saharan Africa between Conflict and Reconciliation Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen 2014, 242 Seiten, 99,99 Euro
Religiöse Ideologien werden häufig unter den Konfliktursachen auf dem afrikanischen Kontinent verbucht. Zugleich bieten Religionen aber auch Möglichkeiten, Konflikte aufzuarbeiten. Die schauen sich die 16 Autorinnen und Autoren genauer an. Neben Theologen und Religionswissenschaftlern beziehen auch Politologen und Ökonomen Stellung. Am Beispiel einzelner Länder ergründen sie die kontext- und zeitspezifische Bedeutung verschiedener Religionen zur Befriedung von Gesellschaften nach gewaltsamen Konflikten. Christliche Kirchen, der Islam und traditionelle religiöse Überzeugungen werden in die Untersuchungen einbezogen. Die regionalen Beispiele reichen von Äthiopien über Uganda, Ruanda und den Tschad bis nach Simbabwe und Südafrika.

Besonders aufschlussreich sind die Erläuterungen des Autorenteams Gladys Ganiel und Joram Tarusarira zu Simbabwe. Sie skizzieren die bisherigen Forschungsdebatten zu Kirchen und Politik in und nach der Kolonialzeit und analysieren, welche Rolle ausgewählte kirchliche Vereinigungen für Versöhnungsprozesse spielen. Angesichts der ausgewogenen Darstellung überzeugt das Resümee, für Versöhnung müssten soziale Beziehungen wiederaufgebaut werden. Gleichzeitig jedoch müssten gesellschaftliche Strukturen verändert werden; das sei im autoritär regierten Simbabwe ungleich schwieriger.

Die Friedensforscherin Helen Lamunu hat eine nichtstaatliche, christliche Hilfsorganisation zur Reintegration früherer Kindersoldaten in Uganda geleitet. Sie stellt Erkenntnisse der Trauma-Forschung und vorkoloniale Rituale zur sozialen Wiedereingliederung von Straftätern vor. Lamunu reflektiert über Möglichkeiten und Grenzen, traditionelle Rituale einer Ethnie auf andere ethnische Gruppen zu übertragen. Ihr Fazit: Einige Kinder seien zwar auf diesem Wege leichter in ihre Dörfer zurückgekehrt, doch die Kriegsverbrechen seien nicht durch die Rituale gesühnt worden. Täter und Opfer hätten sich nicht versöhnt. Lamunu plädiert deshalb in ihrem Beitrag für umfassendere Versöhnungs- und Wiedergutmachungspraktiken.

Der südafrikanische Theologe und Anti-Apartheid-Aktivist Ben Khumalo-Seegelken betrachtet die Versöhnung in seinem Heimatland nicht nur im Lichte der christlich geprägten Wahrheits- und Versöhnungskommission. Zwanzig Jahren nach dem Ende der Rassentrennung bezieht er klar Stellung für deren Opfer und verlangt, frühere Täter und Profiteure – zu denen auch internationale Konzerne zählten – zur Rechenschaft zu ziehen. Khumalo-Seegelken argumentiert überzeugend unter Bezug auf internationale Menschenrechtsabkommen.

Der Sammelband bietet einige Impulse für die Debatte über Versöhnung in Gesellschaften, die unter Gewaltkonflikten gelitten haben. Doch für afrikanische Leser und Bibliotheken ist das völlig überteuerte Buch unerschwinglich.

Rita Schäfer

 

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