China – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zwei alternative Sichten

Thomas Heberer, Jörg-M. Rudolph
China – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Zwei alternative Sichten

Hessische Landeszentrale für politische Bildung,
Wiesbaden 2010, 297 Seiten, kostenlos

Kontroverse Einschätzungen von zwei deutschen China-Wissenschaftlern stellt die hessische Landeszentrale für politische Bildung in diesem Buch vor. Thomas Heberer von der Universität Duisburg diagnostiziert seit 1978 einen Übergang von der totalitären zur autoritären Herrschaft; die kommunistische Partei (KP) habe sich von der Klassen- zur Volkspartei gewandelt. Dagegen bewertet Jörg-M. Rudolph von der Fachhochschule Ludwigshafen die KP als Geheimbund, deren Kader Anweisungen von oben gehorchen und den Staat als Beute betrachten. Seine Argumentation ist methodisch schwach – trotz der Zitate in Chinesisch. So leitet er politische Bewertungen aus der o ziellen Ideologie der KP ab und Konstanten der politischen Kultur Chinas aus Textstellen der Klassiker. Seltsam auch, dass Rudolph über die „Verschwendungswirtschaft“ klagt, mit der China das Weltklima gefährde, und ignoriert, dass die Staatsführung in gewissem Maße auf Klagen über Umweltschäden reagiert. Heberer zeichnet dagegen China als Land im tiefgreifenden Wandel. Er schildert die Praxis der Parteiherrschaft samt Konfliktlinien in der KP, betrachtet die Wechselwirkung mit Veränderungen in der Gesellschaft und zeichnet nach, was in China selbst über politische Reformen gedacht wird. Der wirtschaftliche Erfolg verschaffe der KP Legitimität. Das ergibt eine sehr gute Einführung in Staat und Gesellscha Chinas. An zwei Punkten geht Heberers Verständnis für die KP allerdings sehr weit: Bei Tibet bleiben die Hinweise auf Eroberung, Unterdrückung und Zurücksetzung der Minderheit merkwürdig blass, ihre Proteste werden nicht wirklich nachvollziehbar gemacht. Und am Ende macht sich Heberer die Ansicht zu eigen, China sei für die Demokratie noch nicht reif, weil die „in armen Ländern generell fragil“ sei. Doch jede Demokratisierung ist riskant. Laut Heberer soll man sie deshalb in China noch verzögern. Hat dann die KP Recht, die zu diesem Zweck Dissidenten, die das anders sehen, zum Schweigen bringt.

Bernd Ludermann

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