Salpeter und Putschisten

Toni Keppeler bündelt Erfahrungen und Eindrücke aus 30 Jahren zu einem aktuellen Porträt Chiles mit seinen zahlreichen Konflikten. Und gibt damit einen schnellen, leicht zu lesenden Überblick über das Land.

Die im Titel erwähnte Bewegung geht von den Studentinnen und Studenten aus, die bessere Bildungschancen für alle einfordern und dabei den Staat in die Pflicht nehmen. Ikone dieser Studentenproteste ist Camila Vallejo, die heute für die Kommunistische Partei im chilenischen Parlament sitzt. Ein ausführliches Interview mit ihr ist Ausgangspunkt des Buches, das mit einer linken politischen Analyse der Jetztzeit beginnt. Anschließend arbeitet sich der Autor in wenigen Schlaglichtern durch Geschichte und Wirtschaft des Landes und macht dabei jedes Kapitel an einer Person fest. So erzählt er anhand der Biographie des ehemaligen Minenarbeiters Haroldo Quinteros von der Salpeterwirtschaft, die Chile reich gemacht und in einen noch heute nachwirkenden Krieg mit den Nachbarn Peru und Bolivien verwickelt hat. Denn Bolivien hat den Kampf um den verlorenen Zugang zum Pazifik nicht aufgegeben – momentan beschäftigt sich der Internationale Gerichtshof mit dem Streit darum.

Als Hauptexportprodukt wurde der in der Atacama-Wüste lagernde stickstoffreiche Salpeter inzwischen vom Kupfer abgelöst, dessen große Bedeutung für die Volkswirtschaft das Land den Launen des Weltmarktes ausliefert. Den Konflikt mit den im Süden des Landes beheimateten Ureinwohnern, den Mapuche, erzählt Keppeler anhand der schweizerischen und deutschen Einwanderer. Sie wurden von der Regierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit großzügigen Ländereien angelockt. Bis heute hat sich die Regierung der Eroberung des Südens, die letztlich mittels Völkermord geschah, nicht gestellt.

Die Jahre der Volksfrontregierung unter dem Sozialisten Salvador Allende, die Erfolge und Misserfolge der demokratischen Revolution illustriert Keppeler über kleine Geschichten; den Putsch vom 11. September 1973 und die 17 Jahre währende brutale Militärdiktatur schildert ein Überlebender aus seiner Erinnerung.

Das Erbe der Diktatur, die Chile zu einem Friedhof für Oppositionelle und zu einem Labor für neoliberalen Extremismus machte, wiegt schwer. Auch sieht Keppeler den Übergang von den bleiernen Jahren der Pinochet-Herrschaft zur Demokratie noch nicht abgeschlossen. Schließlich wurde der Diktator in seinen letzten Lebensjahren nicht wegen seiner Verantwortung für Folter und Mord an Tausenden Menschen zur Unperson, sondern wegen der Schwarzgeldkonten, die bei ihm entdeckt wurden.

In der OECD bleibt Chile das Land mit der ungerechtesten Einkommensverteilung. Die Militärs haben für ihr eigenes Wohlergehen individuell und als Institution vorgesorgt und enorme Vermögen angehäuft. Und sie misstrauten offenbar – völlig zu Recht – den privaten Rentenfonds, zu deren Zeichnung sie die Zivilisten verpflichteten, und genießen nunmehr sichere Pensionen aus einem Umlagesystem.

Toni Keppeler hat Erfahrungen und Eindrücke aus 30 Jahren und zahlreichen Reisen gebündelt und vermittelt durch Interviews die notwendige Aktualität. Der in flotter Sprache und mit schönen Farbaufnahmen der Fotografin Yvonne Berardi ergänzte Band gibt einen schnellen Überblick über ein Land, dessen Geschicke vor 40 Jahren die Welt gleichermaßen fesselten und in zwei Lager teilten, das aber weitgehend aus den Nachrichten der Tagespresse verschwunden ist. Vor allem die Mapuche, die zu neuem Selbstbewusstsein gekommen sind und sich gegen rechtswidrige Projekte von Holzkonzernen, Elektrogesellschaften und Bergbauunternehmen zur Wehr setzen, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Die Ursachen all dieser Konflikte aufzuzeigen, ist ein großes Verdienst dieses Buches.

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