20.04.2017

Der Mythos von Afrikas Mittelschicht

Internationale Organisationen beschwören schon lange einen Aufstieg der Mittelschicht in Afrika. Henning Melber nimmt die Vorstellung von solch einer aufstrebenden Kundengruppe als Motor der afrikanischen Wirtschaft kritisch unter die Lupe.

Henning Melber (Hg.): The rise of Africa’s Middle Class. Zed Books, London 2016. 219 Seiten, ca. 24 Euro
Die UN-Entwicklungsorganisation (UNDP) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostizieren seit Jahren einen Aufstieg der Mittelschicht. So soll in afrikanischen Staaten demnach die Gruppe derjenigen, die mehr als zwei US-Dollar am Tag verdienen, stetig wachsen und die Wirtschaft ankurbeln. Ebenso beschwören Weltbank und Afrikanische Entwicklungsbank für die Zukunft ein Szenario zahlungskräftiger und kauffreudiger Konsumentinnen und Konsumenten. Mit diesem Bild einer großen, stetig wachsenden Kundengruppe, die Afrikas Wirtschaft voranbringt, setzen sich die Autoren dieses Sammelbandes kritisch auseinander.

Das beginnt mit der Frage, was eigentlich die Mittelklasse ausmacht und inwieweit ausgewählte wirtschaftliche Kriterien wie das Einkommen für solide Untersuchungen ausreichen. Schließlich ist die Kaufkraft in afrikanischen Staaten vergleichsweise gering. Gleichzeitig ist die Kluft zwischen kleinen reichen Eliten und großen Massen armer und arbeitsloser Menschen nirgends so groß wie in eben diesen Staaten. Die UN-Industrie- und Handelsorganisation UNIDO stellte vor fünf Jahren fest, dass Bruttoinlandsprodukt, Exporte und arbeitsintensive Industriezweige auf dem afrikanischen Kontinent nicht wachsen, sondern schrumpfen.

Aus diesem Grund fordert Herausgeber Henning Melber sowohl in seiner Einleitung und erst recht in seinem Schlusswort, den engen entwicklungspolitischen Fokus der Mittelklasseforschung auszuweiten und Klassenanalysen im umfassenden Sinn vorzunehmen, also sozioökonomische und kulturelle Aspekte ebenso wie politische Einstellungen zu untersuchen. Lebenswelten, Habitus, Milieus, soziale Interaktionen, kulturelle Orientierungen und Distinktionen sind weitere Konzepte, mit denen einige der elf Autorinnen und Autoren argumentieren. Die anschaulichen Fallbeispiele der Autoren – zumeist Politologen, Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler aus afrikanischen und europäischen Ländern – reichen von Ghana und Nigeria über Kenia und Tansania bis nach Mosambik, Südafrika und Angola.

Beispielhaft ist der Artikel von Nkawachukwu Orji über Nigeria. Der Politikwissenschaftler beschreibt, wie in seinem Heimatland direkt nach der Kolonialzeit eine frühe Mittelklasse entstand, deren Zusammensetzung sich regional unterschied und von den wechselnden Regierungen und der jeweiligen Wirtschaftspolitik abhing. Auch ihre politischen Ausdrucksmöglichkeiten wurden dadurch beeinflusst. Die heutige nigerianische Mittelschicht rekrutiert sich, wie Orji beschreibt, vor allem aus gut gebildeten, privatwirtschaftlich tätigen Personen. Sie seien zentrale Kräfte des Widerstands gegen Subventionsstreichungen von Treibstoff und bei der Kampagne zur Freilassung der Schülerinnen gewesen, die Boko Haram gefangen genommen hatte. Er unterstreicht die große Bedeutung elektronischer Kommunikationsmedien und schlägt abschließend seinen Landsleuten vor, sich stärker miteinander zu vernetzen – sowohl innerhalb der Mittelklasse als auch mit ärmeren und marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen. So bietet dieser Artikel interessante Diskussionsimpulse und ist beispielhaft für das insgesamt lesenswerte Buch.
 

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