Ein verwegener Mix

In Rita Indianas Dystopie von einer ökologisch zerstörten und von einem Volkstribun beherrschten Dominikanischen Republik verschwimmen die (Geschlechts-)Identitäten der Protagonisten ebenso wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Dominikanische Republik im Jahr 2027: Schon 15 Jahre ist der charismatische Sozialist Said Bona Präsident. Er hat nicht nur Firmen enteignet, Privatbesitz verstaatlicht und den Voodoo zur Staatsreligion erklärt, sondern auch venezolanische Biowaffen ins Land gelassen. Nachdem ein Seebeben mit Tsunami der Insel und dem Waffenlager schweren Schaden zugefügt hat, ist das Karibische Meer verseucht. Einst der Spiegel des Himmels, sieht es jetzt aus wie verätzte Schokolade, wie die Erzählerin schreibt. Fische gibt es nur noch in alten Filmen zu bewundern. Der Inselstaat gleicht einer düsteren, brutalen und apokalyptische Sciene-Fiction-Welt. Entsprechend findet auch Said Bonas Beliebtheit im Volk allmählich ein Ende.

Rettung soll die 16-jährige Acilde Figueroa bringen. Sie ist das Hausmädchen von Esther Escudero, einer Voodoo-Priesterin und Schwester des Präsidenten. Einst hat sie ihr Geld als Stricherin verdient und sich dabei als Junge ausgegeben. Acilde träumt von einer Geschlechtsumwandlung. Dieses Ziel erreicht sie schließlich auch – ohne Operationen, nur durch Injektion eines Stoffes namens „Rainbow Bright“. Damit erfüllt sich scheinbar das Orakel, das Voodoo-Priesterin Escudero einst enthüllt hatte: Ihr Haus werde den rechtmäßigen Sohn Olukuns empfangen, einer Gottheit der Tiefen des Ozeans. Acilde, neugeboren als Mann, soll dieser Auserwählte sein und nach dem Willen von Staatspräsident Bona Land und Meer retten.

Acilde lässt sich auf dieses Vorhaben ein, verfolgt dabei aber ihre beziehungsweise seine eigenen Pläne. Er, das ist jetzt Giorgio Menicucci, ein männliches Ich, das auf anderen Zeitebenen existiert, nämlich in den 1990er und 2000er Jahren. Und noch ein zweites männliches Ich entsteht auf wunderbare Weise: Roque, ein Bukanier im 17. Jahrhundert. Die Bukanier waren Siedler meist französischer Herkunft, die verwilderte Stiere und Schweine jagten und später als Piraten die Karibik unsicher machten. Alle drei Ichs sind in ihrem Empfinden, Denken und Handeln über die verschiedenen Zeitebenen hinweg miteinander verknüpft. Wie – und welche Rolle andere Figuren spielen, deren Geschichten ebenfalls erzählt werden –, das enthüllt sich erst nach und nach. Der Ausgang des Romans bleibt bis zum Schluss ungewiss, was die Lektüre spannend macht.

Allerdings schreibt die 1977 in Santo Domingo geborene Rita Indiana nicht schön. In rasantem Tempo, übersprudelnd vor kreativen Einfällen, springt die bekennende Homosexuelle und im lateinamerikanischen Raum bekannte Musikerin zwischen Schauplätzen und Zeitebenen hin und her. Ihre Sprache dabei ist oft grob, manchmal fast abstoßend, nah am Tabubruch. Fiktion und Realität verschwimmen und ständig werden Grenzen überschritten: zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ebenso wie zwischen Geschlechtern und Identitäten. Die Themen sind vielfältig: Religion, Prostitution, Korruption, Drogenhandel, Korallentod, Kulturbetrieb, um nur einige zu nennen. Gerade wegen seiner „zahllosen diskursiven Schichten“ wurde das Buch mit dem Großen Preis der Association of Caribbean Writers ausgezeichnet. Laut Jury verschmelzen seine Elemente zu einer Erzählung, in der sich das Umgangssprachliche mit dem Rhythmus von Musik und Kunst mische.

Insgesamt ein faszinierender, verwegener Mix, der den Leserinnen und Lesern allerdings auch viel Konzentration und Kombinationsgabe abverlangt.


 

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