Soforthilfe gegen Verschwendung

Tonnenweise entsorgte Lebensmittel und engagierte Essensretter: Die Schweizer Autorin Claudia Graf-Grossmann zeigt, wo auf dem Weg zwischen Feld und Teller die meisten Abfälle entstehen und wie sie vermieden werden können.

Lebensmittel werden billiger, und was billiger wird, verliert an Wert: Die europäische Wohlstandsgesellschaft hat ein Abfallproblem. Für jede wohlgeformte Karotte im Supermarkt bleiben zwei bis drei weniger hübsche auf dem Hof zurück, beim Brotweizen erreichen bis zu 60 Prozent der Ernte nie einen Konsumenten. Wie die Autorin zeigt, beginnt das Problem „Food Waste“ schon auf den Feldern und Höfen: Ein Teil der Ernte wird maschinell nicht erfasst, kullert vom Fließband oder ist schlichtweg  noch nicht reif. Da eine Nachernte per Hand zu teuer wäre, wird das verbleibende Gut untergepflügt. Auch die hohen Ansprüche der Händler sind prekär. Um international konkurrenzfähig zu bleiben, fordern Supermärkte und industrielle Abnehmer erstklassige Qualitäts- und Formstandards. Diese übertreffen die gesetzlichen Vorgaben und haben zur Folge, dass die Kunden im Supermarkt nur makellose Ware gewöhnt sind – taufrisch, ohne Dellen, Verformungen oder Überreife. Lebensmittel mit natürlichen Macken lassen sich so nicht mehr verkaufen. Das möchte die Betriebs­ökonomin Graf-Grossmann ändern – damit unter großem Aufwand gezogene Lebensmittel seltener in der Tierfutterproduktion, in Biogasanlagen oder direkt im Müllcontainer landen.

Sie ist nicht die Einzige. Eine wachsende Nachhaltigkeitsbewegung – Graf-Grossman nennt sie in ihrem Buch die Food Saver – sucht nach Wegen, Essen möglichst restefrei zu erzeugen, zu transportieren und zu verarbeiten. Viele ihrer leitenden Köpfe stellt die Autorin vor. Unter ihnen sind Besitzer von alternativen Nachhaltigkeitsläden, die auch Waren entgegen der Norm eine Chance geben, ebenso wie die Gründerin des Zero-Waste-Lifestyles, die ihre Müllproduktion im Alltag auf ein absolutes Minimum drosseln möchte.

Auch für den Alltag der Verbraucher präsentiert das Buch viele Tipps, um Abfall zu reduzieren: etwa nur mit Einkaufszettel einkaufen zu gehen, überflüssiges Obst und Gemüse einzufrieren oder einzumachen und trocken gewordene Backwaren mit Wasser frisch aufzubacken. Ein gängiges Prinzip ist auch „nose to tail“ oder „leaf to root“ zu kochen, also möglichst viel von Tieren und Pflanzen für Mahlzeiten zu verwerten.

Anhand von über 200 Quellen zeichnet die Autorin ein umfassendes und aktuelles Bild des Problems, geht auf die kurze „Lebensgeschichte“ einzelner Nahrungsmittel ein und skizziert alternative Ansätze wie Containern oder Urban Gardening. Ihre Sprünge zwischen verschiedenen Themen und kurzen Kapiteln wirken der Lesefreude entgegen, dafür stellt das Buch jedoch eine großen Bandbreite an Standpunkten, Ideen und Blickwinkeln vor. Der teils sehr sachliche Sprachstil wird immer wieder durch kreativ-inszenierte Lebensmittelfotografien und Grafiken aufgelockert. Das Buch ist damit ein informativer Beitrag zu einem Thema mit drängender gesellschaftlicher Relevanz. In erster Linie werden allerdings schweizerische Initiativen und Projekte vorgestellt.

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