11.06.2019

Bitterer Kampf gegen die Mangelwirtschaft

Das Gesundheitssystem in Venezuela ist aufgrund der Wirtschaftskrise in einem desolaten Zustand. Der Dokumentarfilm von Tuki Jencquel erzählt, wie fünf engagierte Venezolaner ums Überleben kämpfen und versuchen, das Beste aus der verfahrenen Lage zu machen.

Está todo bien – Alles ist gut. Venezuela/Deutschland 2018, Regie: Tuki Jencquelm, 70 Minuten, Kinostart: 20. Juni 2019
Venezuela steht unter dem sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro vor dem ökonomischen Kollaps. Die Inflation galoppiert, die Staatskassen des ölreichsten Landes der Erde sind leer. Der Machtkampf zwischen Maduro und dem Oppositionsführer und selbst ernannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó bleibt ungelöst. Überall protestieren Menschen gegen Maduro, der sich mit Hilfe des Militärs an der Macht hält. Drei Millionen Venezolaner sind angesichts der trostlosen Lage ins Ausland geflohen, zwei Millionen wollen schätzungsweise noch dieses Jahr emigrieren.

Das ist der Hintergrund für den Dokumentarfilm des Deutsch-Venezolaners Tuki Jencquel, der am Beispiel von fünf Venezolanern aufzeigt, wie die allgemeine Misere das Gesundheitssystem ausgehöhlt hat. Die Aufnahmen dazu entstanden zwischen Mai 2016 und August 2017.

Der Film beginnt mit Rosalía, die ihre Apotheke aufschließt. Deren Regale sind fast leer, die Inhaberin muss die meisten Patienten wieder wegschicken, weil sie keine Medikamente mehr hat und ohnehin zu wenige geliefert werden. Auch die Krebskranken Mildred und Rebeca  fragen überall vergeblich nach Medikamenten. Sie sind auf Spenden von Hilfsorganisationen angewiesen oder von Menschen, deren Angehörige an Krebs gestorben sind und die deshalb die restlichen Tabletten weitergeben. Der junge Unfallchirurg Efraím und der Sozialaktivist Francisco stemmen sich gegen den medizinischen Blackout. Sie helfen, so gut es geht: Efraim im Krankenhaus und Francisco als Mitglied einer Organisation, die aus dem Ausland auf trickreichen Wegen Arzneimittel für eine so genannte „Apotheke der Solidarität“ beschafft. Sie lassen sich von den Drohungen des Regimes nicht abschrecken und protestieren auch im Parlament gegen die Missstände.

Der Regisseur, der in seiner Heimatstadt Caracas Betriebswirtschaft und in New York Film studiert hat, verzichtet in seinem Langfilmdebüt auf erklärende Off-Kommentare. Sein Film folgt den fünf Protagonisten abwechselnd in ihrem Alltag und zeigt, wie sie zwischen Momenten der Ohnmacht und des Widerstands pendeln. Zwischendurch hält die Kamera gleichsam inne und zeigt uns aus der Vogelperspektive das Häusermeer der Hauptstadt Caracas.

Eine dritte Ebene bilden theaterhafte Szenen in ausgebleichten Farben, in denen die Protagonisten in leeren Räumen ihre Erlebnisse reflektieren und nachspielen. Indem sie sich in Psychodramasitzungen kreativ mit ihren harten Lebensbedingungen auseinandersetzen, verarbeiten sie die geradezu kafkaesken Zustände ihres Landes. Der Regisseur erklärt zu diesem Stilmittel der künstlerischen Überhöhung: „Die Gesundheitskrise wird von der Regierung heftig geleugnet. (…) Wenn der Film von offizieller Seite sowieso als Fiktion abgestempelt wird, wieso ihn nicht von Anfang an auf einer Bühne inszenieren?“

Aus dem Umfeld der Protagonisten erfahren wir Erschütterndes: Jemand berichtet, dass in einer Klinik 80 Neugeborene auf einmal gestorben sind. Die verzweifelte 20-jährige Rebeca muss über soziale Medien wie Twitter nach Medikamenten suchen, um ihre Leukämie in Schach zu halten. 16.000 Ärzte haben das Land bereits verlassen. Viele Medizinstudenten wollen weg, sobald sie ihre Ausbildung beendet haben. Ein Arzt bekommt einen Monatslohn von umgerechnet zwölf Dollar, das reicht nicht einmal für Lebensmittel. „Wir verdienen weniger als den Mindestlohn“, sagt Efraím. Kein Wunder, wenn das Land langsam, aber sicher ausblutet.

Wie ein dunkler Schleier liegt über der Dauermisere die Frage: Auswandern oder bleiben? Wer es sich leisten kann, reist aus. Doch was ist mit den übrigen? Sie bekommen zwar Hilfe von emigrierten Verwandten, Exilgruppen und nichtstaatlichen Organisationen. Doch das reicht nicht. Der bewegende Film endet trostlos: Rosalía und ihr Mann müssen die Apotheke schließen, weil sie vor dem Bankrott stehen.

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