15.05.2019

Mitreißendes Drama


Chinelo Okparantas Debütroman schildert die Identitätsfindung ihrer lesbischen Protagonistin vor dem Hintergrund des Biafra-Krieges. Die Geschichte ist feinfühlig erzählt und lenkt den Blick auf die Verfolgung Homosexueller in dem westafrikanischen Land.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen. Aus dem nigerianischen Englisch von Sonja Finck und Maria Hummitzsch. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018, 336 Seiten, 25,80 Euro
Die Geschichte beginnt inmitten eines grausamen Krieges. Im Biafra-Krieg bekämpften nigerianische Truppen von 1967 bis 1970 die Region Biafra im Südosten Nigerias, die sich für unabhängig erklärt hatte. „Biafra-Kinder“ mit Hungerbäuchen waren damals in den westlichen Medien das Symbol für die „Dritte Welt“. Okparantas Schilderung des Bürgerkriegsgeschehens sind von solchen Klischees weit entfernt und wirken dabei so lebendig und real, als habe die 1981 geborene nigerianisch-amerikanische Autorin diese Zeit selbst miterlebt. Bemerkenswert ist aber vor allem, dass sie diese kriegszerstörte Umgebung als Ausgangspunkt für die Geschichte eines lesbischen Mädchens wählt, das um seine Identität ringt.

An einem Tag im Juni des Jahres 1968 hört der Vater der jungen Protagonistin Ijeoma, einer christlichen Igbo, im Radio die Nachricht, dass Angehörige der Volksgruppe der Hausa einen Igbo mit Benzin übergossen und angezündet haben.
Das steigert seine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit angesichts des Krieges und der Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen so sehr, dass er bei einem Angriff von Kampfbombern einfach auf dem Sofa sitzen bleibt, statt im Bunker Schutz zu suchen - und bei dem Angriff umkommt. Ijeomas Mutter verkraftet den Tod ihres Mannes nicht, wird depressiv und kann sich nicht mehr um die 13-Jährige kümmern. Sie schickt die Tochter zu einem befreundeten Lehrerehepaar, bei dem Ijeoma dann als Hausmädchen arbeitet. Dort lernt die Heranwachsende Amina kennen. Die Angehörige der Hausa ist ein Straßenkind, das im Krieg seine Familie verloren hat. Der Lehrer und seine Frau nehmen auch sie auf. Zwischen den beiden Mädchen wächst eine enge Freundschaft und daraus eine zarte Liebe.

Als die Beziehung auffliegt, wird Ijeoma von dem Lehrerehepaar zu ihrer streng religiösen Mutter zurückgeschickt, die versucht, ihrer Tochter die Neigung zum weiblichen Geschlecht durch Bibellektionen zur „Seelenreinigung“ auszutreiben. Amina bleibt bei dem Ehepaar, das versucht, sie „geradezubiegen“.

In einem Mädcheninternat begegnen sich Ijeoma und Amina einige Zeit später wieder. Die Leidenschaft flammt erneut auf, doch Amina entscheidet sich gegen ihre Gefühle. Später verliebt sich Ijeoma in eine andere Frau, Ndidi.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist in Nigeria bis heute verboten, Homosexuelle werden vom Staat rigoros verfolgt und von der Kirche gebrandmarkt. Sie riskieren nicht nur Verhaftung und Gefängnis, sondern den Tod. Im Buch werden zwei schwule Männer totgeprügelt. Ijeoma und Ndidi entgehen nur knapp einem ähnlichen Schicksal, als ein Gebäude, das als geheimer Treffpunkt für Lesben dient, angezündet wird. Eine Frau stirbt in den Flammen. Ijeoma versucht nun, ihre sexuelle Orientierung zu verleugnen, sie heiratet einen Mann, bekommt eine Tochter. Und ist mit diesem Leben sehr unglücklich.

Chinelo Okparanta beschreibt die erotische Liebe zwischen Frauen und deren Ringen um lesbische Identität sehr feinfühlig. Sie ist überhaupt eine Meisterin der Einfühlung in ihre Figuren, etwa in die innere Welt des Mädchens Ijeoma. Die Personen kommen einem nah, zugleich sind sie ganz selbstverständlich in den afrikanischen Hintergrund eingebettet. Vergleiche und Sprachbilder, die Alltagsrealitäten Nigerias widerspiegeln, durchziehen das Buch: „Seine Stimme klang rau wie ein geflochtener Korb, den jemand über einen Betonboden zieht.“ Okparanta zeichnet mit feinem Pinsel, nichts wirkt übertrieben, aufdringlich oder aufgesetzt. Die Romanhandlung fesselt, ohne reißerisch zu sein. Ein gelungenes Debüt!

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