24.10.2019

Der lange Arm der Politik

Kulturrevolution, Ein-Kind-Politik, wirtschaftliche Liberalisierung: Das Filmepos von Wang Xiaoshuai zeigt am Beispiel zweier Familien über drei Jahrzehnte hinweg, wie stark politische Strukturen in China das Privatleben prägen.

Bis dann, mein Sohn. China 2019, Regie: Wang Xiaoshuai, 175 Minuten, Kinostart: 31. Oktober 2019
Seit seinem Debütfilm „Days“ (1993) gilt der Regisseur Wang Xiaoshuai als Pionier des unabhängigen Filmschaffens in China. In seinem neuen, bislang ambitioniertesten Werk schildert er, wie Privates und Politisches in der Volksrepublik einander durchdringen und wie sich die Menschen im Getriebe einer sich permanent wandelnden Gesellschaft behaupten müssen.

Im Zentrum der bedächtigen Erzählung stehen die Eheleute Liu Yaojun und Wang Liyun, die in einer Metallfabrik in einer nordchinesischen Stadt arbeiten. An einem schönen Sommertag 1994 ertrinkt ihr einziger Sohn Xingxing im See des nahen Staudamms, nachdem sein bester Freund Haohao den Nichtschwimmer zum Baden überredet hat. Haohao ist der Sohn von Li Haiyan und Shen Yingming, die mit den Eheleuten Yaojun und Liyun befreundet sind. Diese haben auch die Patenschaft für Haohao übernommen. Der tödliche Unfall ist umso tragischer, als Haiyan, die Beauftragte für Familienplanung in der Fabrik ist, ihre beste Freundin Yaojun einige Jahre zuvor gezwungen hatte, wegen der Ein-Kind-Politik eine zweite Schwangerschaft abzubrechen. Seitdem ist Yaojun unfruchtbar.  

Jahre nach dem Tod des Jungen leben die Eltern des Verstorbenen in einem südlichen Küstenstädtchen, in dem der Mann eine Reparaturwerkstatt betreibt. Ihr 16-jähriger Adoptivsohn Liu Xing schwänzt die Schule, läuft nach einem Streit mit dem Vater davon und schließt sich einer Motorradgang an. Als abermals Jahre später bei Haiyan ein unheilbarer Hirntumor festgestellt wird, lädt sie Yaojun und Liyun zu sich ein. Bei der Zusammenkunft wird deutlich, wie sehr Haiyan, ihr Mann und ihr Sohn, die im Zuge des chinesischen Turbokapitalismus zu Reichtum gekommen sind, unter ihrer Schuld leiden. In einem großen Finale, das in mehrfacher Hinsicht auf den Filmtitel anspielt, bahnt sich eine umfassende Versöhnung an.  

Wang Xiaoshuai und sein Drehbuch-Koautor Mei Ah erzählen das Drama um die beiden geradezu schicksalhaft miteinander verbundenen Familien in mehreren, geschickt verknüpften Zeitebenen. Vor allem die Rückblenden eröffnen nach und nach die Tragweite der Ereignisse sowie Motivationen und Geheimnisse der Figuren. Zudem wird die doppelte Familienchronik durch dramaturgisch wichtige Nebenhandlungen vertieft. So stellt sich heraus, dass Yaojun mit der Auszubildenden Moli, der jüngeren Schwester von Yingming, ein Kind gezeugt hat. Die junge Frau stellt den Erzeuger vor die Entscheidung, ob sie das Kind abtreiben oder ob sie es ihm und seiner Frau überlassen soll - offensichtlich wird daraus der Adoptivsohn Xing. Am Beispiel der Nebenfigur Xinjian wird wiederum deutlich, wie drakonisch und willkürlich die Diktatur mit Störfaktoren umgeht: Weil der lebenslustige Fan eines Filmstars aus Hollywood an einer „dunklen Party“ teilgenommen und unerwünschte Musik gehört hat, verschwindet er für Jahre hinter Gittern.

Trotz der dramatischen Fallhöhe vieler Ereignisse vermeidet die Regie jeden Anflug von Sentimentalität. So verwandelt sich das von humanistischer Empathie geprägte Familiendrama in ein dicht gewebtes Gesellschaftspanorama, das vor allem von einem ausdrucksstarken Schauspielensemble getragen wird, aus denen die Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jing herausragen. Dadurch, und durch die geschmeidige Montage der verschiedenen Szenen, bleibt der Film auch bei einer Spieldauer von drei Stunden immer spannend. „Bis dann, mein Sohn“ zählt zu jenen Filmkunstwerken, die so komplex und vielschichtig angelegt sind, dass sich auch ein zweites Ansehen lohnt.

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