20.11.2019

Das Schisma erklärt nicht alles

Kein Konflikt hat nur eine Ursache – schon gar nicht im Nahen Osten. Tyma Kraitts lesenswertes Buch erklärt die komplexen Auseinandersetzungen in der Region, ohne auf flache Deutungsmuster zurückzugreifen.

Tyma Kraitt: Sunniten gegen Schiiten. Zur Konstruktion eines Glaubenskrieges. Promedia-Verlag, Wien 2019, 232 Seiten, 19,90 Euro
Krisen und Kriege prägen den Nahen Osten seit Jahrzehnten. Bürgerkrieg im Libanon, der Irak gegen den Iran, der Irak gegen Kuwait, die USA gegen den Irak, dann der Islamische Staat im Irak, seit acht Jahren Krieg in Syrien, seit 2015 Krieg im Jemen. Die Liste ist so vielfältig wie unvollständig, und gern würde man verstehen, warum der Nahe Osten nicht zur Ruhe kommt. Seit einigen Jahren sehen Politiker, Wissenschaftler und Journalisten die Wurzel eines jeden Konfliktes im Nahen Osten in dem großen innerislamischen Schisma, also in der – blutigen – Trennung der Schiiten von den Sunniten in der Anfangszeit des Islams vor knapp 1400 Jahren. Die These wirkt bestechend. Denn tatsächlich lässt sich in jedem Konflikt der Neuzeit ein gewisser Antagonismus zwischen Schiiten (mit der Schutzmacht Iran) und Sunniten (mit Saudi-Arabien als Schutzmacht) feststellen.

Zu einfach sollte man es sich aber nicht machen, findet die österreichisch-irakische Politikwissenschaftlerin Tyma Kraitt. Mit „Sunniten gegen Schiiten – Zur Konstruktion eines Glaubenskrieges“ legt sie eine grundsolide und gut geschriebene politikwissenschaftliche Analyse vor, mit der sie die These vom allbestimmenden schiitisch-sunnitischen Schisma widerlegt und sozioökonomische Aspekte sowie Einmischung und Interessen des Westens in ihre Analyse einfließen lässt.

Kompakt und ohne oberflächlich zu werden, umreißt sie die frühislamische Geschichte, in der der Grundkonflikt zwischen Schiiten und Sunniten bereits angelegt ist. Dann beleuchtet sie am Beispiel Libanon und Irak das perfide Spiel der Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, die nicht nur willkürlich Grenzen zogen, sondern auch Glaubensgemeinschaften gegeneinander ausspielten. So stärkte zum Beispiel die Schutzmacht Frankreich im Libanon den christlichen Maroniten den Rücken und sorgte dafür, dass sie eine tragende Rolle im politischen System nach der Unabhängigkeit 1947 spielen konnte. Im Irak wiederum stützte die britische Mandatsmacht ihre Herrschaft auf eine kleine sunnitische Elite, obwohl die Schiiten damals bereits die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Die Autorin räumt dem Faktor Religion viel Platz ein. Sie zeichnet die Ursprünge des politischen Islams sowohl auf sunnitischer (Muslimbruderschaft) als auch auf schiitischer Seite (iranische Revolution) nach, geht auf Wahhabismus und Salafismus ein und schenkt den modernen Gotteskriegern ein eigenes Kapitel.

Im letzten Teil zeigt Kraitt anhand der aktuellen Krisenherde Syrien, Jemen und Irak, wie wenig sich die These vom alles erklärenden Schisma zwischen Sunniten und Schiiten belegen lässt. So hätten in Syrien Vater und Sohn Assad, die zur schianahen Minderheit der Alawiten gehören, immer wieder die Nähe zu sunnitischen Würdenträgern gesucht, „gerade weil sie als Angehörige einer Minderheit deren Unterstützung benötigten“. Auch hätten sie sich immer als Mainstream-Muslime präsentiert, um bei der sunnitischen Mehrheit Anschluss zu finden. Sohn Baschar ist zudem mit einer Sunnitin verheiratet. Den Krieg hätten keineswegs allein religiöse Konflikte, sondern vor allem soziale Missstände und die grassierende Korruption ausgelöst. Die Konfessionalisierung des Krieges sei vor allem dem Umstand geschuldet, dass – wie in vielen anderen Staaten im Nahen Osten – auch in Syrien soziale Benachteiligung mit religiöser Zugehörigkeit zusammenfallen und dieser Umstand wie ein Katalysator einen bereits bestehenden Konflikt zusätzlich befeuert. Die intervenierenden Staaten hätten dann das Ihre dazu beigetragen, dass die Gräben zwischen Sunniten und Schiiten immer größer wurden, was sowohl dem Regime als auch Teilen der (sunnitischen) Opposition sehr zupass kam.

Tyma Kraitts Studie kommt zur rechten Zeit. Der Nahe Osten ist Europa zu nah, als dass wir es uns erlauben könnten, die dortigen Konflikte auszublenden. Auch wenn Hintergründe, Historisches, Loyalitäten und Identitäten oft schwer zu durchschauen sind, eine erfolgreiche europäische Nahostpolitik kommt nicht daran vorbei, sich mit ebenjenen auseinanderzusetzen. Kraitts Buch ist dabei sehr hilfreich.

 

 

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