11.03.2020

Legende eines Killers und Kronzeugen


Die Brüder Óscar und Juan José Martínez aus El Salvador legen nach jahrelangen Recherchen ein vierteiliges Buch über die Wurzeln der Gewalt in ihrem Heimatland vor. Die Lektüre ist hochspannend und informativ.

Óscar Martínez, Juan José Martínez: Man nannte ihn El Niño de Hollywood, Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha, Verlag Antje Kunstmann, München 2019, 316 Seiten, 25 Euro.
Es sei ihre Art, „den Hinterhof der Vereinigten Staaten zu verstehen und zu erklären“, leiten die Autoren ihr Werk ein. Schließlich habe US-Präsident Donald Trump von „Shithole“-Staaten gesprochen, als habe die Politik der USA nichts mit den mittelamerikanischen Zuständen zu tun.

Teil I des Buches beginnt am 23. November 2014 mit der Bestattung des Protagonisten Miguel Angel Tobar, Killer der Jugendgang Mara Salvatrucha. Er selbst nannte sich El Niño de Hollywood, der Junge aus Hollywood, obwohl er Zeit seines Lebens nie in Kalifornien war. Der junge Mann wurde zum Opfer seiner Bande, weil er Dutzende seiner ehemaligen Kumpane, die zuvor seinen Bruder ermordet hatten, an die Staatsanwaltschaft verriet.

Im zentralen Teil II zeichnen die Autoren die Entwicklung des Protagonisten zum Killer nach. Sie stützen sich auf eigene Gespräche mit El Niño sowie auf Interviews mit Polizisten und Bandenmitgliedern. Der Teil trägt den Titel „Auf der Parzelle“, denn er umfasst die fast fünf Jahre, in denen El Niño als Informant der Polizei mit Frau und Kind in einer Baracke auf einem Stück trockenen Landes hauste. Dort wurde er im Rahmen eines kümmerlichen Zeugenschutzprogramms von einem Polizisten bewacht. Da er keinerlei Perspektive sieht, Frau und Tochter zu ernähren, gibt er auf, verlässt die Parzelle und wird im Dorf von einem ehemaligen Bandenmitglied ermordet. Während Miguel Angels Zeit auf der Parzelle führen die Autoren immer wieder Gespräche mit ihm. Sie versuchen, sein Leben zu ergründen, wollen den Serienkiller verstehen, ohne seine Taten zu rechtfertigen.

Erklärungen für die Entstehung der Jugendbanden und die grassierende Gewalt in El Salvador liefern die Autoren in den Teilen I und III des Buches. Dort beschreiben sie, wie in den 1980er Jahren, auf dem Höhepunkt des militärischen Engagements der USA in Mittelamerika, viele junge Männer vor Krieg, Repression und Zwangsrekrutierungen nach Norden fliehen, in die USA. Dort, in Los Angeles, gründen sie Netzwerke und Jugendgangs (maras), die auf andere Gangs treffen, mit denen sie sich mehr und mehr Straßengefechte um Anteile am örtlichen Drogengeschäft liefern.

Die Autoren sprechen von der Drogenkriminalität als einer „Bestie“, die durch die Politik der Reagan-Administration „gemästet“ wurde. Deren militärische Eingriffe in El Salvador hätten dort für das entsprechende Gewaltpotenzial gesorgt und dafür, dass immer mehr junge Salvadorianer in die USA kamen und dort zu Drogenkriminellen wurden. Anfang der 1990er Jahre schoben die USA dann Hunderte Krimineller nach El Salvador ab. Diese brachten die Kultur der Gewalt zurück in ihr Heimatland, das den langjährigen Bürgerkrieg gerade erst hinter sich gelassen hatte. Ohne jegliche wirtschaftliche oder soziale Perspektive, widmeten sich die Rückkehrer dem Geschäft, das sie in den USA kennengelernt hatten: dem Drogenmarkt. Seither beherrschen Jugendbanden die Straßen der salvadorianischen Städte.

Bislang war keine der salvadorianischen Regierungen, weder Linke noch Rechte, wirklich gewillt, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Vielmehr arrangierten sich die „Mafiosi an der Macht“, so die Autoren, mit den Verhältnissen, wirtschafteten in die eigene Tasche und überließen den Banden sogar die Kontrolle über die Haftanstalten des Landes.

Im kurzen Teil IV besuchen die Autoren mehr als drei Jahre nach Miguel Angels Beerdigung dessen Grab, das sie ohne den Totengräber nicht finden, da dort längst ein anderer Mensch bestattet ist. Doch die Legende des Killers und Kronzeugen, der so viele seiner ehemaligen Bandenmitglieder verraten hat, lebe in der Erinnerung der Menschen fort, auch wenn er jetzt „nur noch Erde und Wurzeln“ sei und „dieses verfaulte Stück Erde der Welt“ dünge.

Das spannende Buch liest sich wie eine romanhafte Reportage – eine genuin lateinamerikanische Gattung, die auch García Márquez oder Vargas Llosa pflegten. Wer das Phänomen der Jugendbanden und die Spirale der Gewalt verstehen und wissen will, warum sich die Menschen in El Salvador auf den Weg nach Norden machen, kommt an dieser faktenreichen, hochspannenden und von Hans-Joachim Hartstein in bestes Deutsch übertragenen Reportage nicht vorbei.

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