Ein sehr persönliches Buch 

In seinem neuen Roman erzählt der israelische Journalist und Autor Nir Baram eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Dabei lässt er gekonnt Geträumtes, Erinnertes und Reales ineinanderfließen.  

Nir Baram: Erwachen. Roman. Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch, Carl-Hanser-Verlag, München 2020, 351 Seiten, 25 Euro
Im Zentrum des Romans steht die Freundschaft von Jonathan und Joël, zwei Jungen, die im Jerusalemer Vorort Beit Hakerem aufwachsen. Dort leben vor allem linksorientierte, säkulare Akademiker mit ihren Familien. Die meisten von ihnen hängen der Idee des sozialistischen Zionismus an, verachten Prunk und Protz und haben insgeheim ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht im Kibbuz leben. Die Figur des Jonathan trägt autobiografische Züge, sie verliert wie der Autor mit 19 seine Mutter und wird später Schriftsteller. 

Während Jonathan sich im Umgang mit anderen Kindern schwertut, fällt es Joël leicht, andere für sich einzunehmen. Die beiden verbindet eine enge Freundschaft, die keinen Raum für andere lässt. Sie entwerfen ihr eigenes imaginäres Königreich, graben über lange Zeit heimlich einen Graben, in den sie sich vor denen zurückziehen wollen, die ihnen gefährlich werden könnten. Mit der Pubertät gehen sie dann zunehmend getrennte Wege und entfremden sich voneinander. Erst als Erwachsener merkt Jonathan, dass Joël unter Depressionen leidet. Der Suizid des Freundes aus Kindheitstagen ist für Jonathan schließlich der Anlass, die Geschichte dieser Freundschaft schriftstellerisch aufzuarbeiten. 

„Erwachen“ ist ein unerwartet persönliches Buch. Wer darin – wie bislang in Barams Werk – eine literarische Verarbeitung des Nahostkonflikts sucht, wird enttäuscht. Die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern kommen nur an wenigen Stellen vor und dann auch nur als diffuses Hintergrundrauschen. Das verwundert, kennt man doch Nir Baram (Jahrgang 1976) als einen, der sich seit Jahren für eine Annäherung zwischen beiden Völkern einsetzt. 

Mit „Erwachen“ zeigt Baram, dass er über sauber recherchierten und gut geschriebenen Journalismus hinausgehen kann. Schonungslos und ungemein präzise schreibt er über Zwischenmenschliches. So etwa, wenn es um die Beziehung zu der über Jahre krebskranken Mutter geht, die ihren Sohn Jonathan immer wieder spüren lässt, dass sie mit ihm nichts anfangen kann, während der große Bruder ihr ein enger Vertrauter ist. Selbst an ihrem Totenbett kommt es nicht zur Aussöhnung. Zurück bleibt ein zutiefst verunsicherter und verletzter junger Mann. 

Seinen Lesern fordert Baram viel ab, vor allem volle Konzentration. Er entwickelt die Geschichte nicht linear, sondern springt immer wieder unvermittelt in Rückblenden. Als Rahmenhandlung dient eine Autorenreise nach Mexiko, auf der sich der Schriftsteller Jonathan bewusst wird, dass er über den Tod Joëls schreiben muss. Auch auf dieser Zeit­ebene flicht Baram immer wieder Geträumtes, Erinnertes und Reales ineinander. Gerade dieser ungemein dichte Schreibstil und die präzise und dennoch unaufdringliche Sprache machen den Roman zu einem Leseerlebnis. Nir Baram gilt zu Recht als einer der spannendsten Autoren der jüngeren Generation in Israel.   

Neuen Kommentar schreiben