17.06.2020

Staatsgründung als Trauma

In seinem Debütroman „Das Gewicht der Zeit“ rollt Jeremy Tiang die düstere Entstehungsgeschichte seines Geburtslandes Singapur auf und erzählt, was die großen Verwerfungen im Kleinen bedeuten. 

Jeremy Tiang: Das Gewicht der Zeit. Residenz-Verlag, Salzburg/Wien, 304 Seiten, 24 Euro
Im Frühjahr 1965 wütet in Asien ein erbitterter Konflikt zwischen Indonesien und dem zwei Jahre zuvor gegründeten Staat Malaysia, zu dem auch die Stadt Singapur gehört. Eben dort, in einem pompösen Bankhaus, bringen zwei Attentäter der indonesischen Marine eine Bombe zur Explosion. Sie handeln auf Geheiß des indonesischen Präsidenten Sukarno, der den neu gegründeten Staat Malaysia bekriegt. Drei Menschen sterben an diesem Tag, Dutzende werden verletzt.

Dieses Ereignis greift der aus Singapur stammende und in New York lebende Autor Jeremy Tiang auf und spinnt daraus die Geschichte einer Familie, in der sich die politischen Verwerfungen rund um die Entstehung des Stadtstaates wiederfinden. Mollie, die Schwester des Protagonisten Jason, stirbt in den Trümmern des gesprengten Bankhauses.

Ihr Tod ist eine von vielen Momentaufnahmen, in denen das Leben der Figuren auf den Kopf gestellt wird: sei es durch Massaker der britischen Kolonialmacht im einstigen British Malaya, durch den Terror aus Indonesien in den 1960ern oder durch antikommunistische Repressionen in Malaysia und dem 1965 gegründeten Singapur, die noch Jahrzehnte anhielten. Stetig springt die Erzählung in der zweiten Jahrhunderthälfte umher und zeigt die verschiedenen Charaktere und wie sie mit der allgegenwärtigen Gewalt umgehen. 
Jasons Familie treibt dieser Kampf auseinander. Seine Frau, eine Gewerkschafterin, verlässt ihn und die Kinder im Jahr 1963 und sucht ihr Heil im kommunistischen Widerstand. Ihre Tochter flüchtet sich später als Erwachsene in christliches Pflichtgefühl, ihr Sohn verschwindet nach London. Jason selbst vergräbt sich in Selbstmitleid. Jahrzehnte später wird er vergreist auf ein Leben zurückblicken, in dem er eher wehmütiger Beobachter als aktiver Teilnehmer war.

Neben Jasons Geschichte erzählt Jeremy Tiang auch die von fünf weiteren Protagonisten, die er gekonnt miteinander verwebt. Mit dieser Fülle an Biografien bastelt Tiang ein Mosaik, das Aufschluss gibt über die Entstehungsgeschichte jener Staaten, die wir heute als Malaysia und Singapur kennen.

Tiang, Jahrgang 1977, nimmt in seinem Roman die emotionale Last des Einzelnen in den Fokus. Er zeigt aber auch, wie sich die Suche nach der Wahrheit und nach dem Schicksal der Angehörigen auszahlen kann. Sprachlich ist die deutsche Übersetzung von Susann Urban elegant, aber einfach gehalten. Lebhafte Beschreibungen von Szenerien und Gefühlswelten dominieren. Inhaltlich ist „Das Gewicht der Zeit“ aus zweierlei Gründen lesenswert. Zum einen, weil die emotionale Abstumpfung, die Tiang so eindrücklich beschreibt, überall Thema ist, wo Gewalt und Willkür das Leben durchdringen. Seine Darstellung ist damit über die Grenzen Malaysias und Singapurs hinaus interessant. Zum anderen, weil der Roman ein Schlaglicht auf die kolonialen Gräuel im ehemaligen British Malaya wirft, deren jähe Verwüstungen noch jahrzehntelang fortwirkten.

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