19.11.2020

Unverständliches zum Informationskrieg

Der britische Journalist Peter Pomerantsev blickt in seinem Buch auf Manipulationen und Desinformationskampagnen im Internet. Leider verpackt er die Information darüber in so viele verschlungene Geschichten, dass man ihm kaum folgen kann.

 Peter Pomerantsev: Das ist keine Propaganda. Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020, 304 Seiten, 22 EuroVerlag
Peter Pomerantsevs Buch trägt im Original den Untertitel: „Adventures in the War Against Reality“, Abenteuer im Krieg gegen die Wirklichkeit. Das charakterisiert den Inhalt ganz gut. Denn tatsächlich schreibt der britische Journalist sein Buch wie eine Reiseerzählung aus der Welt der Bots, Cyborgs und Trolle. Es ist eine Welt der Falsch-, Fehl- und Desinformation, in der ein Informationskrieg tobt. Cybermilizen treten ebenso auf wie Cybersicherheitsexperten – und immer wieder der Autor selbst.

Das Buch beginnt mit einem Rückblick: Im Jahr 1977 wurden die Eltern des Autors in Odessa wegen der „Verbreitung schädlicher Literatur an Freunde und Bekannte“ vom KGB verfolgt. Dann springt Pomerantsev ins heutige Manila, wo er sich in einer Shoppingmall mit einem Netzaktivisten namens „P.“ trifft. Dieser prägt trotz seiner jungen Jahre erfolgreich den Diskurs der sozialen Medien auf den Philippinen. So konnte er beim Wahlkampf von Staatspräsident Rodrigo Duterte 2016 Drogenverbrechen zu einem heißen Thema machen. Diese erfolgreiche Wahlkampfstrategie hätten danach aber andere für sich verbucht, schreibt Pomerantsev.

Der Autor interviewt auch die von Duterte beschimpfte Journalistin Maria Ressa, die Gründerin der Nachrichten-Webseite Rappler. Er teilt mit, dass Ressa während des Interviews in ihrem Büro Erdnussbutter- und Sardinensandwiches herunterschlingt und von dem katarischen Fernsehsender Al Jazeera gefilmt wird, der ihren Kampf gegen Duterte und die Desinformation dokumentieren will. In dem Stil geht es weiter zu Ludmilla Sawtschuk, die 2015 in einer „Trollfabrik“ in den Vororten von Sankt Petersburg Hausfrauen der Mittelschicht mit einer Fantasiefigur ansprechen und ihnen nahebringen sollte, dass die EU ein Vasall der Vereinigten Staaten sei.

Dann noch an viele weitere Orte – man liest, dass die „physischen und politischen Landkarten der Kontinente, Länder und Ozeane gelegentlich weniger wichtig sind als die neuen Karten von Informationsflüssen“. Und dass die wie „Stecknadelmuster oder Fotografien ferner Galaxien“ aussehen.

Am Schluss hat man viele Geschichten und neue Begriffe gehört, fühlt sich aber wie in einer dieser fernen Galaxien. Dort tobt ein Informationskrieg und zertrümmert unsere Wirklichkeit, so viel scheint gewiss. Doch was genau da passiert, bleibt leider ziemlich undurchsichtig.

Neuen Kommentar schreiben