Erlebnisse aus einer zerrissenen Welt

In ihrem Roman schildert Ronya Othmann eindrucksvoll das Leben ihrer Protagonistin in zwei Welten: in dem jesidischen Dorf, aus dem ihr Vater stammt und das sie als Jugendliche Sommer für Sommer besuchte, und in der deutschen Vorstadt, in der sie aufwuchs. Noch sind der syrische Bürgerkrieg und der Völkermord des IS an den Jesiden in weiter Ferne. 

 Ronya Othmann: Die Sommer. Carl Hanser Verlag, München 2020, 288 Seiten, 22 Euro Verlag

Hauptperson des Romans ist Leyla, die wie die Autorin selbst Tochter einer deutschen Mutter und eines jesidisch-kurdischen Vaters ist. Das Mädchen wächst im Umland von München auf und geht aufs Gymnasium. Jedes Jahr in den Sommerferien reist die Familie ins jesidisch-kurdische Dorf der Familie des Vaters in Nordsyrien, nahe der türkischen Grenze. Dann taucht Leyla in den kärglichen Alltag dieses Dorfes ein. In einfachen Sätzen zeichnet Othmann ein lebendiges Bild der Großfamilie: „Im Dorf war nie niemand da, es gab keine Klingeln, die Türen waren immer offen, die Nachbarn kamen und zogen die Schuhe vor dem Haus aus, … die Nachbarn blieben zum Tee­ …“. Ihre schmucklose Sprache schafft Distanz und Nähe zugleich, denn in der Wortwahl ist sie nüchtern, aber der Ton ist nahe am mündlichen Erzählen. Wörtliche Rede gibt es so gut wie nie, stattdessen erzählt die erwachsene Leyla aus ihrer Erinnerung.  Beeindruckend ist dabei vor allem die Gestalt der Großmutter, die von morgens bis abends tätig ist. Sie hat die Hauswirtschaft, die Großfamilie und die Nachbarschaft im Griff und regelt auf ihre Weise alltägliche Konflikte. Zudem betet sie viel und ist verankert in den Tabus und Regeln der jesidischen Religion. Für die Leser entsteht so ein – allerdings nur bruchstückhaftes – Bild der jesidischen religiösen Praxis. 

Hin- und hergerissen zwischen zwei Welten

Leyla ist hin- und hergerissen zwischen ihrem Leben in der deutschen Vorstadt und den Ferien im kurdischen Dorf, das macht die ersten zwei Drittel des Buches aus. Als Kind schafft sie es einigermaßen, die beiden Welten mit ihren jeweiligen Werten voneinander abzuschotten. Nur von Zeit zu Zeit gerät sie damit an Grenzen. Etwa wenn ihre Cousine im Dorf zu ihr sagt: „Du bist keine richtige Jesidin!“ Oder wenn ihre deutsche Lehrerin erwartet, sie als Kind aus dem Nahen Osten müsse doch etwas über die Fastenzeit Ramadan erzählen können. Jahre später, als der Bürgerkrieg in Syrien bereits begonnen hat, hat ihre beste (deutsche) Freundin keinerlei Gefühl dafür, wie innerlich aufgewühlt Leyla von den aktuellen Berichten im Fernsehen ist. Ein weiterer Erzählstrang, auch aus der Erinnerung geschrieben, ist die Fluchtgeschichte des Vaters, der als junger Mann politisch aktiv wurde und nach Flucht und Folter im türkischen Gefängnis als Asylsuchender nach Deutschland kam. 

Während die Szenen im Dorf anfangs eine eher heitere Stimmung vermitteln, kippt diese im letzten Teil in Traurigkeit und Ausweglosigkeit: Der Vater, der doch immer ein Aktivist war, sitzt im Jahr 2014 tagelang apathisch vor dem Fernseher und sieht in seiner Heimat die schlimmsten Massaker. In der Folge kommen nach und nach die meisten Mitglieder der weitverzweigten Großfamilie nach Deutschland, wo die Großmutter zusehends verkümmert und nach wenigen Wochen stirbt.

In der Schlussszene erleben wir, wie Leyla, inzwischen Studentin in Leipzig, Kontakt mit einer militanten kurdischen Gruppe aufnimmt, ihren Rucksack packt, ihren Wohnungsschlüssel in den Briefkasten wirft und aus ihrem deutschen Leben aussteigt. 

Wie kann das sein? Der Rezensent reibt sich die Augen, nachdem er das Buch beiseitegelegt hat. Immerhin ist das Jesidentum die friedfertigste, am wenigsten aggressive Religion ist, von der er weiß.

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