Die Vision vom Jahrhunderttunnel

 The Strait Guys. Deutschland, Finnland, Kanada 2022. Regie: Rick Minnich, 99 Minuten, Kinostart: 2. Juni 2022

In seinem Dokumentarfilm begleitet Rick Minnich einen Ingenieur und einen Logistikexperten, die einen Eisenbahntunnel unter der Beringstraße planen. Dabei erfährt man einiges über die Lebensbedingungen und Erwartungen der indigenen Bevölkerung. 

Mitte der 1980er Jahre machte der Bergbauingenieur George Koumal, der einst aus der Tschechoslowakei in die USA emigriert war, Schlagzeilen mit seinem Vorschlag, einen 100 Kilometer langen Eisenbahntunnel unter der Beringstraße zu bauen und so die USA und die Sowjetunion zu verbinden. Obwohl George für das ambitionierte Vorhaben auf eigene Kosten kräftig die Werbetrommel rührte, sprangen potenzielle Geldgeber etwa aus Südkorea immer wieder ab. Schließlich hatte der Idealist seine gesamte Altersvorsorge dafür aufgebraucht – zum Entsetzen seiner kranken Frau und seiner drei Söhne. 2018 dann wandte sich der Logistikexperte Scott Spencer aus Delaware an den 76-jährigen George und überzeugte ihn, mit neuem Elan und dem Slogan „der Panamakanal des 21. Jahrhunderts“ neue Unterstützer für das aufgefrischte Projekt einer Interkontinentalbahn zu suchen, deren Kosten auf 100 Milliarden Dollar veranschlagt werden. 

Der US-Dokumentarfilmer Rick Minnich, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt und mit George befreundet ist, begleitet das Duo auf ihrer Reise entlang der geplanten Trasse durch Alaska und Russland bis in die Duma im fernen Moskau. Dabei versuchen die beiden, Vertreter von Regierungen und Behörden, Unternehmen und Gremien der indigenen Siedlungen für das Projekt zu gewinnen, das eine Bahnverbindung über die Kontinente hinweg schaffen, überfüllte Pazifikhäfen entlasten und die Spannungen zwischen den Weltmächten abbauen könnte. 

Roadmovie mit entwicklungspolitischen Fragestellungen

Unterwegs treten allerdings zunehmend Differenzen zwischen dem ungeduldigen George und dem diplomatischen Scott auf. Minnich, der das Filmgeschehen aus dem Off erläutert, vermittelt in dem Streit erfolgreich. Was zunächst wie ein skurriles Porträt eines naiven Tagträumers mit tragischem Schicksal wirkt, entwickelt sich zu einem sehr persönlichen Roadmovie, das vielfältige Bezugspunkte zu entwicklungspolitischen Fragestellungen eröffnet. Es zeigt etwa facettenreich auf, auf welche Hindernisse technisch ambitionierte Infrastrukturprojekte zwischen Ländern und Kontinenten stoßen, wenn sie sich nicht sofort rentieren. Auf den Reisestationen wird auch deutlich, wie schwer es ist, mit dem sehr teuren Tunnelprojekt auf höhere und höchste politische Ebenen bis hin zu Donald Trump und Wladimir Putin vorzustoßen, wenn schon russische Behörden im sibirischen Jakutien ihre Investitionsmittel lieber in andere Bahnstrecken stecken, die vor allem der lukrativen Erschließung von Mineralienvorkommen dienen. 

Vor allem aber gibt der Film viel Raum, um die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung in abgelegenen Ortschaften in Alaska darzustellen, die von dem Tunnelbau schnell profitieren könnten, sich aber auf weitreichende Veränderungen ihrer Lebensweise einzustellen hätten. Dementsprechend unterschiedlich fallen die Reaktionen aus: Während etwa in dem 162-Einwohner-Dorf Wales einige skeptische Bewohner im Gemeinderat nach möglichen schädlichen Folgen des Baus für Fischfang, Ernten und die Natur fragen, zeigt sich die indigene Bevölkerung auf der Insel Little Diomede aufgeschlossener. Der Dorfchef Robert Svolock sagt unter Hinweis auf die Folgen des Klimawandels: „Wir müssen uns anpassen.“ Und die Indigene Sistuq Ozenna konstatiert, dass ein Tunnelbau Lösungen für viele alltägliche Beschränkungen von der Wasserversorgung über Transport und Elektrizität bis hin zum Glasfaseranschluss bringen könnte. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine scheint das Vorhaben aber nun erst einmal in weite Ferne gerückt.

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