Das christliche Kloster Mar Musa in den Bergen Syriens steht seit Jahrzehnten für den Dialog zwischen den Religionen. Der Dokumentarfilmer Shahab Kermani beleuchtet Begegnungen zwischen Christen und Muslimen und zeigt, wie der Glaube helfen kann, in einem kriegszerstörten Land wieder Vertrauen zu schaffen.
In einem Wadi des syrischen Al-Qalamoun-Gebirges schmiegt sich das Kloster Mar Musa an die steilen Hänge, die eine weite Sandwüste überragen. Hier leben vier Mönche und vier Nonnen, Frauen und Männer haben die gleichen Rechte. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, einige aus dem Libanon, Deutschland und der Schweiz.
Die klösterliche Gemeinschaft tritt konsequent für religiöse Toleranz, für Ökumene und den Austausch zwischen Christen und Muslimen ein und ist bekannt für ihre Gastfreundschaft. Gläubige Christen und Muslime steigen die steilen Treppen zum Kloster hinauf, um mit den Nonnen und Mönchen zu beten, zu diskutieren und zu speisen. „Wir kommen, um uns unter dem Dach Gottes kennenzulernen, denn jeder Konflikt hat damit zu tun, dass man das Gegenüber nicht versteht“, sagt der syrische Abt Jihad. Ein Zeichen für diese spirituelle Offenheit ist, dass in der mit alten Fresken reich geschmückten Kirche eine Wand keine Bilder aufweist: Muslime können dort in Richtung Mekka beten.
Der Regisseur Shahab Kermani, der 1988 in Olpe als Sohn iranischer Eltern geboren wurde und in Mainz und Köln studiert hat, zeigt in seiner Dokumentation in aller Ruhe den Alltag der Klosterinsassen, in dem die Gräueltaten des Bürgerkriegs und dessen Folgen immer wieder ein Gesprächsthema sind. Wir erleben, wie die kleine Gemeinschaft sich unbeirrt für Versöhnung und Frieden einsetzt, dabei auch Moscheen besucht und so daran mitwirkt, den Bürgerinnen und Bürgern des arabischen Landes wieder Hoffnung zu geben.
Von dem entführten Pater Paolo fehlt jede Spur
Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Kloster im Jahr 586, im 17. Jahrhundert wurde es aufgegeben. 1984 begann der italienische Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio mit Freiwilligen, die verfallenen Gebäude wiederaufzubauen. Zusammen mit dem syrischen Priester Jacques Mourad nahm Paolo 1991 das Klosterleben wieder auf; aus der informellen wurde eine anerkannte Klostergemeinschaft unter der Schirmherrschaft der syrisch-katholischen Kirche. Als Begegnungsort für Menschen aller Religionen und Konfessionen entwickelte sie fortan eine beträchtliche Anziehungskraft.
2013 wurde Pater Paolo bei einem persönlichen Versuch, Geiseln freizubekommen, in Rakka von muslimischen Extremisten entführt – seither fehlt jede Spur von ihm. Pater Jacques wiederum wurde zwei Jahre später im benachbarten Kloster Quariyatain von Kämpfern der Terrororganisation „Islamischer Staat“ verschleppt, doch muslimische Freunde verhalfen ihm und weiteren christlichen Gefangenen zur Flucht. Heute ist Jacques Erzbischof von Homs und pflegt weiter gute Beziehungen zu Mar Musa. Kurz vor Ende des Filmes besucht er das Kloster und hält vor einer großen Menschenmenge eine bewegende Predigt.
Ruhige Bildkompositionen schaffen eine kontemplative Stimmung
Die Kamera verfolgt das Leben im und um das Kloster in ruhigen Bildkompositionen, die manchmal eine geradezu kontemplative Stimmung schaffen, etwa wenn die Kamera zwei Tauben verfolgt, die über die Berghänge segeln, ein Schäferhund vor sich hindöst oder eine Nonne in Rückenansicht den Sonnenuntergang betrachtet. Die entspannte Atmosphäre wird zudem hin und wieder durch einen meditativ angehauchten Soundtrack unterstrichen.
Der Film wurde 2023/24, also noch vor der Entmachtung des langjährigen Diktators Baschar al-Assad gedreht. Doch die Folgen des Bürgerkriegs werden durchaus sichtbar, etwa wenn die Kamera bei einem Ausflug nach Homs endlose Ruinenviertel zeigt oder den Wiederaufbau einer Schule. Bewegend ist auch ein Gespräch dreier Nonnen über grauenhafte Kriegsverbrechen und die Grenzen der Barmherzigkeit. So gibt der Film wertvolle Denkanstöße: Wie können die Menschen nach dem Kriegsende das Misstrauen überwinden? Wie kann religiöse Toleranz die Wunden heilen? Wie lässt sich ein dauerhafter Frieden sichern?

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