Eine andere Welt erschaffen

Cecosesola
Auf dem Weg. Gelebte Utopie
einer Kooperative in Venezuela
Die Buchmacherei, Berlin 2012
168 Seiten, 9 Euro

Wieso verbringen die Mitglieder einer Organisation, die jedes Wochenende ungefähr 55.000 Familien mit Nahrungsmitteln versorgt, soviel Zeit damit, einfach nur dazusitzen und miteinander zu reden? Als der irisch-mexikanische Politologe John Holloway, einer der einflussreichsten neomarxistischen Theoretiker der Gegenwart, den Kooperativenverbund Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara) zum ersten Mal besucht, fällt es ihm schwer, das zu verstehen. Später begreift er: Alles miteinander zu diskutieren und im Konsens zu lösen, ist „Teil der Erschaffung einer anderen Welt, hier und jetzt“.

Erschaffen wird die andere Welt im Bundesland Lara im Westen Venezuelas. In Barquisimeto, der Hauptstadt mit einer Million Einwohnern, betreibt Cecosesola drei große Wochenmärkte. Die Mitglieder verkaufen dort Obst, Gemüse und selbst produzierte Lebensmittel. Sie verdienen einen Einheitslohn. Die Kooperativen unterhalten unter anderem ein Gesundheitszentrum und ein Beerdigungsinstitut – selbstverwaltet, ohne Hierarchien. Ihre Organisationsstruktur, die vor allem aus zahlreichen Treffen besteht, ist fließend. Ihre Veränderungen stehen im Mittelpunkt des Buches – und das ist keine leichte Kost.

Aus mehreren Veröffentlichungen zusammengestellt, beschreibt es nicht nur Erfahrungen, sondern setzt sie unter anderem in Beziehung zu den Theorien des chilenischen Biologen und Philosophen Humberto Maturana. Dabei ist die Kultur des Bücherlesens bei den Mitgliedern der Kooperative nicht gerade ausgeprägt. Aber ihre Treffen sind Orte der Begegnung, Reflexion und Analyse und daraus sind ihnen die Ideen von John Holloway und Humbergo Maturana geläufig. Und so sind die Bei-träge des Buches – obschon Einzelne sie verfasst haben – Ergebnis der gemeinsamen Diskussion, mit der die Arbeiterinnen und Arbeiter der Kooperativen ihren Alltag analysieren und zugleich umgestalten.

Nicht ökonomische Effizienz, sondern die menschlichen Beziehungen stehen für sie an erster Stelle. Dabei werde eine kollektive Energie freigesetzt, die unter anderem auch in einer vorher nicht gekannten wirtschaftlichen Produktivität zum Ausdruck komme. Cecosesola sei eine Inspiration, meint Holloway in seinem Nachwort: ein Beispiel dafür, dass wir die Welt radikal verändern können, indem wir unsere eigene kreative Macht aufbauen. Das scheint etwas übertrieben: Basisdemokratie und Selbstveränderung nehmen viel Zeit in Anspruch, so dass oft keine Energie mehr bleibt, sich außerhalb politisch einzumischen. Dem Wert des Experiments wie auch des Buches tut das aber keinen Abbruch. Cecosesolas kultureller Transformationsprozess reiht sich ein in die globalen Kämpfe für eine andere Welt, die neuen Bewegungen ohne Hierarchien und Anführer. Die intensive Reflexion der Erfahrungen ihrer Mitglieder hat einen wichtigen Beitrag zur Theorie dieser Kämpfe und Bewegungen hervorgebracht. (Anja Ruf)

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