Beim Weltsozialforum 2007 wagen in Kenia Homo- und Transsexuelle erstmals, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen.

Coming-out in Kenia

In vielen afrikanischen Ländern werden Homosexuelle diskriminiert und verfolgt. Homosexualität wird als „unafrikanisch“ verurteilt. In Kenia aber hat sich das Klima in den vergangenen Jahren gewandelt. Immer mehr Schwule und Lesben wagen es, sich öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen – eine Revolution, meint der Schwulen-Aktivist Denis Nzioka.

Wer sehen will, wie progressiv Kenia mit den Rechten von Homosexuellen umgeht, sollte die Stadt Lodwar im Norden des Landes besuchen. Dort hat sich eine Schwulengruppe der besonderen Art zusammengefunden. Denn dass Pastoralisten, Viehhirten – ohnehin eine Minderheit – und dann auch noch homosexuelle eine Gruppe gründen und dafür mitten in der Stadt ein Büro mieten können, ist in der Tat ein Fortschritt. Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel mit dem Titel „Die stille Revolution: Über die wachsende Sichtbarkeit der homosexuellen Community in Kenia“ geschrieben. Nun will ich einen Blick darauf werfen, ob diese Entwicklung so weitergegangen ist. 

Zunächst zu den Medien: Die Kurve, die angibt, wie kenianische Medienhäuser und Rundfunkstationen über die Belange von Homosexuellen berichten, weist nach oben. Vor einigen Jahren, vor dem Weltsozialforum 2007 und kurz danach, waren die Medien eines der großen Hindernisse auf dem Weg zur Verwirklichung der Rechte von Homosexuellen und der Debatte darüber. Sie berichteten entweder voller Sensationsgier oder ganz selten. Aber das hat sich geändert. Die kenianischen Medien sind heutzutage bemerkenswert frei und unabhängig. Und die homosexuelle Community hat ihr eigenes Medienhaus geschaffen, das einzige dieser Art in Afrika. Schwule und Lesben waren im Äther stark vertreten und gaben einer sonst eher verschlossenen Gemeinschaft ein Gesicht. Schon längst müssen Aktivisten die Zeitungen nicht mehr nach homophoben oder hasserfüllten Beiträgen durchsuchen.

Vor vier Jahren wäre keine Beteiligung von Schwulen am öffentlichen Leben möglich gewesen – zumindest solcher, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen. Jetzt, einige Monate vor den Wahlen und unter der durch die neue Verfassung gewährten Freiheit, sagt mir der Blick in meine Kristallkugel: Schwule sind öffentlich sichtbar und haben keine Angst. Wir haben zum ersten Mal erlebt, dass ein offen schwuler Politiker Interesse an einem politischen Amt angemeldet hat. Er gesellt sich zu den etwa 15 Prozent der Parlamentarier, die sich nicht zu ihrer Homosexualität bekennen und im kommenden Jahr wiedergewählt werden wollen. Es läuft eine Debatte mit meist abfälligen Äußerungen über die Kandidatur von Homosexuellen für politische Ämter, aber das verfehlt den wesentlichen Punkt: Die schwulen Politiker wollen nicht gewinnen. Sie wollen Position beziehen.

Autor

Denis Nzioka

ist Aktivist für die Rechte von Homo- und Transsexuellen in Kenia und Herausgeber des Internetportals www.identitykenya.com.

Ich erinnere mich daran, wie ein katholischer Priester in der Holy-Family-Basilika in Nairobi 1997 die erste Schwulengruppe ins Leben gerufen hat. Als älteste Tochter, wie sie genannt wurde, musste sie sich durch harte Zeiten kämpfen und hat bis heute überlebt. Bruder Daimo, der die Gruppe unter den Augen katholischer Priester ins Leben rief, würde erröten, wenn er die nun knapp 50 regionalen Schwulen-, Lesben und Transgender-Gruppen in Kenia sehen würde. Wer irgendeine Stadt in Kenia besucht und weiß, wo er hinschauen muss, wird mit Sicherheit einen Pub, eine Klinik, ein Jugendzentrum oder eine Kirche finden, wo sich Schwule und Lesben treffen, um über Gesundheit, Menschenrechte und wirtschaftliche Befähigung zu diskutieren. Warum beschäftigen sie sich nicht mit Themen, die mit ihrer Homosexualität zu tun haben? Weil schwul sein zweitrangig ist gegenüber ausreichendem Essen, Zugang zu Bildung und der Bekämpfung von Armut.

Die Künste waren historisch immer ein Ort, an den Verbrecher, Verrückte, Maler, Geistliche und alle, die die Dinge anders sehen, kommen und aussprechen konnten, was sie bewegt. Kunstformen wie Musik, Malerei, Gesang und Theater entwickeln sich nun zu „sicheren Räumen“ für unsichere Schwule oder Lesben, ihr „Coming-out“ zu wagen. Dichter, Sänger, Musiker und Schauspieler dilettieren in „Homo-Magie“ mit Risiko, Vorsicht und der Haltung „das muss gesagt werden“. Ich habe Karaoke-Bars, Buchclubs und Gesellschaften besucht, wo es genauso viel Erstaunen hervorruft, offen schwul zu sein, als wenn der Papst das Ave Maria betet. Es gibt so viele homosexuelle Künstlerinnen und Künstler, dass eine eigene Kunstakademie für sie geplant ist.

Wir haben zum ersten Mal erlebt, dass ein offen schwuler Politiker Interesse an einem politischen Amt angemeldet hat

Vor einigen Jahren sprach ich in einer lokalen Universität über die Notwendigkeit, Homosexualität in die Bildung zu integrieren. Da konnte ich noch nicht ahnen, dass es ein Jahr später für Studierende eine Schwulen- und eine Lesbengruppe geben würde. Sie hoffen, ähnliche Gruppen an anderen Universitäten zu gründen, und bemühen sich, ihre Altersgenossen über Homosexualität aufzuklären. Diese sitzen vielleicht später im Parlament und haben keine Probleme damit, sich für die rechtliche Anerkennung von Schwulen einzusetzen.

Wir sind stolz darauf, dass Nairobi das Schwulenmekka oder San Francisco von Afrika genannt wird. Wer am Freitagabend in einen Club geht, wird mit Sicherheit von einem anderen Gast sagen können „Der Kerl sieht schwul aus“. Und in der Regel stimmt es. Darüber hinaus haben sich Homosexuelle mit ihren engen Verwandten, den Sexarbeitern, zusammengetan, und sie haben die Stadt übernommen. Die gemeinsamen Anstrengungen von schwuler Community, Sexarbeitern, Zivilgesellschaft, halbstaatlichen und professionellen Institutionen ist bewundernswert.

Geschäfte und Märkte haben sich für homosexuelle Kunden geöffnet. Kürzlich habe ich mich mit dem Besitzer einer vornehmen und bekannten Bar im Stadtteil Westlands getroffen. Er bot an, Dienstagnacht speziell für Homosexuelle zu öffnen. Einmal im Monat sollten wir Gelegenheit haben für eine „Open-Mike“-Veranstaltung. Ich kenne einige Geschäfte, die vor allem eine schwule und lesbische Kundschaft im Auge haben – am prominentesten sind die, die Sexartikel und Pornovideos vertreiben.

Soweit die Fortschritte. Aber es bestehen immer noch große Risiken für Homosexuelle. Die Fälle von „korrektiver Vergewaltigung“ sowie die Zahl der Suizide unter Schwulen und Lesben in Kenia sind alarmierend. Erpressungen – kürzlich ergab eine Untersuchung, dass ein Kartell von Polizisten gezielt homosexuelle Männer im Visier hatte – werden gegenwärtig verfolgt, aber in einem schmerzhaft langsamen Tempo. Die Steinigung eines angeblich schwulen Mannes in einem Slum von Nairobi, die öffentliche Erniedrigung einer transsexuellen Frau in Kisumu, die als Hausangestellte arbeitete, und die Zwangsverheiratung einer Lesbe, die sich später umbrachte, als sie schwanger wurde – all das zeigt, dass wir unser Ziel noch nicht erreicht haben.

An Schulen ist Homophobie weit verbreitet. Diese Erfahrung machte ich, als ich mich an einer christlichen Universität einschreiben wollte. Sie wiesen mich ab, weil ich offen zugab, schwul zu sein. Die Äußerungen eines anglikanischen Bischofs, dass Homosexuelle schlimmer sind als Terroristen, zeigen, dass die Kirchen mit harten Bandagen kämpfen. Anstatt sich auf die geistliche Orientierung zu konzentrieren, nehmen sie die sexuelle Orientierung in den Blick. Bei der bevorstehenden Wahl wird ein Politiker der ländlichen Zentralprovinz, der sich zu seiner Homosexualität bekennt, offenbar auf diese reduziert, obwohl sein Wahlprogramm für seine Wähler das beste ist.

Es gibt große Fortschritte und große Hindernisse. Und auch wir haben einige Fehler gemacht. Die Community muss mehr auf die Gesellschaft zugehen und sich an ihr beteiligen. Kenias Gesellschaft mag noch nicht reif sein für einen offen schwulen Politiker. Aber sie kann nicht darüber hinwegsehen, dass ihre homosexuellen Mitglieder Farbe bekennen und ihr wahres Gesicht zeigen. Und das macht sie nicht weniger kenianisch. 

erschienen in Ausgabe 10 / 2012: Spuren des Terrors

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