In der Großen Moschee von Sanaa (Jemen) liest ein Mann im Koran.­ Lange wurden nur wenige ­ausländische Bücher ins Arabische übersetzt – zu viel Bildung erschien den Machthabern gefährlich.

In der arabischen Welt wanken die Denkverbote

Von der internationalen Wissensproduktion abgeschottet und hoffnungslos verkrustet: Dieses Bild zeichneten die Vereinten Nationen vor zehn Jahren von der Bildungs- und Kulturpolitik arabischer Länder. Seitdem ist einiges in Bewegung geraten.

Der UN-Bericht, den arabische Wissenschaftler 2003 für das UN-Entwicklungsprogramm UNDP verfasst hatten, kam zu einem ernüchternden Urteil über die Bildungssysteme in arabischen Ländern und über die Fähigkeit der arabischen Gesellschaften, Wissen zu produzieren und produktiv zu anzuwenden. Die Verbreitung von Wissen sehe sich „tief sitzenden sozialen, institutionellen, wirtschaftlichen und politischen Hindernissen“ gegenüber. Die öffentlichen Ausgaben für Bildung seien seit 1985 geschrumpft, die Analphabetenrate von Frauen sei hoch und viele Kinder hätten keinen Zugang zu Grundbildung. Das größte Problem jedoch sei, dass sich die Qualität der Bildung in arabischen Ländern stetig verschlechtere.

Gemessen an der Bevölkerungszahl oder dem Bruttosozialprodukt pro Kopf geben die arabischen Länder deutlich weniger Geld für Bildung aus als vergleichbare Länder. Dass viele Länder der Region bis zum Beginn des „Arabischen Frühlings“ politisch und wirtschaftlich nicht vorangekommen sind, hatte auch mit der Krise der Bildungs- und Wissenschaftssysteme zu tun. Internationale Wettbewerbsfähigkeit hängt zunehmend von der Flexibilität und Innovationsfähigkeit der Wirtschaft ab. Diese wiederum benötigt qualifizierte, innovative und gut ausgebildete Arbeitskräfte und Wissenschaftler. Die Krise der Bildung und Wissenschaft in den arabischen Ländern hat dazu beigetragen, dass die meisten arabischen Länder so wenig dynamisch waren.

Autor

Jochen Hippler

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwicklung und Frieden und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Umgekehrt entsprangen die Defizite der Bildungs- und Wissenschaftssysteme den politischen Rahmenbedingungen in der arabischen Welt. Innovative Wissenschaft und Forschung sowie Bildungssysteme, die nicht nur Fremdwissen reproduzieren, sondern kreative Potenziale schaffen, benötigen ein Klima intellektueller Freiheit und des kritischen Denkens. Solche Bedingungen sind allerdings aus der Sicht diktatorischer Systeme eher bedrohlich. In einem gesellschaftlichen Klima, das kritisches Denken fördert, werden früher oder später auch politische Tabus in Frage gestellt – und das ist nicht im Interesse illegitimer, oft korrupter und schwacher Regime. Ihnen liegt eher an einer Atmosphäre des unhinterfragten Respekts vor Autoritäten, der Konformität und der Skepsis gegenüber Veränderungen. Darüber hinaus sind Bildungsanstalten und insbesondere Universitäten häufig ein potenzieller politischer Unruheherd: Viele junge Leute, die sozial weniger gebunden sind als beispielsweise ältere Familienväter, die ihre Zukunftserwartungen noch nicht auf das politisch Erwünschte oder Machbare zurückgeschnitten haben, die insgesamt oft idealistischer und zugleich risikobereiter sind als ihre Eltern und Großeltern, stellen für konservative Regime und stagnierende Diktaturen zumindest ein beträchtliches Gefahrenpotenzial dar, das unter Kontrolle gehalten werden muss. Dies gilt umso mehr, wenn diesen jungen Leuten Aufstiegschancen fehlen oder vorenthalten werden und absehbar ist, dass ihre Erwartungen und Lebenspläne enttäuscht werden.

Die Regime der arabischen Welt haben deshalb bewusst viele Jahre lang kaum Geld in die Hochschulbildung gesteckt. Die Hochschulpolitik in den meisten arabischen Ländern zielte in der Vergangenheit vor allem darauf, „nützliches“ Herrschaftswissens zu produzieren und das gesellschaftliche und politische System am Laufen zu halten, weniger auf die Genese von Wissen oder Innovation. Darüber hinaus diente die Personalpolitik jahrzehntelang vor allem dem Zweck, die Hochschulen zu kontrollieren, weniger sie zu verbessern: „Verdiente“ und regimenahe, aber oft leistungsschwache Personen wurden in Führungspositionen befördert und sahen ihre Hauptaufgabe oft darin, ihren Status zu wahren und kreativere, jüngere Kollegen am Aufstieg zu hindern.

Das Internet wurde in vielen Ländern lange mit besonderem Misstrauen betrachtet

Vor zehn Jahren hatten die Autoren des UN-Berichts zudem festgestellt, dass die arabischen Länder auch bei der Mediennutzung und in anderen Bereichen der Kultur und Kommunikation gravierende Defizite aufwiesen. Der Zugang zu digitalen Medien gehörte zu den niedrigsten der Welt, es mangele „an einem ausreichenden Maß an Bereitschaft, Informationstechnologien zur Verbreitung von Wissen zu nutzen“. Gleiches gelte etwa für die Übersetzung von Büchern aus dem Ausland.

Tatsächlich hat sich der Zugang zu neueren Formen der elektronischen Kommunikation in der arabischen Welt ausgesprochen schleppend entwickelt. Die traditionellen Massenmedien wiederum – Zeitungen und Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen – standen lange unter strenger staatlicher Kontrolle oder sogar Zensur, soweit sie nicht ohnehin von staatlichen Funktionären geleitet wurden. Das Internet wurde in vielen Ländern lange mit besonderem Misstrauen betrachtet, weil hier der Informations- und Meinungsfluss besonders schwer zu kontrollieren war und weil kulturelle und politische Einflüsse aus dem Ausland eine zusätzliche Quelle des kulturellen Kontrollverlustes darstellten.

Dieses Misstrauen gegenüber ausländischer Einflussnahme besteht in manchen Ländern noch heute – und selbst nach dem Sturz einiger Diktaturen. Das Gerichtsverfahren und die Verurteilung in- und ausländischer Organisationen und Stiftungen, einschließlich der Konrad-Adenauer-Stiftung, in Ägypten stellt ein krasses Beispiel dar. Dass es kaum Übersetzungen fremdsprachiger Bücher gibt, lag nicht allein am Desinteresse der Kulturfunktionäre und an wirtschaftlichen Engpässen, sondern diente auch der kulturellen Abschottung.

Neues Fenster zur Welt – zwei Frauen in Bahrain haben bei einer Solidaritätskundgebung für einen Dissidenten das Smartphone fest im Griff.afp/getty images

In den vergangenen Jahren haben einige arabische Länder aber damit begonnen, ihre Wissenschafts-, Kultur- und Medienpolitik zu ändern und Neues zu wagen. Und viele, darunter einige Golfstaaten sowie Marokko und Jordanien, können an Entwicklungen von vor dem „Arabischen Frühling“ anknüpfen. Zu den Gründen für diesen Kurswechsel zählt der wirtschaftliche Modernisierungs- und Wachstumskurs, den viele arabische Länder eingeschlagen haben. Dafür wird gut ausgebildetes Personal gebraucht. Zudem haben die Regierungen erkannt, dass sich digitale Medienkanäle wie Facebook oder Twitter ohnehin kaum kontrollieren lassen.

Dieser Kurswechsel schlägt sich darin nieder, dass junge Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten verstärkt in die höheren Bildungsanstalten streben. Studentinnen bilden nicht selten die Mehrheit der Studierenden an arabischen Universitäten. In Ägypten beispielsweise waren bereits 2010 nach offiziellen Angaben 56 Prozent aller Universitätsabsolventen weiblich. Auch wenn damit die soziale Benachteiligung von Frauen noch längst nicht aufgehoben ist, verbessern sich dadurch die Chancen für Frauen aus früher bildungsfernen Schichten, sozial aufzusteigen und Zugang zum höher qualifizierten Arbeitsmarkt zu erhalten.

Ein zweiter Hinweis auf eine Öffnung ist der Aufstieg internationaler und weit weniger gegängelter regionaler arabischer Fernsehsender. Dieser begann 1996 mit der Gründung von Al-Dschasira mit Sitz in Katar. Heute gibt es insbesondere in Dubai und dem Libanon weitere regionale Sender wie den 2003 gegründeten Al-Arabiya. Diese Vorbilder haben eine Reihe nationaler TV-Sender – etwa in Ägypten – dazu motiviert, frischere und unabhängigere Programme auszustrahlen. Zwar sind diese insgesamt nicht vollständig politisch unabhängig, weil die Interessen der Eigentümer respektiert werden müssen. Aber sie sind nicht mehr direkt dem Einfluss einer Regierung ausgesetzt. Al-Dschasira etwa wird kaum eine kritische Sendung über die innenpolitische Situation oder das Königshaus in Katar ausstrahlen. Aber der Sender hat sich große Verdienste erworben als Beispiel für andere Länder für unabhängigen und kritischen Journalismus und für Formate mit meinungsstarken Kontroversen. Der graue Einheitsbrei regimefrommer Hofberichterstattung früherer Jahre ist damit durchbrochen – was sich bei den Umbrüchen in der arabischen Welt seit dem Dezember 2010 deutlich bemerkbar machte.

Die aufstrebenden Mittelschichten werden ihre neuen Möglichkeiten nicht wieder aufgeben wollen

Drittens haben seit dem UN-Bericht vor zehn Jahren das Internet und damit verbundene Dienste wie Twitter und Facebook sowie Mobiltelefone und insbesondere Smartphones einen enormen Aufschwung in der arabischen Welt genommen. Teilweise wurden staatliche Kontrollen gelockert, teilweise wurden diese Kommunikationsmöglichkeiten aber auch an Verboten und Kontrollen vorbei genutzt, etwa mittels Proxy-Server im Ausland, mit denen die eigene Identität verschleiert werden kann. Auch diese Mittel haben wesentlich zu einem freieren Informations- und Meinungsaustausch beigetragen, insbesondere in Verbindung mit den neuen Fernsehsendern, die mitunter YouTube-Videos aus dem Internet senden und damit auch Leuten ohne Computer zur Verfügung stellen. Auf diese Art hat sich ein regionales, gesamtarabisches Informations- und Diskussionsnetz entwickelt, das kaum noch staatlich zu kontrollieren ist und selbst wiederum mit der internationalen Medienlandschaft und Nutzer-Community verknüpft ist. Die meinungsbildende Kraft dieser Vernetzung wurde im „Arabischen Frühling“ wirksam.

Viertens schließlich hat sich auch die Universitäts- und Wissenschaftslandschaft verändert. Trotz des zähen Widerstandes der alten Garde ist inzwischen eine neue Generation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen herangewachsen, die sich nicht mehr als Statthalter der Regime an den Universitäten betrachtet. Einige Länder am Persischen Golf haben wahre Wissenschaftsoffensiven gestartet: Insbesondere mit starker Beteiligung amerikanischer und europäischer Universitäten wurden vor allem in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten zahlreiche neue und exzellent ausgestattete Universitäten gegründet, die einheimische und internationale Studierende ausbilden sollen. Zwar sind dabei bisher die potenziell politisch sensiblen Sozialwissenschaften noch deutlich unterrepräsentiert, aber insgesamt handelt es sich um einen quantitativen und qualitativen Sprung, der deutlich auf Internationalisierung setzt. Andere arabische Länder werden da bald nachziehen müssen, wenn sie nicht weiter ins Hintertreffen geraten wollen. Dabei gibt es, etwa in Jordanien, Algerien und Marokko, Ansätze, auf denen man aufbauen könnte.

Gegenwärtig konzentriert sich die Dynamik auf die kleinen Ölmonarchien südlich des Persischen Golfes, die von der Instabilität und Gewalt noch kaum betroffen sind und über die Finanzmittel verfügen, sich schnell zu modernisieren. In anderen Ländern hingegen beanspruchen die Machtkämpfe als Folge des „Arabischen Frühlings“ die volle internationale Aufmerksamkeit, so dass die erforderlichen Reformen der Bildungs- und Kommunikationssysteme dort nicht richtig in Gang kommen. Es spricht aber vieles dafür, dass diese Umbrüche mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung weitergehen werden. Die aufstrebenden Mittelschichten, ohne die es das Aufbegehren gegen verkrustete Diktaturen nicht gegeben hätte, werden ihre neuen Möglichkeiten zu Bildung und Kommunikation nicht wieder aufgeben wollen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2013: Neues Wissen im Blick

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