Rückkehr des Glaubens

Der Islam prägt heute wieder das Alltagsleben in den früher kommunistischen Staaten Zentralasiens. Die politischen Führungsschichten, die noch vom Atheismus der Sowjetunion geprägt sind, betrachten das mit Argwohn – und wollen bestimmen, was die „richtige“ islamische Tradition ist.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchleben die fünf ehemals zentralasiatischen Republiken tiefgreifende Veränderungen aller Lebensbereiche. Dazu zählt auch, dass die Bedeutung und Popularität der Religion, des Islam, in den zentralasiatischen Gesellschaften wächst. Zu den Freitagsgebeten besuchen Tausende Muslime die Moscheen, das Fasten während des Ramadan sowie islamische Speisevorschriften – insbesondere das Alkoholverbot – werden demonstrativ und öffentlich eingehalten, zentrale Übergangsriten wie Beschneidung, Eheschließung oder das Begräbnis werden nach islamischem Ritus in Anwesenheit eines Geistlichen abgehalten und auch das Kopftuch sowie andere Formen der Verschleierung von Frauen sind heute weit verbreitet.

Bereits während der Öffnungspolitik unter Staatspräsident Gorbatschow in der Sowjetunion der 1980er Jahre begann eine Renaissance der öffentlich gelebten Religion in Zentralasien. Weil deren traditionelle islamische Institutionen und religiöse Eliten in der Stalinzeit weitgehend zerstört worden waren, ist diese Renaissance auch ein komplexer Aushandlungsprozess über zentrale Inhalte und rituelle Praktiken der Religion. Er ist noch nicht abgeschlossen und wird durch islamisch motivierten politischen Aktivismus und eine repressive Religionspolitik erschwert.

Autor

Tim Epkenhans

ist Juniorprofessor für Islamwissenschaft und Iranistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau und forscht zum Iran und zu Zentralasien. Von 2002 bis 2004 war er Referent an der deutschen Botschaft in Tadschikistan und dann bis 2009 Leiter der OSZE-Akademie in Kirgistan.

Der Glaube und die religiöse Praxis haben im heutigen Zentralasien höchst unterschiedliche Ausformungen. Viele Muslime sehen den Islam als Ausdruck ihrer authentischen lokalen oder nationalen Tradition und Kultur, als Anleitung für einen moralischen Lebenswandel oder als spirituelle Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Transformation der Gesellschaften. Diese ist für einen Großteil der Bevölkerung von großer sozialer Ungerechtigkeit, politischer Unfreiheit, Arbeitsmigration, Korruption sowie dem Zerfall der gesellschaftlichen Infrastruktur geprägt – vor allem im Gesundheits- und Bildungsbereich. Vor diesem Hintergrund hat die Renaissance des Islam auch politische Implikationen, insbesondere für Vorstellungen von einer islamisch legitimierten politischen Ordnung und von Rechtsstaatlichkeit.

Die autoritären Regime in Zentralasien verzichten weitgehend darauf, ihren Bürgern eine nationale Identität anzubieten, die auch lebensweltliche Bezüge hat und sie mit dem Staat verbindet. Hoffnungen auf politische Veränderungen in Richtung einer demokratischen Rechtsstaatlichkeit haben sich seit 1991 ebenfalls nicht erfüllt, während die wirtschaftliche Entwicklung zugleich die sichtbare soziale Ungleichheit verstärkt hat. Die politischen Eliten in der Region sind allesamt im Sowjetsystem politisch sozialisiert und von dessen atheistischer Kultur geprägt worden. Sie sehen im Islam eine zentrale Herausforderung für ihre Herrschaft. Insbesondere seit Verkündung des „Kriegs gegen den Terror“ 2001 stellen die autokratischen  Regime Zentralasiens jedwede soziale oder politische Opposition als Manifestationen eines extremistischen Islam dar – etwa die Unruhen im usbekischen Andijon 2005, in Tadschikistan zwischen 2008 und 2012 oder in Kirgistan 2010 –, auch wenn die Konfliktursachen keinen Bezug zum Islam hatten.

Die fünf zentralasiatischen Staaten verfolgen teilweise unterschiedliche Strategien, wie sie auf die wachsende Popularität des Islam reagieren. Alle versuchen jedoch, eine exklusive nationale Version des Islam zu propagieren – vor allem in Abgrenzung zu einem vermeintlich „fremden“ ausländischen Islam. Alle sind bemüht, religiöse Organisationen in quasi-staatliche Institutionen zu verwandeln. Und alle wollen mit zumeist repressiven Religionsgesetzen die Tätigkeit religiöser Gemeinschaften kontrollieren und einschränken.

Der usbekische Präsident Karimov wurde in den frühen 1990er Jahren von islamischen Aktivisten herausgefordert. Die politische Elite reagierte darauf mit der Propagierung eines usbekisch-nationalen Islam. Er wurde als tolerant und in der usbekischen Kultur verwurzelt vorgestellt. Religiöse Institutionen und ihr Personal wurden unter unmittelbare staatliche Kontrolle gestellt, religiöse Gemeinschaften von Sicherheitsorganen überwacht, ausländische religiöse Organisationen des Landes verwiesen und zentrale Bestandteile der Religionsfreiheit ausgehebelt. Insbesondere behält sich der usbekische Staat vor, ein religiöses Bekenntnis zu bewerten. In der Region geht nur Turkmenistan noch repressiver gegen religiöse Gruppierungen vor, zumal hier Religion in den Dienst eines bizarren Personenkultes um den 2006 verstorbenen Präsidenten Sapamyrat Nyýazov „Turkmenbaschi“ gestellt wurde.

Geistlicher Rat bei Vielweiberei

Eine muslimische Frau wendet sich an einen prominenten Geistlichen, weil sie verzweifelt ist:  Ihr Ehemann will eine zweite Frau heiraten. Der tadschikische Geistliche gibt zu, dass Polygamie schwierig für die…

In Kirgistan und Kasachstan verlief die islamische Renaissance unauffälliger. Beide Länder waren spät islamisiert worden; islamische Institutionen waren in vorsowjetischer Zeit weniger gefestigt und islamische Diskurse zur politischen Ordnung weniger profiliert. In Kirgistan gab es zwar im vergangenen Jahrzehnt Versuche, islamische Institutionen staatlichen Regeln zu unterstellen, aber die gewaltsamen Unruhen 2005 und 2010 und die folgende Schwächung staatlicher Strukturen verhinderten dies weitgehend. Kasachstan hingegen verfolgt seit Mitte der 2000er Jahren eine ähnliche Politik wie Usbekistan: Es propagiert einen unpolitischen kasachisch-nationalen Islam. Der Staat investiert viel Geld in den Ausbau offizieller religiöser Institutionen, hat aber auch die Religionsfreiheit zunehmend eingeschränkt.

In Tadschikistan hingegen wurde 1992 bis 1997 ein verheerender Bürgerkrieg unter anderem über die Frage ausgefochten, welche Rolle der Islam in der postsozialistischen Gesellschaft spielen sollte. Der Friedensschluss von 1997 bewirkte eine vorübergehende Einbindung der islamistischen Opposition, während das Regime eine aggressiv säkulare Politik verfolgte und den Islam als Ursache für den Ausbruch des Bürgerkrieges darstellte. Doch auch in Tadschikistan lässt sich in der vergangenen Dekade ein deutlicher Anstieg öffentlich gelebter Religion feststellen. Er wird insbesondere von unabhängigen Geistlichen beeinflusst, die zwar ebenfalls den Islam als Teil einer nationalen Tradition verstehen, dies aber weniger exklusiv auslegen und zunehmend die moralisch-ethische Rechtleitung in den Vordergrund stellen. Das tadschikische Regime hat mittlerweile darauf reagiert und bemüht sich nun ähnlich wie in den Nachbarländern, den Islam stärker zu kontrollieren.

Auf den ersten Blick mag eine Institutionalisierung von Religion durchaus sinnvoll erscheinen – das entspricht ja auch weitgehend den Erfahrungen in Deutschland. Allerdings wird der Versuch, offizielle islamische Gremien einzurichten, in Zentralasien von unzureichend demokratisch legitimierten Regierungen unternommen, die unmittelbar in innere Angelegenheiten einer Religionsgemeinschaft eingreifen. Der Staat behält sich hier das Recht vor, religiöse Ansichten zu bewerten und zu beurteilen, welche Deutung der islamischen Tradition „richtig“ und staatlich genehmigt ist. Da der Islam keine verfestigte Hierarchie kennt und auch in Zentralasien eine Vielzahl von Auslegungen existiert, bedeutet das zudem, dass Konfessionsgruppen gezielt gegeneinander ausgespielt werden.

Zu Zeiten Gorbatschows verstanden einige zentralasiatische Intellektuelle den Islam als Teil einer gemeinsamen regionalen Tradition. Nach 1991 und der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit wurde der Islam jedoch zunehmend zum Teil einer spezifisch nationalen Kultur in Abgrenzung zu den Nachbarstaaten umgedeutet. Spiritualität und alltägliche religiöse Praxis lassen sich jedoch nicht darauf reduzieren. In Zentralasien präsentieren heute religiöse Würdenträger den Islam vor allem als einen moralisch-ethischen, vorbildhaften Lebensentwurf. Die zugrunde liegenden Moralvorstellungen entsprechen im Grundsatz einer konservativen Interpretation des Islam und sind nicht dezidiert als Gegenentwurf zu den Vorstellungen der politischen Eliten zu verstehen.

Vielmehr sind islamische Geistliche – Imame und Vertreter der wichtigen Sufi-Orden – auf lokaler Ebene zu einflussreichen sozialen und politischen Vermittlern geworden. Sie verfolgen vielfältige, auch ökonomische Interessen – häufig in der Landwirtschaft, der Verarbeitung von Baumwolle oder durch Beteiligungen an Unternehmen ihrer Anhänger. Islamische Geistliche beziehen in der Regel kein Gehalt. Es gilt nicht als problematisch, wenn sie wirtschaftlich tätig sind, zumal einige prominentere Geistliche wichtige Arbeitgeber in ihren Gemeinden sind.

Ihre Legitimation ergibt sich aus Vorstellungen einer islamischen Anleitung zum Rechten, aber auch daraus, dass sie religiöse, spirituelle und moralische Erwartungen der Laien befriedigen – etwa die nach Auslegung der religiösen Tradition. Ausgesprochen populär ist inzwischen der ethisch-moralische Ratschlag. Geistliche – zumeist die Vorbeter der wichtigen Freitagsmoscheen – gebieten in Anlehnung an die entsprechende Anweisung im Koranvers 3:104 das Rechte und verbieten das Verwerfliche. Dieser religiöse Ratschlag wird vor dem Freitagsgebet öffentlich gegeben und zunehmend über Webseiten oder DVDs als Audio- und Videodateien verbreitet. Ein Großteil der Fragen beschäftigt sich mit der rituellen Praxis, also der korrekten Verrichtung des Gebets, der rituellen Waschung, des Fastens und so weiter.

Der Blick im Westen auf den Islam in Zentralasien wird bestimmt vom Fokus auf Gefahren 

Allerdings wenden sich Muslime auch mit persönlichen, familiären und sozialen Anliegen und Problemen an islamische Würdenträger. Zentrale Themen sind in diesem Zusammenhang die sozialen Folgen der Arbeitsmigration, Polygamie, Sexualität, Gesundheit, häusliche Gewalt, Korruption und das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Religion. In ihren Ratschlägen, die sie häufig als Rechtsgutachten bezeichnen, vollziehen viele Religionsgelehrte in Zentralasien  einen Balanceakt: Auf der einen Seite ermahnen sie die Muslime, Gebote der islamischen Tradition einzuhalten, auf der anderen Seite können sie die gesellschaftlichen und sozialen Realitäten nicht ignorieren. Dieser Balanceakt führt häufig zu einer dynamischen und modernen Auslegung der Tradition, die weit über die Klassifizierungen „moderat“ oder „radikal“ hinausgehen.

Der Blick im Westen auf den Islam in Zentralasien wird jedoch bestimmt vom Fokus auf Gefahren, die vom „islamischen Faktor“ unter radikalen politischen Gruppen ausgehen. Befürchtet wird auch ein Übergreifen radikaler islamischer Strömungen aus Afghanistan nach dem Rückzug der westlichen Truppen 2014. Dieses Bild ist sehr einseitig und folgt leichtfertig der Haltung der zentralasiatischen Regierungen, die den Islam vornehmlich als Bedrohung der nationalen und regionalen Sicherheit und Stabilität begreifen. Weil die Sicherheitskräfte in Zentral-asien kaum demokratisch kontrolliert werden und weitgehend intransparent operieren, sollten offizielle Verlautbarungen mit großer Vorsicht behandelt werden. Die Regierungen der Region verweisen auch deshalb gern auf vermeintlich gemeinsame Sicherheitsinteressen und die prekäre Lage in Afghanistan, weil das gut zum Konzept und zu den Prioritäten von Geberländern aus Europa und Amerika und internationalen Organisationen passt.

Grundsätzlich sind Sicherheitsbedenken hinsichtlich Gruppierungen wie der Islamischen Bewegung Usbekistans legitim. Doch wenn man unkritisch die Darstellungen der autokratischen Regime in der Region übernimmt, wird das westliche Engagement in den Augen zivilgesellschaftlicher Gruppen in Zentralasien diskreditiert. Zudem verstellt das den Blick darauf, welche Rolle die Religion im Alltag und in der Lebenswelt hat und wie sich das verändert.

erschienen in Ausgabe 8 / 2013: Zentralasien – Als Partner umworben

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