Augen zu vor der Schuld der Anderen

Große Teile der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in Deutschland sind rassistisch. So lautet die Fundamentalkritik von Antirassisten und Postkolonialisten, die sich seit einigen Jahren verstärkt zu Wort melden. Doch deren Positionen sind voller Widersprüche und führen zu einer fatalen Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden in der Welt.

Die neue Studie „Bildung für nachhaltige Ungleichheit“ der Berliner Gruppe GLOKAL kann als Generalabrechnung mit der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in Deutschland gewertet werden. In ihr wird der fundamentale Widerspruch der „Antirassisten“ offensichtlich: Die Welt wird aufgeteilt in Gut und Böse, in den „Globalen Norden“ und in den „Globalen Süden“, in Privilegierte und Profiteure einerseits und in Ausgebeutete andererseits. Rassistisch wird diese Weltsicht da, wo die Hautfarbe als Kriterium für die Zweiteilung der Welt herangezogen wird. So gehören für GLOKAL die Weißen in Namibia und in Südafrika dieser Einteilung zufolge zum „Globalen Norden“, also zu den Ausbeutern und Profiteuren, obwohl sie im Süden leben. Die Kriegsverbrecher in Syrien oder dem Sudan hingegen gehören nicht dazu, ebenso wenig die Warlords im Kongo oder die Drogenbarone in Mexiko. Warum? Weil sie nicht weiß sind. Offensichtlicher kann Rassismus kaum sein.

Kaum zehn Zeilen nach dieser Einteilung in Gut und Böse wird mit scharfen Worten genau das sogenannte „Othering“, also die Unterscheidung zwischen „Eigenen“ und „Anderen“, als rassistisch gebrandmarkt. Diese Unterscheidung sei nichts anderes als ein „kolonialer Mechanismus, um Kolonialherrschaft, Ausbeutung und Ungleichheit zu rechtfertigen“. Folgerichtig werden auch die Kategorien verboten, mit denen ein Anders-Sein konstatiert werden könnte: Die Feststellung unterschiedlicher Hautfarbe ist ohnehin rassistisch, aber auch von unterschiedlichen Kulturen darf nicht geredet werden, weil eine solche „Kulturalisierung“ den Rassismus reproduziere.

Autor

Georg Krämer

ist Referent für entwicklungs- politische Bildung des Welthauses Bielefeld und Fachpromotor für Globales Lernen des Landes Nordrhein-Westfalen.

Solche Denkverbote haben weitgehende Folgen für die Wahrnehmung der Welt. Nicht nur dürfen die Anderen nicht mehr als anders wahrgenommen werden. Untersagt ist auch, über Missstände, Fehler, Versäumnisse, Entwicklungsprobleme im „Globalen Süden“ zu sprechen, weil solche Themen zu unerwünschten Schlussfolgerungen führen könnten. So heißt es in der Broschüre von GLOKAL, wer behaupte, dass Afrikaner „für korrupte Regierungs­eliten, HIV/Aids, Warlords und Kriege etc. selbst verantwortlich seien, inszeniert Afrikaner_innen als passiv und lethargisch und ,Uns‘ als selbstlos Gebende“. Aussagen über die Welt werden also nicht an der Wahrheitsfrage gemessen, sondern an ihrer angeblichen Wirkung: Sie könnten koloniale Denkmuster verstärken.

Diese Doppelstandards machen das Ganze so unerträglich. Dieselben Leute, die im Globalen Norden beständig Herrschaftsverhältnisse entlarven, verwenden alle ihre Energie darauf, einen Blick auf Herrschaftsverhältnisse im Globalen Süden zu verhindern oder als rassistisch zu diskreditieren. Dieselben Leute etwa, die hier bei uns das rückständige Familienbild der CSU geißeln, lehnen es ab, sich mit der Unterdrückung von Frauen in Afghanistan zu beschäftigen, weil, so GLOKAL, „die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit im Globalen Süden dazu dient, den Globalen Norden als emanzipiert, modern und entwickelt darzustellen“. Wo kämen wir hin, wenn wir einräumten, dass Frauenrechte bei uns mehr verwirklicht sind als in anderen Teilen der Welt?

Es ist unbestreitbar, dass die koloniale Unterdrückung angetrieben wurde von eurozentrischen Überlegenheitsgefühlen und mit der Abwertung anderer Völker und Kulturen einherging. Ebenso unbestreitbar ist, dass diese Denkmuster heute noch vorhanden sind, auch in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Doch Denk- und Sprechverbote sind weder hinnehmbar noch hilfreich.

Entwicklungspolitische Bildungsarbeit braucht ein normatives Fundament, auf dem sie aufbauen kann; sie braucht Werte und moralische Maßstäbe. Solche Maßstäbe sind nicht schon deshalb hinfällig, weil sie  Bestandteil weißer Weltbeherrschung waren. Die vor allem auf das Individuum abzielenden Menschenrechte mögen auf kulturellen Grundlagen beruhen, die ursprünglich aus Europa stammen – ihre universelle Gültigkeit einzufordern, ist dennoch richtig. Der Schutz der Menschenwürde und des Lebens, die Gleichberechtigung der Frau und die Aufklärung mögen Teil des ideengeschichtlichen Projekts mit dem Namen Europa sein: Das ist kein Grund, sie deshalb nicht als politische Optionen zu verfolgen. Jedes dieser Bezugsfelder ist hinterfragbar, in der Praxis diskriminierend  und hat eine Herrschaftsgeschichte. Das ist aber kein Grund, auf derartige normative Bezüge zu verzichten.

Wo kämen wir hin, wenn wir einräumten, dass Frauenrechte bei uns mehr verwirklicht sind als in anderen Teilen der Welt?

Die von den Antirassisten ve­rfügten Denkverbote führen zu einer fatalen Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden in der Welt. Erschreckend ist, wie widerspruchslos mancher in der entwicklungspolitischen Bildung bereit ist, diese Denkverbote zu akzeptieren. Die Angst, rassistisch zu sein, verdrängt Werteentscheidungen, die früher selbstverständlich bezogen wurden.

Aber auch hierfür haben die Antirassisten eine Rechtfertigung: So schlägt die antirassistische Pädagogin Astrid Messerschmidt vor, „die Perspektive zu wechseln und uns der Illusion von globalem Lernen zu verweigern. Stattdessen könnte es einen Versuch wert sein, sich auf die eigene Zone zu besinnen, auf den begrenzten Kontext unserer gesellschaftlichen Existenz im privilegierten Teil der Welt.“ Was für ein Armutszeugnis! Globales Lernen war einmal gerade als Grenzüberschreitung gedacht, als Perspektivwechsel, der in der globalisierten Welt andere Regionen und Menschen jenseits der „eigenen Zone“ in den Blick nimmt und nach weltweiten Zusammenhängen und Verantwortlichkeiten fragt. Jetzt soll es zurück zur Froschperspektive gehen, weil der Blick über den Tellerrand angeblich nur ein kolonialer Blick sein kann. Nichteinmischung wird zur Tugend erklärt.

Vermutlich hat die Empfänglichkeit vieler Eine-Welt-Engagierter für die totale Ideologie, die als Antirassismus daherkommt, eher psychische als intellektuelle Ursachen. Es gibt bei vielen ein tiefes Gefühl der Schuld und der Scham, das beim Erinnern an die Verbrechen des Kolonialismus und beim Blick auf die so unterschiedlichen Lebenschancen von Menschen in Nord und Süd aufkommt. Wohlstand und Wahlmöglichkeiten privilegieren uns gegenüber der Mehrheit der Menschheitsfamilie in einem kaum erträglichen Ausmaß. Der „Schuldkomplex“, den der französische Philosoph Pascal Bruckner Europa attestiert hat, sucht deshalb nach Entlastung. Selbstanklage und Selbsthass („Wir Rassisten“) sind ein Weg, mit dieser Schuld umzugehen. Unser Rassismus und unser Kolonialismus sind die Quellen alles Bösen und die wahren Herrscher über die Welt. So kehrt der Eurozentrismus durch die Hintertür wieder zurück.

Die Bereitschaft, sich im Sinne des Wortes selbstkritisch mit den eigenen Positionen zu beschäftigen, braucht Freiheit von ideologischer Überwältigung, von Einschüchterung und von der Drohung mit der Rassismus-Keule. Globales Lernen ist vor allem als Einladung zu verstehen, unterschiedliche, auch neue Perspektiven einzunehmen. Es muss als Lernansatz verteidigt werden – gegen Denkverbote und gegen geschlossene ideologische Weltbilder, bei denen richtig und falsch sowie gut und böse schon vorher feststehen.

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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