Die Gemeindepolizei schützt und hilft: Ehren­amtliche Hilfspolizisten unterwe­gs in einem Armen­­viertel von Mosambiks Hauptstadt Maputo.

Tillmann Elliesen

Nachbarn auf Streife

Korrupt, faul und ineffizient – afrikanische Polizisten haben einen schlechten Ruf. Viele Afrikaner verlassen sich lieber auf Bürgerwehren und tradi­tionelle Chiefs. Auch das ist aber mit Problemen verbunden.

Die Polizei steht in Europa für die Verhinderung und Bekämpfung von Verbrechen. Viele Afrikaner sehen das ganz anders. In den meisten afrikanischen Städten hat die Polizei keine großen Erfolge vorzuweisen. Sie interessiert sich kaum für die Probleme der armen Bevölkerung, die Arbeit in den Städten ist schwierig, es fehlt Personal. Die Polizisten sind unzureichend ausgebildet und schlecht ausgestattet. Sie haben zu wenig Fahrzeuge, Kasernen, Büroräume, Telefone, Computer, Aktenschränke und kriminaltechnische Geräte. Gerade in den dichtbesiedelten Kerngebieten sind Polizisten viel zu oft nur sporadisch präsent. All diese Probleme beruhen auf Gleichgültigkeit, Korruption, Missbrauch innerhalb der Polizei und der Immunität der Staatsdiener.

Kein Wunder, dass Afrikas Stadtbewohner der Polizei misstrauen. Die Regierungen versprechen zwar immer wieder, die Verfügbarkeit, Integrität und Effizienz der Polizei zu erhöhen und stärker auf nachbarschaftliche Polizeiarbeit zu setzen. Doch dass sie wirklich in der Lage und gewillt sind, ihre Versprechen zu finanzieren, wird von vielen bezweifelt. Der Zynismus der Leute wird von den Medien befeuert, die regelmäßig über Fälle von Machtmissbrauch und die kriminellen Machenschaften der Polizei berichten – und von ihren eigenen Erfahrungen, den Bestechungsgeldern bei Verkehrskontrollen oder den Zahlungen an Polizeibeamten für die Aufklärung eines Verbrechens.

Autor

Bruce Baker

ist Professor für Afrikas Sicherheitspolitik an der Coventry University in England. Sein Buch „Security in Post-conflict Africa: The Role of Non-State Policing“ wurde 2010 von der American Society of Criminology ausgezeichnet (www.africanpolicing.org).

Diese Skepsis hat viele Städter dazu getrieben, ihre eigenen Sicherheitsdienste aufzubauen. Denn, wie ein Einwohner Nairobis sagt, „wenn du dich nicht selbst schützt und dich nur auf den Staat verlässt, gefährdest du deine Sicherheit“. Manche polizeilichen Dienste sorgen tatsächlich für Ordnung, schützen vor Kriminalität, klären Verbrechen auf, bestrafen Täter und entschädigen Opfer. Aber diese Dienste hat die örtliche Bevölkerung selbst aufgebaut. Dazu gehören traditionelle Ältestenräte und Chiefs, christliche und islamische Organisationen, Verbände ethnischer Gruppen, Jugendgruppen, Nachbarschaftsvereine, Gemeindepolizei und gewerbliche Anbieter – und kriminelle Schutzgelderpresser. Insgesamt erbringen einheimische Anbieter vermutlich mehr als 80 Prozent aller Sicherheitsdienstleistungen in Afrika:

Die große Beliebtheit dieser lokalen Polizeidienste hat viele Gründe: Sie sind meist in der unmittelbaren Umgebung und zu Fuß erreichbar, sie arbeiten in der lokalen Sprache, verzichten auf formelle, juristische Abläufe, sie reagieren schnell und kosten wenig. Sie schlichten Streit unter Nachbarn, treten asozialem Verhalten entgegen, beschützen die Gemeinde in der Nacht und bringen gestohlene Dinge wieder zurück – dank ihrer guten Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse sind sie dabei oft wesentlich effektiver als die staatliche Polizei. Zudem halten sich die Polizeidienste bei ihrer Arbeit an lokale Vorstellungen von Recht und Unrecht und sind darum bemüht, die Harmonie in der Gemeinschaft wiederherzustellen.

 „Die Bestrafung ist Sache der Marktfrauen“ 

In den städtischen Gebieten von Sambia patrouillieren beispielsweise regelmäßig bewaffnete Bürgerwehren mit 20 bis 30 Mitgliedern. Sie genießen große Unterstützung in der Bevölkerung, da ihre Präsenz als effektiver Beitrag zur Kriminalitätsvorbeugung wahrgenommen wird. Trotz ihrer illegalen und teilweise brutalen Methoden sind die Bürgerwehren eingetragene Organisationen. Viele von ihnen arbeiten eng mit der Polizei zusammen, die sie auch mit Waffen versorgt.  

In Sierra Leones Hauptstadt Freetown hat, wie fast überall in Afrika, jeder Markt einen eigenen von der Stadtverwaltung anerkannten Sicherheitsausschuss. Dieser kontrolliert das Verhalten von Käufern und Verkäufern, ahndet Delikte wie Beleidigungen, Spucken oder Cannabiskonsum mit Geldstrafen und vermittelt bei ernsthafteren Vorfällen wie Schuldfragen und Prügeleien. Ist der Streit nicht zu schlichten, werden die Beteiligten zusätzlich zu einer Geldbuße für Wochen oder Monate des Marktes verwiesen. Dass die Polizei sich kaum auf den Märkten blicken lässt, wird von vielen Verkäufern als Vorteil wahrgenommen. Den Gang zur Polizei sehen sie als Zeitverschwendung an – weil die entweder nichts unternimmt oder einen überführten Dieb schnell wieder laufen lässt. „Die Bestrafung ist Sache der Marktfrauen, denn wir kennen das Gewohnheitsrecht“, sagt eine führende Marktfrau in Freetown. Diebstähle seien kaum zu verhindern, aber wenn ein Dieb erwischt wird, setze es in der Regel an Ort und Stelle Hiebe.

In Ghanas Hauptstadt Accra haben die überwiegend muslimischen Stadtteile eine Schariapolizei, genannt Isakaba. Mitglieder ehemaliger Jagdgruppen haben eine Art Bürgerwehr gebildet, die für Recht und Ordnung im Viertel sorgen soll. Sie belangt nicht nur Leute, die sich unislamisch verhalten, also vorehelichen Sex haben oder Alkohol trinken. Die Isakaba verdingen sich auch als Geldeintreiber, die Schuldner einschüchtern und bedrohen oder als Wachpersonal in verschiedenen Gebieten in Accra. 

Die traditionellen Chiefs mag man eher im ländlichen Afrika vermuten, tatsächlich arbeiten sie aber oft auch in den Städten, insbesondere in den urbanen Gemeinschaften der eigenen ethnischen Gruppen. Sie berufen sich auf das Gewohnheitsrecht, das teilweise den nationalen verfassungsrechtlichen Gesetzen entsprechen kann. Ihre Aufgabe ist es, innerhalb der eigenen Gemeinschaft für Ordnung zu sorgen und bei Konflikten zwischen Mitgliedern Recht zu sprechen. Meist tragen die Streitenden ihr Anliegen selbst vor, Beschuldigte werden teilweise auch von der Stammespolizei festgenommen oder von der regulären Polizei den Chiefs übergeben.

Beispielhaft ist ein Fall aus der nigerianischen Stadt Ibadan: Ein junger Mann der Hausa stiehlt Geld von einer Marktfrau und wird von einem wütenden Mob verfolgt. Ein Polizist nimmt den Täter fest und einigt sich mit der Marktfrau, dass der Gerechtigkeit und den eigenen Interesse am besten Genüge getan wäre, wenn sie den Dieb dem örtlichen Gericht der Hausa-Gemeinschaft übergeben. Nach Aufnahme der Zeugenaussagen spricht das informelle Gericht unter Vorsitz von Hausa-Ältesten und dem Stellvertreter des lokalen Emirs den jungen Mann schuldig, verhängt eine hohe Geldstrafe gegen ihn und leiht ihm den Betrag, mit dem er die Marktfrau und den Polizisten entschädigen kann. Das Gericht warnt den Dieb, dass er bei jedem weiteren Vorkommen in sein Heimatdorf im Norden Nigerias verbannt und dort eingesperrt wird.

Auch andere polizeiliche Organisationen müssen unterstützt werden

Lokale Polizeidienste sind nicht über jede Kritik erhaben. Einige sind anfällig für Verstöße gegen die Menschenrechte, unzuverlässig und schlecht ausgebildet. Sie sind wenig transparent und zeigen keine Rechenschaftspflicht gegenüber dem Staat. Entgegen der westlichen Vorstellung sind jedoch weder all diese Gruppen gewalttätig noch sind sie direkt „nichtstaatlich“ im Sinne von Organisationen, die keinerlei Kontakt zum Staat haben. Vielmehr werden sie geführt von aufgeschlossenen und besorgten Bürgern und stehen in regelmäßigem Kontakt mit afrikanischen Polizeikräften. Für die Polizei bedeuten die lokalen Ordnungshüter eine Entlastung, die wiederum gewinnen an Legitimität und den Zugang zu Ressourcen.

Typischerweise tauschen beide Seiten Informationen aus, schieben sich Fälle zu und teilen sich die Arbeit nach bestimmten Aufgaben und Gebieten auf. So hat beispielsweise die liberianische Polizei in der Hauptstadt Monrovia in Abstimmung mit den örtlichen Gemeindeleitern eine Sicherheitszone eingerichtet, in der mehrere Bürgerwehren die steigende Kriminalität eindämmen sollen. Sie patrouillieren nachts durch die Stadtviertel, manchmal gemeinsam mit der Polizei. Früher wurden solche Bürgerwehren beschuldigt, gegen Kriminelle brutal vorzugehen, die Polizei sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, nachts nicht auf Streife zu gehen. Dank der Zusammenarbeit konnten diese Vorwürfe entkräftet werden. 

Die Entwicklungsprogramme der Geberorganisationen, die den Zugang zu Recht und die Kriminalitätsprävention verbessern wollen, zielen gewöhnlich auf die Ausbildung und Ausrüstung der staatlichen Polizeikräfte ab. Dabei ignorieren sie jedoch die große Zahl von lokalen Akteuren, die Polizeiarbeit an der Basis leisten. Als Begründung verweisen die Geber auf die Menschenrechtsverletzungen oder die Diskriminierung von Frauen durch diese Gruppen. Und es stimmt, diese Gruppen machen Fehler, aber wahrscheinlich nicht mehr als die reguläre Polizei.

Selbst wenn es gelingt, die Polizeiarbeit grundlegend zu verbessern, haben die Polizisten immer noch zu wenig Personal und Geld, um sich um alle Bürger in Afrikas Städten zu kümmern. Will man mehr Sicherheit und Gerechtigkeit für die armen Bevölkerungsgruppen, kommt man nicht umhin, neben der Polizei auch andere polizeilichen Organisationen zu unterstützen. Dabei sollten vor allem die bereits vorhandenen Verbindungen zwischen der Polizei und den lokalen Gruppen gestärkt werden.

Aus dem Englischen von Sebastian Drescher

erschienen in Ausgabe 11 / 2013: Kriminalität

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