Mit Agrartreibstoff sauber fahren?

Bis 2020 sollen zehn Prozent des Kraftstoffs für die Autos und LKWs auf Europas Straßen aus Pflanzen wie Mais und Soja gewonnen werden. Die EU-Kommission kippte unlängst diesen Beschluss und will den Anteil bei fünf Prozent deckeln. Das Europäische Parlament hingegen votierte im Oktober für die ursprüngliche Beimischungsquote. Soll die Europäische Union in der Verkehrspolitik weiter auf Biotreibstoff setzen? Dient das dem Klimaschutz? Sind die Kosten vertretbar?
Pro: Eine Chance für Kleinbauern

Von Sybille Röhrkasten

Der Ausbau erneuerbarer Energien konzentriert sich in Deutschland und in Europa auf die Stromversorgung, während die Bereiche Transport und Verkehr weitgehend ausgeblendet werden. Das birgt Gefahren, denn mehr als ein Drittel des europäischen Energieverbrauchs fällt im Transportsektor an. Die EU hat ihren Ausstoß von Treibhausgasen von 1990 bis 2005 insgesamt um knapp acht Prozent gemindert. Dagegen stiegen die Emissionen im Verkehrssektor um 27 Prozent. Anders als bei der Stromversorgung ist nicht abzusehen, dass die Emissionen beim Verkehr schrumpfen. Und kein anderer Bereich ist so abhängig von einem einzigen Energieträger: dem Erdöl.

Die Erhöhung des Anteils von Biokraftstoffen ist ein erster Schritt weg vom Öl. Doch nun möchte die EU-Kommission auch hier zurückrudern. Eigentlich sollten in der EU bis 2020 mindestens zehn Prozent der Energie für Transport und Verkehr aus erneuerbaren Quellen kommen. Jetzt soll diese Beimischungsquote von Biokraftstoffen der ersten Generation – also aus Pflanzen wie Mais oder Soja – auf den heutigen Stand von fünf Prozent eingefroren werden. Die Kommission reagiert damit auf die wachsende Kritik von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen an der Nutzung von Biokraftstoffen.

Es ist jedoch stark zu bezweifeln, dass eine Abkehr von der bisherigen Politik dem globalen Umweltschutz und der Nahrungsmittelsicherheit dient. So lassen sich allenfalls Symptome bekämpfen; auf die Ursachen der Probleme zielt ein solcher Politikwechsel nicht. Die EU beraubt sich eines Hebels, mit dem sie nachhaltige Landwirtschaft in Entwicklungsländern fördern könnte: Würde sie Bauern in Entwicklungsländern Möglichkeiten zum Export von Biokraftstoffen bieten, könnte sie die Produktionsbedingungen in diesen Ländern in Richtung Nachhaltigkeit beeinflussen und strukturelle Reformen anstoßen.

Möchte die EU tatsächlich zum globalen Umweltschutz beitragen, dann darf sie sich nicht auf Biokraftstoffe beschränken. Das Problem, dass sogenannte Treib­hausgassenken wie Wälder oder Savannen auf Kosten des Klimaschutzes in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt werden, betrifft den gesamten Agrarsektor. Die EU sollte sich deshalb dafür einsetzen, dass die Emissionen aus solchen Landnutzungsänderungen generell im Rahmen der UN-Klimarahmenkonvention erfasst und bekämpft werden.

Wälder werden nicht nur für Biosprit gerodet

Abgesehen davon ist es eine gefährliche Illusion zu glauben, es würden Tropenwälder erhalten, nur weil die EU weniger Biokraftstoffe nachfragt. Ohne positive Anreize für Entwicklungsländer ist ein wirksamer Tropenwaldschutz nicht zu erreichen. Die EU und andere reiche Länder müssen den waldreichen Ländern wirtschaftliche Möglichkeiten bieten – und nicht nehmen. Das Klimaschutzinstrument REDD plus, mit dem Wälder als Treibhausgassenken angerechnet werden können, wäre der richtige Ansatz.

Um die Nahrungsmittelsicherheit in Entwicklungsländern zu verbessern, muss die Landwirtschaft dort gestärkt werden. Menschen hungern nicht, weil global zu wenig Lebensmittel produziert werden, sondern weil sie ungerecht verteilt sind. Vielen Menschen fehlt schlichtweg das Geld, sich genug zu essen zu kaufen. In ärmeren Ländern ruht die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft noch maßgeblich auf der Landwirtschaft. Die EU kann die Landwirtschaft fördern, indem sie Entwicklungsländern Exportmöglichkeiten und Zugang zu zahlungskräftigen Märkten bietet. Der Markt für Biokraftstoffe wäre eine solche Exportmöglichkeit.

In der Debatte über das Für und Wider von Biokraftstoffen dürfen die schädlichen Folgen der Nutzung fossiler Kraftstoffe auf die Umwelt sowie die Lebensbedingungen vieler Menschen nicht ausgeblendet werden. Während Biokraftstoffe gründlich anhand solcher Kriterien geprüft werden, bleiben herkömmliche Kraftstoffe davon weitgehend verschont. Bei ihnen wird zwar eine CO2-Bilanz erstellt, indirekte Umwelteffekte und Risiken werden jedoch nicht berücksichtigt – man denke nur an die Folgen der Tiefseeölförderung oder den Abbau von Ölsanden. Und auch soziale Folgen der Ölförderung in Entwicklungsländern werden kaum diskutiert. Das sollten die Kritiker von Biokraftstoffen bedenken. Denn die Entscheidung, die Beimischungsquote in der EU zu deckeln, hat vor allem eins zur Folge: dass auf unabsehbare Zeit für Verkehr und Transport weiter fossile Kraftstoffe genutzt werden.

erschienen in Ausgabe 12 / 2013: Unser täglich Fleisch

Neuen Kommentar schreiben