Kirchen: Gegen die gottlose Weltwirtschaft

Ausgerechnet in einer der Metropolen der Globalisierung hat der Ökumenische Rat der Kirchen zur großen Kritik am Kapitalismus ausgeholt: Auf seiner Vollversammlung im südkoreanischen Busan haben Kirchen aus armen und reichen Ländern eine gerechte Handelsordnung gefordert.

Neben dem Klimaschutz debattierte der Weltkirchenrat über die Auswüchse einer unkontrollierten Weltwirtschaft. Die Kirchen mahnten in einer Erklärung eine Abkehr von einer globalen „Ökonomie der Habgier“ an. Das zügellose Profitstreben trage zur Verarmung breiter Massen bei. Die Weltwirtschaftsordnung sei „gottlos“. Die wirtschaftliche Globalisierung habe den Gott der Liebe durch „den Gott des freien Marktkapitalismus“ ersetzt. Die Welt könne aber nicht durch die Schaffung von immer mehr Reichtum gerettet werden, heißt es in dem Text weiter: „Es ist ein globales vom Mammon bestimmtes System, das durch endlose Ausbeutung allein das grenzenlose Wachstum des Reichtums der Reichen und Mächtigen schützt.“

Der Finanzmarkt hat sich zu „einem Monster“ entwickelt 

Die Vorherrschaft eines „Gottes des Mammons“ beklagte auch der Vorsitzende der Kommission für Weltmission und Evangelisation, Bischof Geevarghese Mor Coorilos von der Syrischen Orthodoxen Kirche in Indien. Wenn Geld die Menschen in seinen Bann zieht und zur Vergötzung führt, wird es in der Bibel als „Mammon“ bezeichnet. Warnungen kamen auch aus den reichen Ländern: Die globalen Missstände von heute seien historisch einmalig, sagte die US-amerikanische Baptisten-Pfarrerin und TV-Journalistin Angelique Walker-Smith. „Die vorherrschende globalisierte Kultur scheint soziale, wirtschaftliche und ökologische Ungerechtigkeit hinzunehmen und zu legitimieren.“ Die Ausgrenzung der Ärmsten scheine sogar als „unvermeidbare Begleiterscheinung in einer Welt gesehen zu werden“.

Agnes Aboum ist Vorsitzende des ÖRK-Zentralausschusses

Zweifache Premiere: Erstmals steht eine Frau und eine Afrikanerin an der Spitze des  Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Die 150 Mitglieder des Gremiums wählten…

Zu einer stärkeren Kontrolle der globalen Finanzmärkte rief Martin Khor (Malaysia) von der Entwicklungsorganisation „South Centre“ auf. Der Finanzmarkt sei korrupt und habe sich zu „einem Monster“ entwickelt. Zudem müssten die reichen Länder ihren Lebensstil verändern, erklärte der Kapitalismuskritiker. Den Pharmakonzernen warf er vor, mit ihrer Preispolitik vielen Kranken in armen Ländern den Zugang zu wichtigen Medikamenten zu versperren. Die Armen bräuchten kein Mitgefühl, unterstrich Khor. Vielmehr müssten die ungerechten Strukturen umgewandelt werden. Das „South Centre“ bietet Entwicklungsländern eine Plattform für ihre gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Zwar fiel die Kritik an der Weltwirtschaftsordnung in Busan oft beißend und mitunter auch einseitig aus. Doch die Delegierten präsentierten keinen überzeugenden, ausgereiften Gegenentwurf zu den herrschenden marktwirtschaftlichen Prinzipien. Man beschwor vielmehr eine „Gegenkultur“, gerade Christen müssten diese Kultur vorleben. Sie beruhe auf den Werten der Liebe und der Gerechtigkeit für alle. Einige Kirchenvertreter aus reichen Ländern betonten jedoch, es sei nicht die Aufgabe der Kirchen, eine gerechte Wirtschaftsordnung zu konzipieren. „Da müssen Ökonomen und Politiker ran“, hieß es.

Dennoch habe man das Recht, Missstände anzuprangern. Am Ende der zehntägigen Vollversammlung hatten die Kirchen genau das gemacht. Die Ungerechtigkeiten und das Unrecht, vor allem beim Klimaschutz und bei der Globalisierung, hielten sie in den Abschlusserklärungen fest. Inwieweit ihre Appelle tatsächlich Früchte tragen, können die Kirchen in rund sieben Jahren überprüfen. Dann trifft sich der ÖRK zu seiner elften Vollversammlung. Der Austragungsort könnte in einem der Ursprungsländer des Kapitalismus liegen: in England. Das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Weltkirche, Erzbischof Justin Welby, jedenfalls warb für seine Heimat: England sei „hervorragend“ als Gastland geeignet.

erschienen in Ausgabe 12 / 2013: Unser täglich Fleisch

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