Seit ihrer Ankunft in Mizoram, einem indischen Bundesstaat im äußersten Osten des Landes, hat Pari gelernt, den Himmel mit anderen Augen zu lesen. Die 46-jährige Frau aus Myanmar lebt in einem Lager für Geflüchtete aus Bambusstangen und Plastikplanen. Sie weiß genau, was die dunklen Wolken des herannahenden Monsuns für eine Unterkunft bedeuten, die bereits jetzt baufällig ist. Obwohl die Regenzeit 2026 noch Wochen entfernt ist, sorgt sie schon heute für Angst. Es fehlt das Geld für Reparaturen, es gibt keine Organisation, die man zur Hilfe rufen könnte.
Pari überquerte die Grenze nach dem Militärputsch in Myanmar im Februar 2021. Sie gehört zu den schätzungsweise rund 35.000 Chin-Flüchtlingen, die nach Mizoram strömten – angezogen von einer gemeinsamen Sprache und Kultur sowie jahrhundertelangen familiären Verbindungen über die Grenze hinweg. Zusammen mit der 52-jährigen Nunu, einer weiteren Bewohnerin des Lagers, beschreibt sie ein Leben, das auf das Allernötigste reduziert ist: Es fehlt an nahrhaften Lebensmitteln, verlässlichen Medikamenten, jeglichem Einkommen und einem legalen Status in ihrem Zufluchtsland. Tritt ein medizinischer Notfall ein, ist kein Krankenwagen da. Werden die Vorräte knapp, sind sie auf die Großzügigkeit der lokalen Gemeinden angewiesen, die jedoch selbst in Armut leben.
„Die Menschen um uns herum sind freundlich und teilen bereitwillig das, was sie haben“, sagt Pari. „Aber auch sie kämpfen ums Überleben. Wir können uns nicht allein auf ihre Hilfsbereitschaft verlassen. Wir benötigen Unterstützung, besonders für Notfälle.“
Humanitäres Vakuum: Fast keine Hilfsorganisationen mehr vor Ort
Pari und Nunu leben in einem humanitären Vakuum – entstanden durch den plötzlichen Rückzug jener Organisationen, die zuvor die Versorgung gesichert haben. Seit Anfang 2025, als die USA ihre Agentur für internationale Entwicklung (USAID) auflösten und den Großteil ihrer weltweiten Auslandshilfe einfroren, ist ein über Jahrzehnte aufgebautes Unterstützungsnetzwerk zusammengebrochen. In den mehr als hundert Flüchtlingslagern in Mizoram sind die Folgen unübersehbar: Fast alle ehemals dort tätigen internationalen Organisationen sind verschwunden, die Lebensmittelrationen gehen zur Neige und die Fälle von Tuberkulose und Malaria häufen sich.
Ob Krankheiten erkannt und behandelt werden, hängt stark von Gesundheitshelfern ab, die Patienten überwachen, Medikamente zur Vorbeugung verteilen und sicherstellen, dass Behandlungen abgeschlossen werden. Und die fehlen jetzt. „Die einzige Organisation vor Ort ist Ärzte ohne Grenzen“, sagt Lalrinawmi Ralte, Präsidentin der Organisation Women in Action (WINA), die seit Jahren die Bedingungen in den Lagern beobachtet. „Alle anderen sind verschwunden.“
Heute, ein Jahr nach der Schließung von USAID, wird das ganze Ausmaß des Verlustes erst deutlich – nicht in diplomatischen Kommuniqués, sondern in den leeren Regalen der Kliniken, bei im Stich gelassenen Patienten und in Gemeinschaften, die nicht mehr versorgt werden. In Indien wurde der Bruch am 15. August 2025 offiziell besiegelt, als sieben wichtige Partnerschaftsabkommen mit den USA gekündigt wurden. Damit wurde das Land, das über 70 Jahre hinweg der weltweit größte Empfänger US-amerikanischer Entwicklungshilfe gewesen war, fast über Nacht davon abgeschnitten.
Juristisches Niemandsland ohne Hilfsangebote für die Chin
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Bereits vor dem Rückzug von USAID war Indien ein unwirtliches Pflaster für Geflüchtete aus Myanmar. Das Land hat die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 weder unterzeichnet noch ratifiziert; zudem untersagt die indische Regierung dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), im Nordosten des Landes tätig zu werden. Der einzige Weg für die Chin-Flüchtlinge, ihre Identität nachzuweisen, ist ein vom Bundesstaat Mizoram ausgestellter Ausweis. Dieser wird aber weder für Arbeitsverhältnisse noch für Lebensmittelrationen oder Schulanmeldungen anerkannt – hierfür ist in der Regel die „Aadhaar Card“ erforderlich, die nur indischen Staatsbürgern vorbehalten ist. Die Chin befinden sich in einer Art juristischem Niemandsland: zwischen der verfassungsmäßigen Garantie auf Gleichheit vor dem Gesetz und einem Ausländergesetz, das die illegale Einreise unter Strafe stellt – ohne Ausnahmen für Menschen auf der Flucht vor Konflikten.
In diesem prekären rechtlichen Umfeld hatten von USAID finanzierte Organisationen ein fragiles, aber funktionierendes Hilfsnetzwerk etabliert. Über Partner wie die US-Organisation Jhpiego und die lokale Organisation Piramal Swasthya wurden Programme zur Tuberkuloseüberwachung, Mütterfürsorge und Nahrungsmittelhilfe betrieben. Dieses Unterstützungssystem existiert nun nicht mehr.
Lalramchuanzela, Geschäftsführer der Mission Foundation Movement (MFM) – einer Organisation, die sich vollständig aus indischen Spenden finanziert –, berichtet, die Zahl der Hilfesuchenden sei stark gestiegen, seit die von USAID geförderten NGOs ihre Arbeit einstellen mussten. Er sieht zudem den Drogenhandel als direkte Folge des entstandenen Vakuums: Ohne Einkommen, formelle Beschäftigungschancen oder unterstützende Organisationen werden manche Geflüchtete in den Rauschgiftschmuggel gedrängt, um sich Lebensmittel oder Medikamente überhaupt noch leisten zu können. „Es ist dringend notwendig, die Programme, die über USAID liefen, wieder zu finanzieren“, betont er. „Die aktuellen Maßnahmen der Regierung reichen bei weitem nicht aus, um diese Lücke zu schließen.“
Der Rückzug von USAID verschärft die Tuberkulosekrise
Ärzte ohne Grenzen (MSF), die kein Geld der US-Regierung annehmen und daher nicht direkt von den Kürzungen betroffen sind, bleiben die sichtbarste internationale Präsenz vor Ort. Doch MSF hat klargestellt, dass sie die Last nicht allein tragen können: Wenn die Nahrungsmittelhilfe wegbricht, füllen sich die Kliniken mit unterernährten Kindern. Wenn Unterbringungsprogramme gestrichen werden, gibt es keinen Ort, an den schutzbedürftige Patienten nach ihrer Entlassung vermittelt werden können. „Keine Organisation kann diese Arbeit im Alleingang leisten“, schrieb Farhat Mantoo, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Südasien.
Der Rückzug von USAID verschärft nicht nur die Flüchtlingskrise in Mizoram; er hat auch Folgen für die Gesundheitslage in den ärmsten Bundesstaaten Indiens, in denen sich eine Tuberkulosekrise abzeichnet. Indien ist nach wie vor das Land mit der weltweit höchsten Tuberkulosebelastung und verzeichnet etwa ein Viertel aller globalen Fälle. Jedes Jahr erkranken rund 2,7 Millionen Menschen; im Durchschnitt sterben alle drei Minuten zwei Personen an den Folgen. Das Versprechen der Regierung, die Tuberkulose bis 2025 auszurotten, wurde nicht gehalten.
Zwar werden Diagnose und Medikamente im Rahmen des nationalen Programms zur Tuberkulosebekämpfung kostenlos zur Verfügung gestellt, doch die Behandlung dauert in der Regel sechs Monate oder länger. Die Patienten sind auf kontinuierliche Beratung, Lebensmittelhilfe und Nachsorge angewiesen, um die Therapie erfolgreich abzuschließen. Ein Großteil dieser Unterstützung wurde von gemeindebasierten Organisationen geleistet – von denen viele ganz oder teilweise durch USAID finanziert wurden.
Finanzstopp für Basisnetzwerke in 19 indischen Bundesstaaten
Zwischen 1998 und 2022 investierte USAID insgesamt mehr als 140 Millionen Dollar in die Tuberkulosebekämpfung in Indien. Weltweit gab die Agentur jährlich rund 250 Millionen Dollar für bilaterale Tuberkuloseprogramme in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen aus. Anfang 2025 kam diese Finanzierung zum Erliegen. In Indien betraf der Abbruch 19 Bundesstaaten – von Bihar, Assam und Jharkhand im Osten bis Gujarat, Maharashtra und Tamil Nadu im Süden und Westen –, wo die von USAID finanzierte Challenge Facility for Civil Society lokale Basisnetzwerke unterstützt hatte.
Sudeshwar Singh, ein TB-Überlebender und Gründer der Organisation TB Mukt Vahini in Bihar, hat gezeigt, wie diese gemeinschaftsbasierte Architektur in der Praxis funktioniert. Seine Organisation, die erste in Indien, die von TB-Überlebenden gegründet und geleitet wurde, war in 34 Distrikten mit rund 800 Helfern aktiv. Diese Helfer haben Patienten unterstützt, Familien beraten, Lebensmittelpakete an Patienten verteilt und sichergestellt, dass Therapien nicht vorzeitig abgebrochen wurden.
Indische TB-Patienten am härtesten getroffen
Das Einfrieren der Mittel traf TB Mukt Vahini unmittelbar. Die USAID-Förderung war die zentrale finanzielle Lebensader der Organisation und hielt das Netzwerk der 800 Helfer in Bihar aufrecht. Als dieses Geld Anfang 2025 ausblieb, fehlte Singh jede Ersatzquelle. Mitarbeiter mussten entlassen werden, Hausbesuche, die früher alle zwei Wochen stattfanden, werden nun höchstens noch alle drei Monate gemacht, wenn überhaupt. Die Betreuung von Patienten in abgelegenen Dörfern wurde drastisch zurückgefahren.
Eine im September 2025 von der internationalen Stop TB Partnership veröffentlichte Modellstudie schätzt, dass ein anhaltendes Einfrieren der US-Finanzmittel bis 2030 zu einem Anstieg der TB-Fälle um 36 Prozent und der Todesfälle um 68 Prozent in den besonders betroffenen Ländern weltweit führen könnte. Da Indien einen hohen Anteil der globalen Last trägt, würden seine Patienten am härtesten getroffen.
Gesundheitsexperten warnen zudem eindringlich, dass die Unterbrechung von Behandlungen das Risiko einer multiresistenten Tuberkulose erhöhen – einer weitaus gefährlicheren und kostspieligeren Form der Krankheit, die nicht nur den einzelnen Patienten, sondern das gesamte öffentliche Gesundheitssystem bedroht.
Indien hat sich auf internationale Geldgeber verlassen
Die Frage stellt sich: Warum kann Indien, eine wachsende Wirtschaftsmacht mit einem erklärten Bekenntnis zur allgemeinen Gesundheitsversorgung, diese kommunalen Netzwerke nicht aus eigener Kraft finanzieren? Die Antwort liegt Experten zufolge weniger am Geld als vielmehr an tief verwurzelten Strukturen, mangelndem Vertrauen und den Folgen politischer Weichenstellungen der letzten Jahrzehnte.
Professor K. Srinath Reddy, Präsident und Gründer der Public Health Foundation of India, betont, dass die Lösung Geld und politischen Willen erfordere. Die Gemeinschaftsstrukturen seien zwar vorhanden, würden vom Staat jedoch nicht ausreichend finanziert. Historisch gesehen habe die Regierung eine zentralisierte, klinikbasierte Versorgung stets der Arbeit an der Basis vorgezogen. So hat Indien im Jahr 2021 nur gut 1,8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Gesundheit ausgegeben – weit weniger als das selbst gesteckte Ziel von 2,5 Prozent. Anstatt die bestehenden Organisationen solide zu finanzieren, hat sich die indische Regierung darauf verlassen, dass internationale Geber die Lücken füllen. Nun liegt diese Lücke offen zutage.
Gesetz zur Regelung ausländischer Zuwendungen als größte Hürde
Die größte Hürde, die einen Ausgleich der USAID-Lücke durch andere internationale Geber blockiert, ist Indiens Gesetz zur Regulierung von aus dem Ausland geförderten Organisationen (Foreign Contribution Regulation Act, FCRA). Dieses Gesetz wurde seit 2010 schrittweise verschärft; eine umfassende Änderung im Jahr 2020 führte dazu, dass Tausenden zivilgesellschaftlichen Organisationen die FCRA-Lizenzen entzogen wurden. Folgenschwer ist laut Professor Reddy eine Bestimmung, die als fundamentale Blockade wirkt: Selbst Organisationen mit gültiger Registrierung ist es nun untersagt, ausländische Gelder an ihre indischen Partner weiterzugeben. Das heißt: Ein internationaler Geldgeber kann keine Mittel mehr über große indische NGOs an die kleineren Basisorganisationen leiten, die die eigentliche Arbeit vor Ort leisten. Die Kette ist an ihrem entscheidenden Glied gerissen.
Ein Gemeindevertreter in Mizoram, der anonym bleiben möchte aus Sorge, als „staatsfeindlich“ gebrandmarkt zu werden und Repressalien gegen seine Organisation zu riskieren, beschreibt einen Niedergang von fast mathematischer Präzision: Wo er früher rund 100 Menschen mit medizinischen Gütern versorgte, erreicht er heute noch etwa 20. Die Vorräte an Medikamenten gegen Tuberkulose und Malaria, die unter den Bedingungen im Geflüchtetenlager lebenswichtig sind, wurden drastisch gekürzt. Kindertagesstätten und Waisenhäuser für Flüchtlingskinder mussten schließen, nachdem die Träger ihre Lizenzen verloren hatten. Mehr möchte er zur Regierungspolitik nicht äußern – die Angst selbst spricht hier Bände.
Indien muss im Gesundheitswesen eigenständig werden
Von offizieller Seite gibt es bislang keine Signale, dass eine Reform des FCRA-Gesetzes überhaupt in Erwägung gezogen wird. Reddy sieht zwar begrenzte Auswege durch spezielle Dienstleistungsverträge zwischen Hauptempfängern und lokalen Kräften, räumt jedoch ein, dass dies nur technische Notlösungen sind. Sein Plädoyer lautet: Indien muss im Gesundheitswesen eigenständig werden. Das bedeutet, das Gesundheitsbudget stark aufzustocken, einen weit größeren Teil davon in die gemeindenahe Grundversorgung zu investieren und die Abhängigkeit von externer Hilfe zu beenden.
„Unter der aktuellen Trump-Regierung wird internationale Gesundheitshilfe zu einer rein geschäftlichen Angelegenheit“, sagt Reddy. Er verweist auf bilaterale Abkommen, welche die US-Regierung stillschweigend mit afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern schließt. Dabei wird der Zugang zu Ressourcen an wirtschaftliche Bedingungen und an die Weitergabe von Gesundheitsdaten geknüpft – ein Muster, das die Grundsätze der globalen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen vollständig untergrabe. „Ich bin überzeugt, dass wir unsere eigenen Ressourcen nutzen sollten, um uns selbst zu unterstützen.“ Theoretisch weist das in die richtige Richtung, in der Praxis jedoch klafft zwischen diesem Prinzip und den Lagern in Mizoram oder den TB-Stationen in Bihar derzeit eine Leere, die durch nichts gefüllt wird.
In den Camps von Mizoram blicken Pari und Nunu dem nahenden Monsun aus Unterkünften entgegen, die ihm nicht standhalten werden. In Bihar arbeitet Sudeshwar Singh mit dem Wenigen weiter, das ihm noch geblieben ist. Die Krise kündigt sich nicht mit Sirenengeheul an. Sie manifestiert sich schleichend: in ausbleibenden Hausbesuchen, in geschlossenen Kindertagesstätten und in der Stille dort, wo früher ein Berater Hilfe angeboten hat.
Die Lücke ist groß zwischen dem, was Indiens Gesundheitssystem zu leisten vermag, und dem, was die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen tatsächlich benötigen. Ob Indien diese Lücke aus eigener Kraft schließen wird und ob der nötige politische Wille dafür existiert, bleibt vorerst offen. Die Menschen, die auf eine Antwort warten, haben nicht mehr viel Zeit.
Aus dem Englischen von Anja Ruf.
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