Kinderarbeit in Bolivien
Kinderarbeit in Bolivien

Sparen für die Sportschuhe

Kinder unter 14 Jahren dürfen laut internationalen Abkommen nicht arbeiten. Trotzdem tun das viele Mädchen und Jungen – freiwillig. Sie bessern das Haushaltsgeld auf und sind trotzdem gut in der Schule. So wie der 13-jährige Luis Enrique Meneses aus Lima.

Rund 15 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren sowie drei erwachsene Frauen sitzen im Viereck. Den Vorsitz hat Geraldine Salazar. Die 16-Jährige ist eine der zwei obersten Abgeordneten der Bewegung arbeitender Kinder „Manthoc“ und wohnt gleich nebenan. Luis Enriques kleine Schwester Thais führt heute Protokoll. Es geht um die Auswertung einer Delegiertenversammlung; der Abgeordnete der Ortsgruppe ist nicht erschienen und wird deshalb kritisiert. „Er hat uns nicht gut vertreten“, schreibt Thais in ihr Heft.

Geraldine geht zur Sekundarschule. Einmal pro Woche arbeitet sie in der Schneiderwerkstatt ihres Schwagers. Von den acht Euro, die sie verdient, gibt sie drei ihrer Mutter. Die restlichen fünf darf sie als Taschengeld behalten. Die Jahre davor hat sie auf dem Marktstand ihrer Mutter Gemüse verkauft. Trotz ihrer Erwerbsarbeit gehört Geraldine zu den Besten ihrer Schulklasse. Schule und Arbeit sind kein Gegensatz in der Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher. Im Gegenteil: Wer bei den NATs mitmacht, schneidet in der Schule sogar besser ab. 70 Prozent der organisierten NATs, sagt Geraldine, gehörten zu den Besten ihres Jahrgangs. In den Gruppenversammlungen wird schließlich nicht gespielt –  schon achtjährige Kinder lernen zu argumentieren und ihre Position zu vertreten. Das wirkt sich günstig auf die Schulleistungen aus.

Viele arbeiten, um sich etwas leisten zu können

Trotzdem: Wäre es nicht besser, wenn Kinder nicht arbeiten müssten? Geraldine streicht sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht und holt tief Luft: „Im Gegenteil, wir wollen nicht, dass man uns Kinder überbehütet und uns nichts zutraut. Wir wollen arbeiten, aber unter anständigen Bedingungen.“ Besonders wichtig ist ihr der Unterschied zwischen Ausbeutung und würdiger Arbeit. Erstere, wie Kinderprostitution, soll abgeschafft werden; letztere erlaubt und reguliert sein. Die Ausbildung der arbeitenden Kinder steht ganz vorne im Forderungskatalog. In einigen Städten unterhalten die NATs eigene Werkstätten für T-Shirt-Druck, Papierrecycling, Bäckereien und Schreinereien.  Vor allem aber geht es Geraldine um Mitsprache: „Wenn es um Kinderrechte geht, dann wollen wir angehört werden.“

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).

In Peru sind rund 3000 arbeitende Kinder und Jugendliche organisiert – und sie machen lautstark auf ihre Anliegen aufmerksam. Wenn irgendwo über Kinderrechte verhandelt wird, lassen die NATs ihre Stimmen vernehmen. 2010 schickten sie Abgeordnete zur Kinderarbeit-Konferenz der Vereinten Nationen nach Den Haag. Doch die Kinder und Jugendlichen wurden bei der von Erwachsenen dominierten Konferenz nicht angehört. In Bolivien dagegen wankt die Front derer, die Kinderarbeit strikt ablehnen: Auf den Protest der organisierten Kinder hin hat Präsident Evo Morales, der selbst als Indio-Junge vom Land als arbeitendes Kind groß geworden ist, kurz vor Weihnachten 2013 das bisher geltende Mindestalter für Erwerbsarbeit ausgesetzt und die Entscheidung des Parlaments darüber auf 2014 verschoben.

In Peru sind die schlimmsten Krisenzeiten vorbei, und das spüren auch die arbeitenden Kinder. Viele arbeiten nicht mehr, damit zu Hause etwas auf den Tisch kommt, sondern damit sie sich selbst etwas leisten können. Genau da liege eine neue Herausforderung für ihre Bewegung, sagt Geraldine Salazar: „Wir müssen lernen, den Verlockungen der Werbung nicht nachzugeben, sondern unser Geld zu sparen und gut zu entscheiden, was wir damit kaufen wollen.“

Luis Enrique hat sich schon entschieden. Nach unserer Verkaufstour durch Gamarra will ich sein Eis probieren und gebe ihm zwei Soles. „Eins für Dich und eins für mich“. Ohne die Miene zu verziehen, reicht er mir ein Hörnchen. Die Münze für sein eigenes Eis steckt er in ein kleines Portemonnaie, das er aus der Hosentasche kramt. Ein Sol mehr für die ersehnten Turnschuhe.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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