"Für Fundamentalisten vertreten die großen Verbände einen Wischiwaschi-Islam“

In Indonesien leben über 191 Millionen Muslime, mehr als in jedem anderen Land. Oft kommt es zu Spannungen mit Christen, aber auch zwischen unterschiedlichen Richtungen des Islam. Der katholische Theologe Franz Magnis-Suseno erklärt, wo fundamentalistische islamische Gruppen Zulauf finden und warum Katholiken zuweilen den längeren Atem haben.

Haben in Indonesien Angriffe auf religiöse Minderheiten wie Christen und Ahmadiyya in den vergangenen Jahren zugenommen?
Ja. Bei Kirchen trifft es vor allem solche, die keine offizielle Genehmigung haben. Viele Gemeinden halten Gottesdienste in Privaträumen ab oder in Turnhallen von katholischen Schulen. Das ist nicht völlig legal, obwohl unsere, also die katholischen Gemeinden, immer vorläufige Erlaubnisse haben. Öfter schreiten dann radikale Muslime ein. Meist geschieht das mit Drohungen, aber weil die Polizei keinen Schutz gibt, muss der Gottesdienst gestoppt werden. Deutlich brutalere Angriffe hat es gegen die Ahmadiyya und seit einigen Jahren auch gegen Schiiten gegeben.

Franz Magnis-Suseno ist katholischer Theologe und Sozialphilosoph. Er lehrte an der Philosophischen Hochschule Jakarta, deren Rektor er wurde, sowie an der University of Indonesia. 1977 nahm er die indonesische Staatsbürgerschaft an.Privat

In allen Landesteilen?
Es ist vor allem in West-Java ein Problem. Auch in Sulawesi kommen solche Angriffe vor.

Hängen Spannungen zwischen Religionsgruppen mit der Demokratisierung zusammen, etwa wegen der Mobilisierung im Wahlkampf?
Nicht direkt. Ich sehe zwei Ursachen dafür. Erstens nimmt die Intoleranz im Lande zu. Das hat mit dem täglichen Existenzkampf der einfachen Leute zu tun.

Obwohl die Wirtschaft und der durchschnittliche Wohlstand in Indonesien wachsen?
Rund 40 Prozent der Bevölkerung erleben einen mehr oder weniger langsamen sozialen Aufstieg. Von den übrigen 60 Prozent ist zwar auch nur ein kleiner Teil extrem arm, aber sehr viele leben am Rande der Armut. Und die Konkurrenz ist hart. Wer etwa Parkwächter für eine Anzahl Autos werden will, muss erst einmal an einen Boss etwas zahlen, und wenn der benachbarte Wächter eins der Autos übernimmt, kann das zu Gewalt führen. In einer solchen Situation ziehen sich die Leute auf ihre eigene Volks- oder Religionsgruppe zurück und sind misstrauisch gegenüber anderen.

Vor allem in Städten, in die ständig Menschen zuziehen?
Die religiös begründete Gewalt findet immer in Städten statt, manchmal in Kleinstädten, aber oft bei Metropolen wie Bandung oder Jakarta. Die zweite Ursache der Probleme ist, dass es seit der demokratischen Öffnung radikale islamische Kreise gibt, die darauf hinarbeiten, die Christen zumindest einzuschränken. Ich denke, manche Gruppen suchen bewusst nach christlichen Gemeinden, die nicht alle Erlaubnisse für den Gottesdienst haben und denen man es deshalb schwermachen kann. Sie nutzen die demokratische Rede- und Organisationsfreiheit, um offen aufzutreten. Man muss aber sagen, dass echte Pogrome gegen christliche Kirchen vor allem gegen Ende der Herrschaft Suhartos stattgefunden haben.

Vor der Demokratisierung?
Ja. Suharto hat Anfang der 1990er Jahre einen proislamischen Schwenk gemacht, vermutlich um seine politische Basis zu verbreitern. Die Katholiken und teils auch die Protestanten wurden als Teil der Opposition angesehen. So kam es zu drei schweren Pogromen, bei denen zahlreiche Kirchen abgebrannt wurden. So etwas ist zuletzt kurz nach dem Sturz Suhartos 1998 in Jakarta passiert, dann nicht mehr. Spätere Angriffe waren immer lokale Einzelfälle.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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