Kakao
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Elfenbeinküste: Nachwuchs gesucht

Die Elfenbeinküste ist der weltgrößte Produzent von Kakaobohnen – noch. Viele Bauern überlegen, lieber in Palmöl und Kautschuk zu investieren, weil sie dort mehr verdienen können. Das macht die Schokoladenhersteller nervös.

Die Vorzüge des Kakaoanbaus wurden in der Elfenbeinküste noch in den 1970er und 1980er Jahren in Popsongs besungen. Die Regierung und viele Bauern verdienten an der Kakaobohne gut. Die bis heute anhaltende wirtschaftliche Dominanz des Landes in der Region ist maßgeblich der Kakaowirtschaft zu verdanken.

Sie hat eine lange Tradition: Die ersten Plantagen wurden schon unter der französischen Kolonialregierung angelegt. Doch seine heutige Stellung verdankt der Kakao Felix Houphouët-Boigny, dem Gründungsvater der Nation und ihrem ersten Präsidenten von 1960 bis 1993.

Autor

Peter Dörrie

ist freier Journalist und berichtet über Ressourcen- und Sicherheitspolitik in Afrika.
Houphouët-Boigny war vor seiner Präsidentschaft selbst ein erfolgreicher Kakaobauer und sein Engagement für das Afrikanische Bauernsyndikat in den 1930er und 40er Jahren bildete die Grundlage für seine späteren politischen Erfolge.

Als Präsident war Houphouët-Boigny für weitreichende Landreformen verantwortlich, in deren Folge Hunderttausende Einwanderer aus dem benachbarten Burkina Faso als Kakaobauern in das Land kamen. Diese Reformen sind bis heute die Wurzel vieler politischer Konflikte in der Elfenbeinküste, aber sie steigerten zugleich die landwirtschaftliche Produktion erheblich.

Zum Kakaoboom trugen zudem Rekordpreise auf dem Weltmarkt bei. 1977 erreichte der Weltmarktpreis mit mehr als acht US-Dollar pro Kilogramm seinen historischen Höchststand und brachte den Bauern und der Regierung hohe Profite. Die Bauern investierten in neue Plantagen und junge Bäume, und der Staat förderte diese Investitionen. In den darauf folgenden Jahren wuchs die Produktion deutlich, und zwar nicht nur in der Elfenbeinküste. Die Preise blieben bis in die Mitte der 1980er Jahre relativ hoch, sie schwankten um 3,50 US-Dollar. 1990 fielen sie dann aufgrund des großen Angebotes auf dem Weltmarkt auf unter zwei US-Dollar je Kilogramm.

Es rächt sich, dass seit 2000 nicht in neue Bäume investiert wurde

Die Kakaobauern konnten sich weitere Investitionen in ihre Plantagen nicht mehr leisten. Ab 2002 erstickte außerdem der Bürgerkrieg im Land jegliche Versuche, den Kakaoanbau zu reformieren. Die in der Boomzeit der 1970er und 1980erJahre gepflanzten Bäume brauchten etwa zehn Jahre, um ihre volle Produktivität zu erreichen. Die Kakaoproduktion in der Elfenbeinküste nahm bis in die späten 1990er Jahre zu und hielt die Weltmarktpreise niedrig.

Doch jetzt rächt sich, dass seit 2000 nicht in neue Bäume investiert wurde: Weltweit ist die globale Produktion seitdem um 18 Prozent gestiegen, in der Côte d’Ivoire hingegen blieb sie nahezu unverändert. Heute sind viele der Kakaobäume im Land über 30 Jahre alt. „Wenn der Baum 20 bis 25 Jahre alt ist, dann sinkt der Ertrag“, erklärt Friedel Hütz-Adams vom Siegburger Südwind-Institut. Die Bäume sind am Ende ihrer wirtschaftlichen Lebensspanne und die Bauern haben in den vergangenen Jahren keine jungen Bäume als Ersatz gepflanzt.

Der Schweizer Konzern Nestlé hat ein Programm zur Aufzucht junger Pflanzen gestartet, von dem dieser Bauer profitiert.Sia Kambou/AFP/Getty Images

Das bringt besonders die Abnehmer der Bohnen aus der Süßwarenindustrie in Bedrängnis, etwa den Schweizer Konzern Nestlé. „Da stehen 60-jährige Bäume“, sagt Hans Jöhr, der bei Nestlé für die Strategie zur Beschaffung landwirtschaftlicher Erzeugnisse zuständig ist. „Die haben natürlich einfach ausgetragen.“ Außerdem sind ältere Bäume anfälliger für Krankheiten und Schädlinge. Kurzfristig ist das kaum zu ändern. Unternehmen wie Nestlé haben gemeinsam mit der ivorischen Regierung Programme gestartet, um den Baumbestand zu verjüngen. Aber mit Millionen alter Bäume „brauchen Sie mindestens 20, vielleicht 30 Jahre, um eine grundlegende Änderung herbeizuführen“, sagt Jöhr.

Die Bauern müssten ihren Bestand schrittweise verjüngen, denn die wenigsten könnten es sich leisten, die gesamte Plantage abzuholzen und in den ersten Jahren, bis die neuen Bäume tragen, auf ihren Verdienst zu verzichten. Das gelte auch, wenn Wartezeiten mit neuen Arten und modernen Techniken wie dem Grafting – dem Aufpropfen junger Äste auf alte Bäume – verkürzt werden.

Und das Problem liegt tiefer, es geht nicht nur um neue Stecklinge. „Wir haben es außerdem mit der zweiten oder dritten Generation von Kakaopflanzern zu tun, die keine praktische Ausbildung bekommen haben“, ergänzt Jöhr. Um das aufzuholen, brauche man ebenfalls mindestens 20 Jahre. „Und selbst wenn wir das Geld dafür zur Verfügung stellen könnten, dann hätten wir nicht genug Ausbilder.”

Für Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut ist das ein Zeichen dafür, dass der Fehler im gegenwärtigen System steckt. „Das Geschäftsmodell Kakao ist aus Sicht der Bauern offenbar so schlecht, dass sie die nötigen Kenntnisse nicht erwerben wollen“, sagt er. Mit subventioniertem Training, Setzlingen und Pflanzenschutzmitteln lasse sich die Misere zwar lindern. Aber es sei „nicht nachhaltig, wenn es von der Regierung und deren Subventionen abhängt, ob sich der Kakaoanbau lohnt“.

Außerdem fehlt der Nachwuchs. „Wer die Wahl hat, bleibt nicht auf dem Feld, der geht in die Stadt“, sagt Hans Jöhr von Nestlé – denn mit Kakao kann man zurzeit kein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze mehr erwirtschaften. Das durchschnittliche Alter der Kakaobauern liege bei 50 Jahren, ergänzt Hütz-Adams, die Lebenserwartung beträgt in der Elfenbeinküste im Durchschnitt 60 Jahre. „In spätestens 15 Jahren werden also viele von ihnen nicht mehr arbeiten.“

Besonders junge und talentierte Ivorer interessierten sich kaum für den Kakaoanbau, beklagt Jöhr. Nestlé setze sich dafür ein, dass die nächste Generation weiter für das Unternehmen Kakao produziere. Man konzentriere sich deshalb darauf, ein profitableres Geschäftsmodell zu schaffen. Jöhr und Hütz-Adams sind sich einig, dass vor allem das Einkommen der Bauern wachsen muss. Nestlé will dafür die Produktivität um das Zwei- bis Dreifache steigern. „Das ist machbar“, meint Jöhr.

Hütz-Adams ist da skeptischer. Zwar sei es theoretisch ohne Probleme möglich, die Produktion von jetzt 450 Kilogramm auf eine Tonne je Hektar zu steigern. Mit hohem Dünger- und Pestizideinsatz könne man noch weit bessere Ergebnisse erzielt, sagt er. Dies sei jedoch bislang nur in begrenzten Feldversuchen erreicht worden. Es sei fraglich, ob dieser Ansatz wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig sei. Nur höhere Weltmarktpreise könnten den Anbau von Kakao wieder lohnender machen.

Die Regierung zahlt den Bauern garantierte Mindestpreise

Das wiederum sei für westliche Unternehmen unattraktiv, erklärt Edward George, Chefanalyst der panafrikanischen Ecobank für landwirtschaftliche Produkte. Nestlé, Mars und andere Konzerne investierten alle in höhere Erträge und setzten damit auf weiter tiefe Weltmarktpreise. Die ivorische Regierung versucht, auf ihre Weise gegenzusteuern: Seit zwei Erntezeiten zahlt sie den Kakaobauern garantierte Mindestpreise in Höhe von 750 CFA-Franc (1,14 Euro) pro Kilo und gleicht so den niedrigen Weltmarktpreis zum Teil aus. Das widerspricht zwar der Logik des freien Marktes, aber im Falle der Elfenbeinküste hat Nestlé nichts dagegen.

Bisher sei der Gewinn des Staates aus dem Kakao-Geschäft so hoch gewesen, dass daraus die Bauern problemlos besser bezahlt werden könnten, sagt Jöhr. So könne die ivorische Regierung den Lebensstandard der Bauern verbessern, ohne „in Marktmechanismen einzugreifen“. Im Klartext: Die Kakaoproduktion kann erhöht werden und der Weltmarktpreis niedrig bleiben, die Regierung müsste nur auf einen Teil ihrer Gewinne verzichten, damit die Bauern mehr Geld in der Tasche haben.

Doch selbst wenn die großen Lebensmittelkonzerne Erfolg haben sollten, wird die Kakaoproduktion in der Elfenbeinküste wohl langfristig zurückgehen. Denn es hat ein Wettbewerb eingesetzt um Ackerland und Bauern – und die Kakaoindustrie scheint ihn zu verlieren. Lange gab es zum Kakao keine große Alternative. Den Bauern fehlte das Kapital, zu anderen Produkten zu wechseln, und die Regierung hatte in den vergangenen Jahren anderes zu tun, als sich um die Landwirtschaft zu kümmern.

Doch das ändert sich nun schnell. „Wir haben eine Riesenkonkurrenz mit Gummibaum- und Ölpalmplantagen“, sagt Hans Jöhr von Nestlé. Diese für viele Bauern neuen Feldfrüchte werden nicht nur aus dem Westen eingeführt, sondern vor allem von Unternehmen aus dem asiatischen Raum. Sie gehen beim Kampf um die fruchtbare ivorische Erde sehr aggressiv vor und bieten Bauern laut Jöhr oft einen Vorschuss, um den Einkommensverlust in den ersten drei bis fünf Jahren nach der Umstellung auszugleichen.Für die Bauern sei das „eine große Versuchung, ihre Kakaobäume umzuhauen“, sagt Jöhr.

Die ivorische Regierung nimmt eine zwiespältige Haltung ein, wenn es um die Zukunft des Kakaoanbaus geht. Zum einen beteiligt sie sich an den Programmen zur Verjüngung der Plantagen und versucht, das Einkommen der Bauern mit ihrem garantierten Mindestpreis zu sichern. Zum anderen könnte sie aber – im Gegensatz zu den westlichen Kakao­käufern – vom Wandel des Agrarsektors profitieren.

Eine sinkende Kakaoproduktion könnte für die Elfenbeinküste sogar steigende Einnahmen bedeuten, meint Ecobank-Chefanalyst Edward George. „Ein Kakaohändler sagte, man müsse nur die Hälfte der Bäume niederbrennen, um die Einkommen der Bauern zu steigern. Dann würden sich die Preise verdoppeln.“

Darüber hinaus muss die Regierung neben den Sorgen der Kakao-Käufer die internen politischen Spannungen berücksichtigen. Die wurzeln zu einem großen Teil in Fragen des Landrechts. Viele der Einwanderer aus der Zeit Felix Houphouët-Boignys haben nie formale Landtitel erhalten und nach traditionellem Recht nur Anspruch auf das Land, so lange sie darauf Kakao anbauen. Derzeit arbeitet die Regierung an einem modernen Kataster und wird dann Titel ausgeben, die eine freie Nutzung des Ackerlandes erlauben.

Kautschuk ist für die Bauern interessanter als Kakao

Das könnte laut Hütz-Adams dazu führen, dass der Kakaoanbau in manchen Regionen stark zurückgeht. Eine Expertin der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) rechne damit, dass in ihrem Arbeitsgebiet praktisch alle Bauern nach Erhalt von Landtiteln ihre Kakaobäume abholzen werden. „Da können die Unternehmen machen, was sie wollen, Kautschuk ist wesentlich attraktiver“, erklärt Hütz-Adams.

Der Kakaoanbau ist aber noch von einer anderen Seite bedroht: „Die Regierung geht zur Zeit gegen so genannte illegale Farmer vor“, berichtet Edward George von der Ecobank. 2013 seien viele von ihnen aus eigentlich geschützten Waldgebieten vertrieben worden. 70.000 Tonnen Kakaobohnen gingen so verloren. „Es gibt noch weitere Gebiete, aus denen Bauern vertrieben werden könnten, abhängig davon, wie weit die Regierung hier gehen will“, ergänzt George.

Die anderen Länder der Region werden laut Friedel Hütz-Adams ihre Kakaoproduktion in nächster Zeit ebenfalls nicht steigern. Die Lage in Ghana, Nigeria und Kamerun sei ähnlich. Westafrika produziert zusammen 70 Prozent der jährlichen Kakaoernte, aber auch weltweit hat sich die Produktion seit 2004 nur noch minimal erhöht. Und während die Ecobank, abhängig vom Wetter, für die nächsten fünf Ernten stabile Erträge vorhersagt, wird jeder gefällte Baum und jede alternde Plantage in der Elfenbeinküste die Süßwarenindustrie nervöser machen.

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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