Nairobis Stadtteil Eastleigh heißt im Volksmund Klein-Mogadischu, weil hier überwiegend Somalis wohnen.

Unsere Somalis, fremde Somalis

In Kenia leben viele Menschen somalischer Herkunft. Viele fühlen sich als Kenianer, zugleich aber auch ausgegrenzt im eigenen Land. Und auch zwischen den Somalis gibt es unsichtbare Barrieren.

Der 42-jährige Abdi zum Beispiel ist zunächst in der Nähe der kenianischen Küstenstadt Mombasa und später in Nakuru im Zentrum des Landes aufgewachsen. Seine Eltern sind ethnische Somalis aus Tansania und Kenia; Abdi ist kenianischer Staatsbürger. Er lebt heute mit einer christlichen Kenianerin und ihrem gemeinsamen Kind zusammen, ohne mit ihr verheiratet zu sein. Seine Eltern haben seine Partnerin und deren Familie nie kennengelernt, obwohl sie in der selben Stadt leben: Die somalische Gesellschaft identifiziert sich stark über den Islam, und eine Christin zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen, ist eigentlich unmöglich.

Abdi führt schon seit seiner Jugend ein ausgeprägtes Doppelleben, mit dem er sowohl in der kenianischen Öffentlichkeit als auch in der somalischen Subkultur wirtschaftlich erfolgreich ist und Ansehen genießt. Zwei seiner Brüder hingegen sind als „somalische Flüchtlinge“ nach Europa ausgewandert, beide wollen nicht wieder nach Ostafrika zurück. Obwohl sie viel stärker nach somalischen Grundsätzen leben als ihr Bruder, zum Beispiel keinen Alkohol trinken und somalische Ehepartner haben, haben sie sich räumlich von der Gemeinschaft der kenianischen Somalis entfernt.

Abdi sah sich nie als Somali, sondern immer als Kenianer

Ein weiterer Bruder sowie Abdis Schwestern leben in verschiedenen Städten in Kenia. Der Zusammenhalt innerhalb der Familie ist eher schwach; Abdi sah sich als einziger nie vorrangig als Somali, sondern immer als Kenianer – nicht die ethnische, sondern die staatsbürgerschaftliche Identifizierung war für ihn maßgebend. Kenianer hingegen sehen das unter Umständen anders: Während der Unruhen nach den Wahlen 2007/2008 wurde er gezielt als Somali angegriffen.

Bereits in der Kolonialzeit unterschied die britische Verwaltung zwischen zwei Gruppen von Somalis in Kenia: denen, die als „Einheimische der Kolonie“ im Northern Frontier District lebten, und denen, die als Angestellte der britischen Armee und Verwaltung aus Somaliland nach Kenia eingewandert waren. Der Northern Frontier District, der die heutige North Eastern Province sowie weitere nomadisch geprägte Regionen im Norden Kenias umfasste, wurde früh als in sich geschlossenes, da gefährliches Gebiet behandelt und stand immer wieder unter Ausnahmezustand. Die Hauptursache hierfür war, dass die nomadische Lebensweise der dort lebenden Viehhirten im Widerspruch zur Logik des Territorialstaates stand.

Somalis kämpften darum, als Bürger zweiter Klasse angesehen zu werden

Die somalischen Bediensteten der Kolonie kämpften indes darum, in der kolonialen Hierarchie der Rassen als „second class citizens“, als Bürger zweiter Klasse anerkannt zu werden, gleichgestellt mit den Asiaten in Kenia und damit zwischen weißen Europäern und den Afrikanern. Viele von ihnen lebten in den Städten außerhalb des Northern Frontier District und wurden von der Kolonialverwaltung lange Zeit als Ausländer behandelt, obwohl sie schon sehr früh kaum noch Beziehungen zu Somaliland hatten.

Mit der Unabhängigkeit Kenias und Somalias machte sich unter den somalischen Bewohnern des Northern Frontier District die Hoffnung breit, sie könnten Teil des neuen somalischen Staates werden. Doch dazu kam es nicht. Als Folge formierte sich eine Sezessionsbewegung, die im so genannten „Shifta“-Krieg von 1963 bis 1967 für einen Anschluss an Somalia kämpfte („shifta“ ist Amharisch für „Räuber“); viele Gebiete in der North Eastern Province blieben auch nach dem Krieg im Ausnahmezustand.

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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