Iran: Retortenbabys mit Allahs Segen

Die geistlichen Führer des Landes heißen künstliche Befruchtungen gut. Doch manchen geht die revolutionäre Bioethik der strengen Ajatollahs zu weit.

Die Ärzte im Iran bemühten sich deshalb um eine religiöse Lösung und suchten die Unterstützung von islamischen Rechtsgelehrten. Entscheidend für deren Hilfe war die schiitische Tradition, islamisches Recht neu zu interpretieren. In der sunnitischen Rechtswissenschaft stehen dagegen der Konsens der Gelehrten und die wörtliche Auslegung des Korans im Mittelpunkt, weshalb es dort nur wenige neue Rechtsurteile zu modernen Fragen gibt. Und auch wenn die schiitischen Geistlichen im Iran auf die westliche Welt reaktionär wirken mögen, sind sie geradezu revolutionär, wenn es um die Bioethik geht. In den vergangenen Jahren haben sie Fatwas erlassen, die alles erlauben, von der Stammzellenforschung bis hin zum Klonen.

Allerdings erforderten ihre religiösen Erlasse einige theologische Verrenkungen. Die vorgeschlagene zeitlich begrenzte Ehe zwischen einer Eispenderin und dem fruchtbaren männlichen Partner erwies sich als zu kompliziert, da eine verheiratete Spenderin eine Scheidung und Wiederverheiratung nach der anderen mitmachen muss. Einige Geistliche, die mit Chameneis Fatwa nicht einverstanden sind, befürworten immer noch die Ehe auf Zeit, um jegliche Form von Ehebruch zu vermeiden.

Das ist einfacher für Männer, die eine zeitweilige Ehe mit einer Ei-Spenderin eingehen können, ohne sich von ihrer unfruchtbaren Ehefrau scheiden zu lassen. Damit eine fruchtbare Ehefrau Sperma von einem Spender empfangen kann, muss sie sich zunächst von ihrem Mann scheiden lassen und die vorgeschriebenen drei Monate warten, bevor sie den Samenspender ehelicht. Von diesem muss sie sich dann ebenfalls scheiden lassen und wieder ihren ursprünglichen Ehemann heiraten.

Der politische Grundstein für Fruchtbarkeitsbehandlungen im Iran wurde Anfang der 1990er Jahre gelegt, als die Regierung mit einer Reihe von Maßnahmen traditionsbewusste Iraner behutsam dazu brachte, weniger Kinder zu bekommen. Dabei sprachen die Behörden laut Soraya Tremayne von der Universität Oxford nicht von „Reduzierung“ oder „Kontrolle“ sondern von einer „Familienregulierung“.

1999 erlaubte Chamenei mit seiner Fatwa Samen- und Eizellspenden

Sie betonten, dass diese Politik nicht nur zu kleineren Familien führen, sondern auch unfruchtbaren Paaren die Möglichkeit geben sollte, eine Familie zu gründen. Der Plan ging auf – die Traditionalisten unterstützten die Politik zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums, und die Zahl der iranischen Zentren für Reproduktionsmedizin wuchs.

Indem die Regierung unter anderem für Verhütung und Sterilisationen bei Männern warb und das Kindergeld nach dem zweiten Kind strich, gelang es ihr, das Bevölkerungswachstum von 3,8 Prozent im Jahr 1986 auf 1,5 Prozent im Jahr 1996 zu senken. Dabei schoss sie ein wenig über das Ziel hinaus: Heute bekommen Iranerinnen im Durchschnitt weniger als die 2,1 Kinder, die nötig wären, um die gegenwärtige Bevölkerungszahl zu sichern. 

1999 verkündete Chamenei seine bahnbrechende Fatwa, die Samen- und Eizellspenden erlaubte. „Sowohl die Eispenderin als auch die unfruchtbare Mutter muss sich an die religiösen Gesetze bezüglich der Elternschaft halten“, verfügte der Ajatollah und legte dar, unter welchen Bedingungen diese Spenden vor Gott zulässig sind. Durch Chameneis Erlass hatte die Islamische Republik auf höchster Ebene klar gemacht, dass der Staat die Bemühungen der Iraner, Kinder zu bekommen, mit allen Mitteln unterstützt.

Die Zeit ist vorbei, in der man über Unfruchtbarkeit mit gedämpfter Stimme sprach. Im staatlichen Fernsehen sprechen Frauen offen über künstliche Befruchtung, in Internetforen empfehlen Paare Spezialisten und tauschen Geschichten aus, und Ärzte drängen mittlerweile bei den Versicherungen auf eine Übernahme der Behandlungskosten. Und da der Staat selbst Kliniken betreibt, sind die Kosten für die Behandlung niedriger als fast überall sonst auf der Welt: Eine Befruchtung im Reagenzglas kostet einschließlich der Medikamente laut Fallahi nur 1500 US-Dollar.

erschienen in Ausgabe 6 / 2014: Tschad: Langer Kampf um Gerechtigkeit

Neuen Kommentar schreiben