Ein Fall für Kommissar Amanullah

Justizaufbau mit Fernsehkrimis: Westliche Entwicklungs­fachleute rümpfen die Nase, doch in den Wohnzimmern in Kabul kommt die Botschaft an.

Im Vergleich zu den stattlichen Summen für den Aufbau von Institutionen haben relativ geringe Investitionen in das afghanische Fernsehen und seine fiktiven Gerichtssäle zu besseren Ergebnissen geführt. Die Drehbuchautoren und Journalisten in Kabul konzentrieren sich auf das Problem, dass eine staatliche Rechtsprechung kaum nachgefragt wird. Sie zeigen überzeugende Fallgeschichten, in denen afghanische Bürger ihre Rechte gegenüber dem Staat einfordern. Auf diese Weise motivieren sie die Zuschauer dazu, auf ihren Rechten und Schutzansprüchen zu bestehen, für die sich die Organisationen stark machen, die in Afghanistan rechtsstaatliche Institutionen aufbauen wollen.

Unmittelbar nach der Niederlage der Taliban im Jahr 2002 investierten die westlichen Länder viel Geld in die afghanische Infrastruktur, auch in Fernsehsender. Als sie der Zensur durch die Taliban nicht mehr unterworfen waren und aus den USA finanziell unterstützt wurden, begannen einige Sender in Kabul zunächst ausländische Unterhaltungsserien auszustrahlen.

Sie wurden sehr gut angenommen. Laut Meinungsumfragen schaute das afghanische Publikum besonders gern türkische Serien an, in denen die Spannungen zwischen modernen Verhaltensnormen und dem islamischen Gesetz der Scharia thematisiert wurden.

Erst seit 2010 produzieren einige afghanische Sender eigene Krimis. Vom amerikanischen Außenministerium unterstützt, startete Tolo TV zwei Serien, die das Image der Polizei verbessern sollten: In der Serie „Eagle Four“ steht ein raubeiniger, aber gutartiger Polizist im Mittelpunkt, und in „Defenders“ geht es um ein tüchtiges und gegen Korruption immunes Spezialkommando, das von einer afghanischen Version des legendären FBI-Agenten Eliot Ness geführt wird. Zwei Jahre später bekam ein anderer Sender aus dem Topf der europäischen Polizeimission EUPOL Geld für die Produktion von „Kommissar Amanullah“, einer Serie, in der eine Polizistin eine Hauptrolle spielt, die Kidnapper zur Strecke bringt und ihre Kollegen kritisiert, wenn sie Frauen diskriminieren.

Die meisten der 100.000 Fernsehgeräte in Afghanistan stehen in den Städten. Um auch die Menschen auf dem Land zu erreichen, investierten das Institute of Peace aus den USA und andere Organisationen in Radioprogramme wie die Hörspielserie „One Village, A Thousand Voices“. Sie zeigt, mit welchen schwierigen rechtlichen Problemen junge Leute in den Dörfern heutzutage konfrontiert werden.

Crime Szene thematisiert rechtswidrige Übergriffe der Polizei

Die beeindruckendste Serie ist wohl „Crime Scene Afghanistan“, die einmal die Woche läuft und jeweils eine halbe Stunde dauert. Sie wurde 2007 von der UN-Mission in Afghanistan und dem afghanischen Sender Radio Television Afghanistan ins Leben gerufen. Der Autor der Serie, der holländisch-iranische Dokumentarfilmer Shoresh Kalantari, bekam mit dem Auftrag die Auflage, während der Arbeit einheimische Reporter und Filmemacher weiterzubilden. Deshalb konzentrierte er sich auf investigative Berichterstattung, vor allem aus dem Bereich der Justiz – etwas ganz Neues in einem Land, das zwar eine lebendige Medienlandschaft hat, in dem aber bisher kaum über Kriminalfälle berichtet wurde.

„Crime Scene“ ist für die Zuschauer faszinierend, aber auch anstrengend: Die Serie zeigt Täter und Opfer, deren traditionelle Weltanschauung mit den neuen Rechtsnormen kollidiert. In einer Folge ging es darum, dass mehrere Polizisten wegen einer gemeinsam begangenen Vergewaltigung verurteilt wurden. Am Ende klagte das unkenntlich gemachte Vergewaltigungsopfer vor der Kamera, dass Urteil sei nicht gerecht: Nach ihrer traditionellen Auffassung hätte ihre Ehre nur durch den Tod der Polizisten oder durch ihren eigenen Tod wieder hergestellt werden können.

Von Anfang an nutzte das kleine Team Kontakte zur afghanischen Polizei, um Material für die Episoden zu bekommen. Doch nach mehreren – völlig zutreffenden – Berichten über rechtswidrige Übergriffe von Polizisten versiegten Kalantaris Informationsquellen. Nun legte er seinen Geschichten über Korruption, Mord, Vergewaltigung und Entführungen Interviews mit Staatsanwälten und Angeklagten zugrunde und bezog umfangreiche Aufzeichnungen von Gerichtsverhandlungen mit ein. In einer einzigen Folge besuchen die Zuschauer sämtliche Schauplätze der neuen Rechtsordnung – vom Tatort bis zum Gerichtsverfahren. Und zum Schluss erfahren sie noch, wie eine aus Juristen zusammengesetzte Expertenrunde den Prozessverlauf beurteilt.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

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