Heliopolis ist die größte Favela von São Paulo.

Danilo Ramos

Wohlstand wächst im Elendsviertel

Zwei Drittel der wachsenden Mittelschicht Brasiliens wohnen in den Armensiedlungen der großen Städte. Dort finden sogar Privat­kliniken und hippe Schnell­imbisse viele Kunden.

Es ist laut, eng und das Leben spielt sich auf der Straße ab. Beladene Mopeds bahnen sich in halsbrecherischem Tempo ihren Weg an parkenden Autos und Straßenverkäufern vorbei. Auf dem Weg hinauf werden die Gassen immer enger und unübersichtlicher. Doch selbst in der kleinsten Nische ist noch Platz für einen Obst- oder Gemüsestand.

Heliopolis ist eine Stadt inmitten der Millionenmetropole São Paulo. Rund 230.000 Menschen leben hier auf engstem Raum. Mehr als 92 Prozent von ihnen stammen aus dem armen Nordosten Brasiliens. In den vergangenen 30 Jahren sind sie mit ihren Familien auf der Suche nach Arbeit in die boomende Metropole ausgewandert. Heliopolis ist heute die größte Favela in São Paulo und nach Rocinha in Rio de Janeiro die zweitgrößte Lateinamerikas.

Doch das Viertel steht auch für ein neues Selbstbewusstsein. „Wir haben Heliopolis aufgebaut“, sagt Reginaldo José Gonçalves nicht ohne Stolz. „Früher haben die Menschen sich nicht getraut zu sagen, wo sie wohnen“, fügt der 39-Jährige hinzu. Das sei heute anders. Das Leben hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Zum Besseren, findet Gonçalvez, der in der Favela aufgewachsen ist und sich seit Jahren in der  Bewohnervereinigung UNAS (União de Núcleos, Associações e Sociedade de Moradores de Heliopolis) engagiert.

Die Jugend will bleiben - und Geschäfte machen

Sie hat die Drogengangs hinausgedrängt – etwa mit Hilfe regelmäßiger Friedensmärsche und drogenfreier Partys für Jugendliche – und die Kriminalität ist gesunken. „Viele junge Menschen wollen nicht mehr weg aus Heliopolis, sondern hier ihr kleines Geschäft aufmachen“, sagt er.

Autorin

Susann Kreutzmann

lebt als freie Journalistin in São Paulo und arbeitet unter anderem für die „Financial Times Deutschland“ und die Deutsche Welle.
Inzwischen gibt es knapp 3000 Händler und Gewerbetreibende in Heliopolis, wie Emerson de Abreu Santana von der Vereinigung der Gewerbetreibenden sagt. Am häufigsten würden kleine Lebensmittelläden, Friseursalons und Internetcafés eröffnet. In der Rua das Lágrimas, der Hauptstraße von Heliopolis, reiht sich ein Geschäft an das nächste. Gerade erst hat eine große Bekleidungskette hier einen Laden eröffnet. Die Bewohner von Heliopolis haben von dem Wirtschaftsaufschwung der vergangenen zehn Jahre in Brasilien profitiert. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei rund 1400 Reais (466 Euro) im Monat, das entspricht etwas weniger als zwei Mindestlöhnen.

Vor knapp vier Jahren starteten Guilherme Azevedo und Thomaz Srougi ein Experiment und eröffneten die erste Privatklinik in einer Favela. „Wir wollten etwas aufbauen, was soziale Auswirkungen hat und den Menschen hilft“, erklärt Srougi, der Betriebswirtschaft in Chicago studiert hat. Gleichzeitig erkannten sie eine große Marktlücke. Nur knapp 20 Prozent der Brasilianer können sich eine private Krankenversicherung leisten. Mehr als 80 Prozent sind auf das marode staatliche Gesundheitssystem angewiesen. Vor allem Behandlungen bei Fachärzten sind mit langen Wartezeiten verbunden, oft über ein Jahr. Die öffentlichen Krankenhäuser sind überfüllt, Ärzte und Krankenschwestern überlastet.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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