Knapp der Armut entkommen

Afrikas Mittelschicht wächst angeblich unaufhaltsam. Doch ein genauer Blick zeigt: Ihre wirtschaftliche Kraft wird weit überschätzt.

Die einschlägigen Untersuchungen zur afrikanischen Mittelschicht definieren diese deshalb nicht über das Einkommen, sondern über die Ausgaben der Haushalte. Laut der Afrikanischen Entwicklungsbank zählt in Afrika zur Mittelschicht, wer am Tag umgerechnet zwischen 2 und 20 US-Dollar ausgibt. Die Ausgaben zugrunde zu legen ist legitim – und eine andere Zählweise wäre auch gar nicht möglich, wo die meisten Menschen keinen regulären Job haben.

Autorin

Bettina Rühl

ist freie Journalistin in Nairobi, Kenia. Sie arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk, den WDR und den Evangelischen Pressedienst (epd).
Aber Haushaltsausgaben sind nicht so einfach zu ermitteln wie Einkommen, die der Arbeitgeber überweist und das Finanzamt erfasst. Man ist auf Umfragen angewiesen. Die Ergebnisse sind weniger sicher, denn die Angaben sind immer individuelle Schätzungen. Da die wenigsten Menschen in Afrika ein Haushaltsbuch führen, dürften sie recht ungenau sein. Angesichts der starken Schwankungen müssten die Menschen auch noch die monatlichen Durchschnittsausgaben im Jahr errechnen. So denken aber die wenigsten, vor allem wenn sie ein geringes Einkommen haben. Was zählt ist, ob die nächste Ausgabe bestritten werden kann.

Nach der Definition der Afrikanischen Entwicklungsbank zählt auch der Schneider Fred Odur zur Mittelschicht – und er ist stolz darauf. Odur lebt am Rande von Mathare, einem der vielen Elendsviertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Hier am Rand ist die Luft etwas besser, die Hitze staut sich weniger als im Zentrum des Slums. Odur wohnt in einem flachen Steinhaus, in dem mehrere Familien je ein Zimmer mieten. Er teilt sich den kleinen Raum mit seiner Frau Judith und ihren drei Kindern.

Jede ernste Krankheit wird zur existenziellen Bedrohung

Wie viel er verdient, kann Odur nicht genau sagen, denn die Geschäfte laufen nicht immer gleich gut. In der Hochsaison kurz vor Weihnachten verdient er bis zu 300 kenianische Schilling am Tag, umgerechnet etwa 2,50 Euro oder 75 Euro im Monat. In diesen guten Zeiten legt er täglich 100 Shilling zur Seite, um für das Schulgeld seiner Kinder zu sparen. Den Rest gibt die Familie zum größten Teil für Essen aus. Außerdem gehen von seinem Einkommen im Monat umgerechnet 20 Euro für Miete, Strom und Wasser ab. Für die staatliche Krankenversicherung, die es in Kenia immerhin gibt, habe er kein Geld mehr übrig, sagt Odur. Dabei betrüge der Beitrag für die ganze Familie nur gut einen Euro im Monat.

Odur weiß, dass jede ernste Krankheit eines Familienmitglieds zur existenziellen Bedrohung werden wird. Das geht vielen Afrikanern aus der sogenannten Mittelschicht so: Wird jemand krank, muss sich die Familie verschulden und fällt in die Armut zurück. Auch andere Wechselfälle des Lebens können rasch in ein Leben unterhalb des Existenzminimums zurückführen. Die Gruppe am unteren Rand der Mittelschicht wird deshalb auch „floating class“ genannt – „die umhertreibende Klasse“ –, weil sie mal diesseits, mal jenseits der Armutsgrenze liegt. Knapp zwei Drittel der afrikanischen Mittelschicht gehören zu dieser Klasse, schätzt die Afrikanische Entwicklungsbank.

Tatsächlich befreien sich immer mehr Menschen in Afrika aus der Armut. Sie steigen in die „richtige“ Mittelschicht auf und entfernen sich vom Leben am Existenzminimum. Doch ihr Anteil an der Bevölkerung ist noch gering. Er steht in keinem Verhältnis zu den optimistischen Einschätzungen der Beratungsfirmen. Die wollen wohl vor allem potenziellen Investoren Mut machen, ihr Geld nach Afrika zu tragen.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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