Globales Lernen: Viele Worte, wenig Substanz

Mit einer internationalen Konferenz in Bonn ist die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) in Deutschland zu Ende gegangen. Die Bilanz ist dürftig.

Neue  Strukturen und die Mobilisierung von Netzwerken, Institutionen, Einrichtungen und Akteuren haben das Bewusstsein für „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erheblich vorangebracht, heißt es in der Abschlusserklärung der Konferenz. BNE markiere „eine neue Bildungskultur“ in Deutschland. Das dürfte übertrieben sein. Denn die 2005 von den Vereinten Nationen ausgerufene Initiative ist in der deutschen Bildungslandschaft noch nicht wirklich angekommen.

Der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) hat dazu das Diskussionspapier „Globales Lernen als transformative Bildung für eine zukunftsfähige Entwicklung“ veröffentlicht. In Deutschland sei eine „Strategie zur Stärkung und Verankerung von BNE im Bildungssystem nicht erkennbar“, heißt es darin. Zwar sei das Leitziel in zahlreichen offiziellen Dokumenten auf Bundes- und Landesebene festgeschrieben worden. In der Praxis gebe es zwar einige Leuchtturmprojekte, doch in der Breite sei das Globale Lernen noch nicht in den Schulen angekommen. Es fehlten auch Angebote zur Lehrerfortbildung.

Bis jetzt haben nur Berlin und Hamburg konkrete und verbindliche Regelungen erlassen. Manche Bundesländer produzieren zwar umfangreiche Aktionspläne, die aber kaum Substanz haben. Zum Beispiel Bayern: Der bayerische Aktionsplan „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ für den Zeitraum 2005 bis 2014 ist über 80 Seiten dick, enthält aber neben unverbindlichen Absichtserklärungen im Wesentlichen nur eine Liste der Bildungsakteure im Freistaat.

Dass die meisten Aktionspläne so dürftig ausfallen, liegt auch an den unscharfen Begriffen. Ist es schon „Globales Lernen“, sobald in der Schule über den Regenwald gesprochen wird? Oder müssen dafür noch andere Kriterien erfüllt sein? Das bleibt offen. Umweltverbände verbinden mit BNE in erster Linie ökologische Fragen, für Eine-Welt-Gruppen steht die globale Perspektive im  Vordergrund, Menschenrechtsaktivisten haben wiederum ihre eigene Agenda. In BNE kann jeder hineinlesen, was er möchte.

Wo fängt „Globales Lernen“ an, wo hört es auf?

Eine Neuorientierung ist also nötig. VENRO fordert „grundlegende Kurskorrekturen und Änderungen hinsichtlich der Ziele, Grundhaltungen und Strategien“ beim Globalen Lernen. Dahinter steht das nüchterne Eingeständnis, dass ein grundlegender Wandel bisher nicht stattgefunden hat – trotz aller Bemühungen um Nachhaltigkeit in Politik und Zivilgesellschaft. Der schnelle technologische Fortschritt, zunehmender Wettbewerb und wachsender Konsum machen häufig wieder zunichte, was durch nachhaltige Lebensformen eingespart wurde. Bildung für nachhaltige Entwicklung müsse in der deutschen Bildungslandschaft strukturell verankert werden, sagt der Sprecher der VENRO-Arbeitsgruppe Bildung lokal/global, Kambiz Ghawami.

In der „Berliner Erklärung“ fordert VENRO deshalb Verantwortliche aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf, sich konsequent an dem „Ziel einer inklusiven, nachhaltigen globalen Entwicklung“ zu orientieren. Der Dachverband hofft, dass die Kernforderungen in die Zukunftscharta des Bundesentwicklungsministeriums einfließen.

Bis jetzt wird BNE mit Erwartungen völlig überfrachtet. Nachhaltige Bildungsarbeit soll offenbar richten, was in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen ist: ein umfassendes  Umsteuern von Politik und Wirtschaft angesichts von Klimawandel, kriegerischen Konflikten und Ressourcenverschwendung – und ganz nebenbei noch das deutsche Bildungssystem mit „ganzheitlichem Lernen“ revolutionieren. In der „Berliner Erklärung“ liest sich das so: „Bildung erhält in der Post-2015-Agenda zunehmend die Aufgabe der gesellschaftlichen Transformation zugeschrieben.“

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

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