Option für die Reichen

Peru ist nicht nur ein Mutterland der Befreiungstheologie, sondern auch ihrer Gegner: Eine rechtskatholische Bruderschaft findet dort Mitglieder unter den Begüterten. Lange genoss sie die Gunst des Vatikans. Doch das hat sich geändert.

Steht Gott auf der Seite der Reichen oder der Armen? In kaum einem Land Lateinamerikas wurde um diese Frage erbitterter gefochten als in Peru. 1971 legte der peruanische Priester Gustavo Gutiérrez sein Buch „Theologie der Befreiung“ vor. Damit lieferte er den religiösen Unterbau für soziale Bewegungen und linke Parteien. Mit der theologischen Option für die Armen entzog er den lateinamerikanischen Gesellschaften mit ihren seit 500 Jahren zementierten Ungleichheiten die religiöse Legitimation. Ein guter Christ müsse sich politisch links engagieren, betonte Gutiérrez.

Der konservative Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Noch im selben Jahr gründeten die peruanischen Theologen Luis Figari und German Doig die Bewegung „Sodalitium Christianae Vitae“, „Bruderschaft des christlichen Lebens“. Figari kam aus der extrem rechtskatholischen Bewegung „Tradition, Familie und Eigentum“ und soll mit den spanischen Faschisten geliebäugelt haben. Die Gruppierung suchte ihren Nachwuchs in den Privatschulen der Mittel- und Oberschicht Perus und machte ihn mit psychologisch ausgefeilten Methoden von sich abhängig.

„Zuerst wurden wir gefragt: Welchen Grund hast Du, Dich nicht umzubringen?“, berichtet etwa Martin Scheuch, ein Nachkomme deutscher Einwanderer, der als 15-Jähriger mit der Bewegung in Kontakt kam. Die Frage machte ihn sprachlos. Es blieb nur die Antwort des Sodalitium: Du musst Dein Leben Gott widmen. Wer noch zögerte, der wurde in einer Art Seelenstriptease dazu gebracht, unter Tränen all seine Zweifel und Probleme zu bekennen.

Die Eltern wehrten sich nicht gegen diese sektenähnlichen Methoden. „Die waren froh, dass wir beim Sodalitium waren“, sagt Scheuch – lieber gut katholische Jungs als kiffenden oder sonst über die Stränge schlagenden Nachwuchs. Er verließ den inneren Kern der Gruppierung nach 18 Jahren Mitgliedschaft im Jahr 1996 und machte in seinem Internet-Blog die Hinter- und Abgründe des Sodalitium bekannt. Angst, dass ihre Kinder von linken Ideen angesteckt wurden, brauchten die Eltern beim Sodalitium nicht zu haben. Denn deren Feindbild war rasch ausgemacht: die „marxistische“ Theologie des Gustavo Gutiérrez.

Sodalitium stellte dem eine „Theologie der Versöhnung“ gegenüber, welche zwar Barmherzigkeit gegenüber den Armen predigt, die realen Besitzverhältnisse aber nicht antastet. Anders als der Befreiungstheologie geht es dem Sodalitium nicht um soziale Gerechtigkeit oder gleiche Lebensverhältnisse. Es betreibt zwar in Armenvierteln Sozialwerke, rekrutiert aber dort keine Mitglieder. Diese suchen sie in den Schulen der oberen Mittelschicht. Wie viele religiöse Gruppen unterhält das Sodalitium Privatschulen für Kinder aus dieser Schicht sowie eine eigene Universität in Arequipa.

Sodalitium in der Gunst des Papstes

Kirchen erhalten in Peru keine Steuereinnahmen, sondern leben von freiwilligen Spenden aus dem In- und dem Ausland. Dass viele Mitglieder zur kleinen Schicht der Begüterten Perus gehören, dürfte dafür sorgen, dass der Spendenfluss beträchtlich ist. Im Gegensatz dazu werden die Werke der Befreiungstheologen zu einem grossen Teil von europäischen und nordamerikanischen Hilfswerken finanziert.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).
Während die Befreiungstheologie seit den 1970er Jahren im Vatikan unter den Verdacht der Ketzerei gestellt wurde, stiegen die jungen „Sodálites“ in der Gunst der katholischen Hierarchie auf. In Rom fanden sie einen besonderen Fürsprecher: Papst Johannes Paul II., seit 1978 Oberhaupt der katholischen Kirche, hatte als Pole keine Sympathien für Theologien, die mit dem Marxismus liebäugelten. Vor allem jedoch brachten neue religiöse Bewegungen – neben dem Sodalitium zum Beispiel das Opus Dei, das Neokatechumenat, die Cursillo-Bewegung aus Spanien oder die Legionäre Christi aus Mexiko – etwas, was der katholischen Kirche immer mehr abhanden kam: Priester- und Ordensnachwuchs. Zu verweltlicht und politisch seien die traditionellen Orden geworden mit ihrer Option für die Armen, lautete der Vorwurf. Deswegen hätten sie keinen Nachwuchs mehr. Die Seminare des Sodalitium und die ähnlicher Bewegungen dagegen füllten sich. Schnell erreichten die neuen Gruppierungen kirchenrechtlich die höchste Anerkennung.

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

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