Die Armen nicht allein lassen

Die globalen Krisen können nur gemeinsam bewältigt werden. Im kommenden Jahr kann die internationale Gemeinschaft Weichen stellen für ein Zusammenleben, das ökologische Grenzen beachtet und soziale Spannungen überwindet.

Umweltzerstörung und Ressourcenübernutzung, Armut und Hunger, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen – all das sind Probleme und Herausforderungen, die zusammen zu adressieren sind. Die vielzitierte „Große Transformation“ des bisherigen Wirtschafts- und Entwicklungsmodells bedarf vernetzter Lösungsansätze und sektorübergreifender Zusammenarbeit.

Im kommenden Jahr 2015 kann die internationale Gemeinschaft starke Zeichen setzen, Weichen stellen und gemeinsam weitere Praxisschritte zu nachhaltigen Lösungen dieser globalen Probleme andenken. Als „Nachfolge“ der Millenniumsentwicklungsziele soll Nachhaltigkeit zum Leitbild einer neuen Agenda werden; die Klimakonferenz, die im Dezember in Paris stattfinden wird, soll sich auf ein verbindliches Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll einigen; und der Club der acht großen Industriestaaten, G8, trifft sich unter der Präsidentschaft Deutschlands auf Schloss Elmau in Bayern zu seinem nächsten Gipfel. Aktuelle Konflikte, Tragödien und Kriege rufen nach Antworten: Sie zeigen, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein soll.

Autor

Pirmin Spiegel

ist seit April 2012 Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor.
Es gibt bestimmte Orte und besondere Perspektiven, von denen her wir auf unsere Welt schauen, die nicht so ist, wie sie sein soll. Diese Orte haben zu tun mit dem Leben Jesu von Nazareth: die Krippe, die Begegnung mit dem unter die Räuber Gefallenen auf dem Weg nach Jericho, das Kreuz, die Auferstehung. Papst Franziskus sagt das im Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ so: „Lassen wir die Armen nie allein!“ (EG 48) Die Option für die Armen ist eine „Option für die Letzten, für die, welche die Gesellschaft aussondert und wegwirft“ (EG 195).

Gerade um ihretwillen setzen wir uns für eine gerechte Welt ein, für eine Welt ohne Hass und Angst, ohne Egoismus und ohne Ungerechtigkeit. Misereor als kirchliches Werk der Entwicklungszusammenarbeit will an einer solchen Welt mitbauen. Wir wollen sie gemeinsam mit den Partnerorganisationen transparent machen und den Menschen zeigen, dass sie in keiner gottverlassenen Welt leben. Das kann helfen als ein Navigationssystem mit notwendigen und möglichen Veränderungen. Nicht alle neuen Wege und Straßen sind auf diesem Navigationsgerät bereits enthalten. Aber der Traum einer möglichen anderen Welt nimmt vorweg, was sich erst als Möglichkeit andeutet.

Vor diesem Hintergrund begrüßt Misereor, dass Entwicklungsminister Gerd Müller im Frühjahr dieses Jahres zu einem breiten Dialog über eine Zukunftscharta eingeladen hat. In ihr scheint immer wieder auf, zu welcher Aufgabe wir eingeladen sind. In dem Begriff „Aufgabe“ steckt das Wort „aufgeben“, das heißt, dass wir nicht unendlich einen Rhythmus des „Immer schneller, immer mehr, immer höher“ weiterführen können. So geht es bei der Zukunftscharta, die am 24. November an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben wird, um ein kooperatives Zusammenleben, bei dem ökologische Grenzen beachtet und soziale Spaltungen überwunden werden. Deshalb stellt Misereor wie so viele andere die Frage: „Wie wollen wir leben, damit alle Menschen, jetzt und in Zukunft, in Würde in einer intakten Natur leben können?“

Bei der Suche nach Antworten denkt Misereor die persönliche und die gesellschaftliche Ebene zusammen: Die Veränderung unserer ressourcenintensiven Lebensweise und politische Leitplanken zur Gestaltung des Weltgemeinwohls sind nicht trennbar. Es geht um grundlegende Themen, die nicht nur unser Entwicklungsmodell, sondern ebenso unsere Vorstellungen von Glück und Wohlbefinden hinterfragen. Wir sind dabei von der Grundüberzeugung getragen, dass allen Menschen nicht nur das Recht zukommt, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten, sondern sie auch über die Stärken und Fähigkeiten verfügen, diese selbst in die Hand zu nehmen. Bei der Mitgestaltung am Weltgemeinwohl aus der jeweils konkreten Wirklichkeit heraus kommt den Menschenrechten als ethischem Leitfaden eine wichtige Bedeutung zu.

Die Grenzen zwischen Politikfeldern, zwischen innen und außen, zwischen global und national werden immer mehr verwischt, das heißt die sogenannte Dritte Welt wird von einer geographischen zu einer weltweiten sozialen Kategorie. Die Suche nach einem künftigen Zusammenleben aller ist nicht nur eine politische, sondern auch eine ethische Frage. Die Zukunftscharta hat dies im Blick.

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

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