Wenn der braune Umschlag knistert

Korruption ist in afrika­nischen Medien weit verbreitet. Viele Journalisten sehen das nicht als Problem.

Wolfgang Ammer
Die Zahl der Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen in Afrika ist in den vergangenen 25 Jahren stark gewachsen. Vor 1990 gab es in Uganda lediglich drei staatliche Medien und eine Tageszeitung in privatem Besitz – heute sind im ganzen Land mehr als 100 Medienunternehmen tätig, die Radio- und Fernsehprogramme senden sowie Printmedien herausgeben. Dieselbe Entwicklung ist in Kenia und Tansania zu beobachten.

Diese Medienvielfalt geht jedoch mit einer zunehmenden Korruption einher: Kritische oder investigative Berichte werden häufig mit Hilfe von Schmiergeld unterdrückt. Früher hieß diese Praxis „brauner Umschlag“ (in dem die Scheine steckten), heute spricht man in Uganda eher von „Förderung“. Damit wird etwa Fahrgeld bezeichnet, das Journalisten von Veranstaltern erhalten, um zu deren Termin zu kommen, oder eine Art Zulage für den Besuch einer Pressekonferenz ¬– in Kenia heißt es „Tee“ oder „Mehrwertsteuer“.

Die Wächterrolle der Medien wird beschädigt, wenn Journalisten geschmiert werden, damit sie eine Geschichte über Korruption in der Regierung nicht bringen – oder wenn sie dafür bezahlt werden, dass sie Propaganda- oder PR-Texte veröffentlichen. Die Anfälligkeit für Korruption kann man teilweise mit der schlechten Bezahlung erklären. Mindestlöhne für Journalisten gibt es nicht. Die meisten sind der Gnade ihrer Arbeitgeber ausgeliefert, die an Profitmaximierung durch Ausbeutung glauben – das gilt für TV- und Radio-Journalisten ebenso wie für Zeitungsreporter und Zeitschriftenredakteure.

Autorin

Gloria Laker Aciro

ist eine frühere Kriegsreporterin und lebt heute als freie Journalistin in Kampala (Uganda). Sie leitet die Stiftung Friedensjournalismus Ostafrika.
Journalisten sagen, politische Führer und Regierungsvertreter führen die Liste derer an, die Schmiergeld zahlen. Dann folgen PR-Unternehmen, große Konzerne und nichtstaatliche Organisationen. „Dieses Geld füllt zwar unsere Taschen. Aber langfristig blutet das die Medien aus und verhindert die Entwicklung des Landes, weil es dringender für soziale Dienste gebraucht würde“, meint der ugandische Journalist Taban Okech. „Es ist eine Falle, in die viele Leute geraten sind.“ 2010 kamen zwei Journalisten aus Uganda ins Gefängnis, weil sie versucht hatten, vom Leiter der Nationalen Wasser- und Abwasserbehörde 40 Millionen Schillinge (etwa 17.000 Euro) zu erpressen – im Gegenzug wollten sie auf kritische Berichte über Ermittlungen gegen ihn verzichten. Auch solche Vorfälle können die Korruption nicht stoppen.

Professor Steven Youngblood, Direktor des Zentrums für Friedensjournalismus an der US-amerikanischen Park University, hat 2011 in einer Studie das Ausmaß der Bestechlichkeit von Journalisten untersucht. Mehr als die Hälfte der 52 Reporter, die er im Rahmen seiner Trainings-Workshops in Uganda befragte, gaben zu, bis zu fünf Mal Geld akzeptiert zu haben. Die meisten waren jedoch der Ansicht, dass die in Uganda übliche „Förderung“, also das Fahrgeld, keine Bestechung sei. Youngblood ist darüber enttäuscht und besorgt. Die Korruption unter Journalisten schwäche deren ohnehin schon schlechten Ruf weiter. Das mache es nahezu unmöglich, als Reporter ernst genommen zu werden. „Kann ich ernsthaft erwarten, dass Journalisten in ihren Artikeln neutral sind und alle Seiten zu Wort kommen lassen, wenn sie unter dem Tisch braune Umschläge mit Geld entgegennehmen?“, fragt er.

Auch Redakteure und Herausgeber lassen sich bestechen

Die ugandische Journalistin Patricia Atim bestätigt, dass Korruption sich in den Medien immer weiter ausbreite und die Leistung der Kollegen beeinträchtige. „Sie bekommen Fahrgeld, Mittagessen bei Pressekonferenzen oder können kostenlos telefonieren, wenn sie über ein Ereignis berichten. Das verzerrt automatisch die Berichterstattung“, sagt sie. In Kenia ist die Situation ähnlich – auch Redakteure und Herausgeber ließen sich bestechen, obwohl sie besser bezahlt werden, sagt ein Journalist, der anonym bleiben möchte.

Korruption durchziehe die gesamte Gesellschaft, ergänzt der Journalist Pius Sawa, die Medien seien davon nicht ausgenommen. „Es fängt schon damit an, dass ein Journalist jemanden besticht, um einen Job zu bekommen. Wie soll er Schmiergeld ablehnen, wenn er keinen Mindestlohn erhält?“

Sawa betont, es sei Sache jedes einzelnen, seine Glaubwürdigkeit zu behalten. „Der braune Umschlag wird uns erhalten bleiben, genauso wie es in der Regierung weiter Vetternwirtschaft und Diebstahl geben wird“, sagt er. Aber jeder Journalist könne sich entscheiden, in welche Richtung er gehen wolle. Viele Kollegen wollten jedoch schnellen Wohlstand – ausgehen, Partys, schicke Autos –, kritisiert Sawa. Das mache sie anfällig für Korruption. Ein hart arbeitender Journalist werde internationales Niveau erreichen oder ein eigenes Medienunternehmen gründen – die, die braune Umschläge akzeptieren, sind sehr selten so erfolgreich, ist Sawa überzeugt.

Ärzte, Juristen und Ingenieure verdienen fünf Mal so viel wie Journalisten

Wenn in Tansania Journalisten dafür bezahlt werden, dass sie an Pressekonferenzen teilnehmen, nennt sich das „mshiko“ oder „Sitzzulage“. Der Journalist Godwin Msalichuma berichtet, viele seiner Kollegen verteidigten diese Praxis, weil ihre Arbeitgeber sie mit geringen Gehältern und schlechten Arbeitsbedingungen ausbeuteten. Einer Studie von 2010 zufolge liegt das Einkommen eines freien Journalisten in Tansania weit unter dem monatlichen Durchschnittslohn von 125.000 Schillingen (etwa 55 Euro). Laut dem tansanischen Presserat arbeiten zwei Drittel der Journalisten frei – und sind deshalb besonders anfällig für Schmiergeld. Für einen Artikel bekommt man nur Cent-Beträge. Ärzte, Juristen und Ingenieure verdienen fünf Mal so viel wie Journalisten.

Fredrik Galtung, Leiter der in London ansässigen Organisation „Integrity Action“, plädiert für einen „rechtschaffenen Journalismus“. Anständige Journalisten sollten zum Beispiel kritisch über Anti-Korruptions-Reformen berichten. Sie würden prüfen, ob die Daten, die der Staat veröffentlicht, stimmen; nachfragen, ob sich Abgeordnete und Minister an ihren Amtseid halten; und kontrollieren, was mit Berichten von Überprüfungskommissionen geschieht. Kurz: Ein rechtschaffener Reporter würde über Fortschritte zu mehr Transparenz berichten, aber gleichzeitig nachprüfen, ob das System wirklich funktioniert.

Das löst jedoch nicht das Problem der schlechten Bezahlung. Das Menschenrechtsnetzwerk für Journalisten setzt sich für einen höheren Verdienst ein, so dass Reporter gut und ausgewogen berichten können. Nur wenige Medienunternehmen bieten ihren Angestellten und deren Familien eine Krankenversicherung an – das trifft etwa auf die ugandischen Tageszeitungen „New Vision“ und „Monitor“ zu, gilt aber nur für festangestellte Reporter und Redakteure. Auch „Nation TV“ entlohnt seine Journalisten gut. Manche TV- und Radiosender bezahlen Transporte zur Arbeit, wenn die Beschäftigten nachts Dienst haben. Aber verglichen mit dem Bedarf ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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