„Gebäude müssen ins Umfeld passen“

Tansanias Hautstadt wächst rasant. Eigentlich bräuchte die Stadt eine dem Klima angepasste grüne Architektur, findet Comfort Badaru. Doch moderne Bauten mit viel Glas und Klimaanlagen seien gefragt – nicht zuletzt aus Prestigegründen.

Comfort Badaru hat in Daressalam Architektur studiert und das Architektur-Magazin ANZA mit gegründet. Die gebürtige Uganderin vertritt den Architekturverband Tansanias in einem Projekt zum Architektur-Erbe DaressalamsBarbara Off
Welt-Sichten: In Daressalam boomt die Baubranche. Alle paar Monate wird ein neuer Büro- und Apartmentkomplex fertig. Ist das nur erfreulich oder gibt es auch eine Kehrseite?

Comfort Badaru: Abgesehen davon, dass der Bauboom erfreulich ist, ist er auch unvermeidbar. Unsere Bevölkerung wächst rapide. Die Anzahl der Menschen in Daressalam nimmt jedes Jahr um eine Million zu. Die Frage muss lauten: Was ist der richtige Ansatz, mit diesem Wachstum umzugehen? Im Stadtzentrum, in Kariakoo – einem sehr dicht besiedelten, betriebsamen Ort – wird vor allem in die Höhe gebaut. Aber das hilft nicht wirklich weiter. Ich würde vorschlagen, dass man neue Stadtgebiete oder Städte schafft. Das wäre ein besserer Ansatz. Die Regierung hat das bereits versucht. Doch der Tansanier möchte erst einmal da bleiben, wo er ist und immer war. Wer möchte schon der erste sein an einem neuen Ort? Es ist einfacher, nachzuziehen, wenn der Anfang gemacht ist. Doch langsam verstehen die Leute, dass das Arbeiten von der Vorstadt aus die bessere Option ist, als ins Stadtzentrum zu pendeln. Der Verkehr hinein und zurück ist wirklich verrückt. Mittlerweile wird auch außerhalb des Stadtzentrums mehr gebaut.

Entwerfen und bauen tansanische Architekten und Unternehmen diese Gebäude, oder kommen die Planer aus dem Ausland?

Abgesehen von ein paar Ausländern, die hier in Tansania leben und arbeiten, sind das hauptsächlich tansanische Architekten und Organisationen. Die Bauvorhaben werden aber vor allem von chinesischen Bauunternehmen ausgeführt. Die Chinesen arbeiten zu schnell und zu billig.

Gibt es unter diesen tansanischen Architekten einen mit Vorbildfunktion für Tansania und Ostafrika?

Für mich ist es wichtig, dass die Architektur in Zusammenhang mit dem Umfeld steht. Und dafür gibt es vor allem einen tansanischen Architekten: Nadir Tharani. Seine Entwürfe sind einzigartig. Seine Gebäude entsprechen der Situation hier. Er berücksichtigt Sonnenschutz, Lüftung, hohe Decken und all die Elemente einer funktionalen Tropenbauweise. Dann gibt es John Kelly, einen Engländer, der seit 1993 für IPA Architects London das Büro in Daressalam leitet. Oder Epitome Architects – die haben eine Akkreditierung für nachhaltiges Bauen bekommen. Und natürlich Anthony B. Almeida. Er hat die St. Peters Kirche in Masaki gebaut und einige Gebäude der Universität Daressalam. Er respektiert auf jeden Fall den tansanischen Kontext. Heute ist er 93 Jahre alt und arbeitet immer noch.

Wie würden Sie den gegenwärtigen Bauboom beschreiben? Kann man von einem tansanischen Baustil sprechen?

Momentan muss alles voll im Trend sein, zum Beispiel die schicken Glasgebäude. Wer will heutzutage noch Betongebäude? Ein modernes Leben in einer modernen Stadt führen, das ist hier gerade der Leitspruch. Dazu gehören Gebäude, wie sie global im Trend liegen. Was in Dubai funktioniert, kann in Daressalam auch funktionieren. Nur: Diesen Gebäuden fehlt der Bezug zum Umfeld und dadurch eine Identität. Es gibt keinen modernen tansanischen Baustil. Im Stadtzentrum von Daressalam sieht man heute keine Gebäude, die charakteristisch für Tansania sind. Die Swahili-Architektur sieht man noch in den informellen Siedlungen. Hier stehen die Häuser in engen Straßenzügen nah beieinander. Dies entspricht dem Gemeinschaftsgedanken der Swahili-Kultur und dient außerdem der Beschattung. Die Gebäude haben eine niedrige Deckenhöhe und eine spezielle Belüftung. Das ist aber schwer übertragbar auf zwanzigstöckige Gebäude. Auch in den boomenden, mittelständischen Vorstädten wird man die Swahili-Bauweise nicht mehr finden. Doch es sollte einen Weg geben, eine Architektur zu entwerfen, die für Tansania kennzeichnend ist. Wir brauchen eine Architektur, die zu unserem tropischen Klima passt. Am besten nachhaltige, grüne Gebäude mit ausreichend Belüftung.

Enge Straßenzüge prägen das Bild von Stone Town auf der Insel Sansibar. Sie sind charakteristisch für die traditionelle Swahili-Bauweise, die in großen Städten kaum noch anzutreffen ist.Sven Torfinn/Laif
Wurde das in Ihrem Architekturstudium gelehrt?

Auf jeden Fall! In einem Fach, das Umweltwissenschaften heißt, lernt man, Umwelteinflüsse auf Bauen und Wohnen zu verstehen. Wie müssen zum Beispiel Fenster ausgerichtet werden, um eine angenehme Wohntemperatur zu haben? Leider wenden die Architekten hier dieses Wissen in der Praxis nicht an. Das soll einer verstehen! Jeder Architekt weiß, wie das Klima hier ist und welche Bauweise das erfordert. Aber die meisten Menschen wollen ein modernes, schönes Haus mit maximaler Ausstattung mit Klimaanlagen. Nicht alle Häuser haben solche Anlagen. Das ist auch eine Frage des Geldes. In den Mittelklassegegenden wie Sinsa haben die Häuser normale Fenster und Ventilatoren. In den Nobelvierteln hat jedes Haus, jedes Apartment, jeder Raum eine Klimaanlage. Das ist auch eine Frage des Prestiges und des Wohlstandes. Wer das nötige Kleingeld hat, bewegt sich hauptsächlich an gekühlten Orten.

Geht der Trend eher zum gemieteten Apartment oder zum Eigenheim?

Mein Traum ist ein eigenes Haus mit einem Tor und einem eigenen Garten statt einer Wohnung in einem Apartmentkomplex. Und wenn ich mich so umsehe, ist das die Richtung für jeden in Tansania, vielleicht sogar in Afrika. Man beendet die Schule, bekommt einen guten Job, und dann baut man ein Haus. Das ist eine Prestigefrage. Wenn man eine Familie gründet, lebt man in einem Haus. Apartments sind nur eine Zwischenlösung.

Wie teuer ist es denn ungefähr, eine Wohnung in Daressalam zu mieten?

Das hängt natürlich von Größe und Ausstattung der Wohnung und vom Stadtviertel ab. Es beginnt zwischen 100 und 800 US-Dollar pro Monat und kann bis zu 2500 oder gar 4000 US-Dollar für die schicken Apartments und großen Häuser gehen. Normalerweise muss man die Miete ein halbes bis ein Jahr im Voraus bezahlen. Ausnahmen werden zum Beispiel für Austauschstudenten und Ausländer gemacht, die hier arbeiten. Wir zahlen nur Strom und Wasser monatlich. Strom kauft man im Voraus und verbraucht ihn dann. In Makongo, wo ich wohne, muss ich das Wasser extra kaufen und lagern – in Kanistern für 300 Tansanische Schilling (14 Eurocent)das Stück. Meine Nachbarn, zwei junge Frauen, verbrauchen beispielsweise pro Woche Wasser im Wert von 15.000 Schilling (etwa 7,25 Euro).

Welche Ausstattung sollte ein Haus oder ein Apartment heutzutage haben?

Die Hauptsache ist, dass es im ganzen Haus Bodenfliesen hat. Die Leute schauen auch darauf, dass jedes Schlafzimmer sein eigenes Bad hat plus eine Gästetoilette. Apropos Toilette: Wenn man eine Sitztoilette im europäischen Stil hat, dann ist das auch ein Plus. Billiger, weil wassersparender, sind die Stehtoiletten. Und wenn es eine Klimaanlage gibt, ist es natürlich top. Die Innenausstattung hängt vom Einzelnen und seinem Geschmack ab, hier gibt es keinen speziellen tansanischen Stil. Man muss eigentlich nur in die Möbelgeschäfte schauen, dann weiß man, wie die Häuser innen aussehen.

Das Gespräch führte Barbara Off.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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