Krise in Venezuela

­Krankenhäuser wie die Universitätsklinik von Caracas haben viel zu wenig ­Medikamente und Geräte. Oft müssen sie sogar ­lebenswichtige Operationen ­absagen.

Krise in Venezuela

Patient Krankenhaus

Venezuela steckt fast zwei Jahre nach dem Tod von Hugo Chávez in einer tiefen Krise. Die Mangelwirtschaft hat auch das Gesundheitssystem erreicht.

Im Haupteingang zum Universitätskrankenhaus von Caracas stehen drei Männer in Uniform. Sie kontrollieren jede Person, die das Gebäude betreten will. Da taucht ein großgewachsener Mann in weißem Kittel auf. Mit der Hand signalisiert er uns, ihm unauffällig zu folgen. Er überquert den Vorplatz, geht einen schmalen Weg entlang und verschwindet in einer Unterführung. Im Schutz des Dunkels bleibt er schließlich stehen, dreht sich um und stellt sich vor: Ricardo Strauss, Assistenzarzt für Innere Medizin. „Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagt er. Journalisten sind hier nicht gern gesehen.

Fast zwei Jahre nach dem Tod von Präsident Hugo Chávez steckt Venezuela in einer tiefen Krise. Lebensmittelmangel, hohe Inflation und eine lahmende Wirtschaft machen dem südamerikanischen Land zu schaffen. Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro schafft es nicht, die angespannte Lage unter Kontrolle zu bringen. Dabei sind viele Bereiche des täglichen Lebens davon betroffen, jetzt auch der Gesundheitssektor. „Die Regierung möchte das am liebsten vertuschen“, erklärt Strauss. Doch inzwischen gehe es um Leben oder Tod. Man dürfe nicht länger schweigen. Auch deshalb schleust er immer wieder Medienvertreter vorbei am Sicherheitspersonal in das Krankenhaus ein.

Im Inneren des Gebäudes herrscht reges Treiben. Vor dem Lift hat sich eine lange Schlange gebildet, viele gehen deshalb die Treppe. Seit dem Jahr 2000 wird das in den 1950er Jahren erbaute Krankenhaus als UNESCO-Weltkulturerbe geführt. Doch das Gebäude wirkt heruntergekommen und vernachlässigt. Die langen Gänge sind nur schwach beleuchtet, neben den offenen Türen der Krankenzimmer sammelt sich Müll. Es zieht in den Fluren, es fehlt der typische Geruch nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln. Doch das, sagt Ricardo Strauss, seien die geringsten Probleme.

Jagd nach dem Antibiotikum

Ende August 2014 forderte der Verband der Kliniken und Krankenhäuser AVCH die Regierung in einem offenen Brief auf, eine „humanitäre Notlage“ im Gesundheitsbereich auszurufen. Der Grund: In den Kliniken fehlt es an Medikamenten, Arbeitsutensilien wie Latexhandschuhen, Gesichtsmasken, Spritzen und medizinischem Gerät. Inzwischen müssen selbst lebenswichtige Operationen abgesagt werden. „Uns sterben die Patienten unter den Händen weg“, sagt Ricardo Strauss. 400 Operationen werden im Universitätskrankenhaus für gewöhnlich pro Jahr vorgenommen. Bis Mitte 2014 waren es gerade einmal 90, und auf der Warteliste stehen 800 Patienten. Mehr als 100 Frauen und Männer sind während der Wartezeit gestorben. Ärzte und Krankenhausangestellte wollen diese Situation nicht mehr hinnehmen. Sie haben große Demonstrationen organisiert, doch gebracht hat das wenig.

Jesús Ojeda muss wegen seiner Herzkrankheit teure Tabletten nehmen. Für die Studiengebühren seines Sohnes ist kein Geld mehr da. Hanna Silbermayr
Im dritten Stock des Krankenhauses werden Herz-Kreislauferkrankungen behandelt. Dort sitzt Jesús Ojeda in einem der langgezogenen Krankenzimmer neben seinem Bett. An seinem linken Arm klebt ein weißes Pflaster, darunter zeichnet sich eine Kanüle ab. Er gehört zu jenen Patienten, die die Fehler im System mit voller Wucht zu spüren bekommen. Der 43-Jährige erhielt einen Herzschrittmacher. Die Operation gehört in modernen Krankenhäusern eigentlich zur Routine, doch bei Ojeda traten Probleme auf. Er hatte sich Bakterien eingefangen, die zur Gefahr für sein Herz wurden. Die Krankheitserreger können grundsätzlich mit Antibiotika abgetötet werden, doch die gab es im Krankenhaus nicht mehr. „Das hat mich beinahe das Leben gekostet“, sagt Ojeda.

Den Ärzten sind in solchen Situationen die Hände gebunden. „Wir tun alles Menschenmögliche, um den Patienten zu helfen“, sagt Ricardo Strauss. Doch ohne Medikamente und Geräte könnten sie nur noch versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Laut der Medizinervereinigung FMV erhalten die Krankenhäuser in Venezuela oft nur noch einen Bruchteil der sonst üblichen Wareneingänge. „Es fehlt an den einfachsten Dingen. Manchmal haben wir zum Beispiel keine Latex-Handschuhe oder Gesichtsmasken“, erzählt der 28-jährige Assistenzarzt. Auch Anästhetika, Injektionsspritzen oder Kanülen sind rar. Um ausreichend behandelt zu werden, müssen Patienten und ihre Angehörigen inzwischen Eigeninitiative ergreifen. „Ich musste die notwendigen Medikamente selber besorgen“, erklärt Jesús Ojeda.

Viereinhalb Monate suchte er im ganzen Land nach dem Antibiotikum, das als einziges sein Leben retten konnte – und bekam es nicht. Als ehemaliger Fernfahrer hatte er dann Glück im Unglück: Ein Kollege trieb das Medikament in Kolumbien auf. Doch nicht alle Patienten haben die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Jesús Oveda deutet auf ein Bett am anderen Ende des Krankensaales. „Dort ist vor kurzem ein junger Mann gestorben“, erzählt er. 23 Jahre wurde er alt. Seine Familie schaffte es nicht rechtzeitig, Medikamente und Arbeitsutensilien für seine Operation zu besorgen. „Die Ärzte haben alles getan“, sagt Oveda. Sie hätten sogar kleine Medikamenten-Proben organisiert und dem jungen Mann verabreicht. Doch das war zu wenig, um sein Leben zu retten.

Die Regierung schiebt die Schuld auf die USA

Obwohl Ärzte und Personal privater und öffentlicher Krankenhäuser seit Monaten auf die prekäre Lage im Gesundheitswesen aufmerksam machen, reagiert die venezolanische Regierung kaum oder abweisend. „Die Demonstration im März wurde von der Nationalgarde blockiert“, erzählt Ricardo Strauss, der die Proteste von Beginn an mit organisiert. Das Argument der Regierung: Die Demonstration sei nicht angemeldet gewesen. Mitunter macht sie auch die Vereinigten Staaten oder die Opposition für die gravierenden Mängel im Gesundheitswesen verantwortlich. Dabei liegt das Problem vermutlich in den schwindenden Devisenvorräten des südamerikanischen Landes.

Venezuela produziert nicht genug Waren des medizinischen Bedarfs, um die Krankenhäuser damit zu versorgen. Deshalb muss ein Großteil importiert werden, doch es fehlt das Geld, um Geräte und Medikamente zu bezahlen. Ende August gab der Verband der Medizintechnikvertreter AVEDEM bekannt, dass sich die Schulden bei ausländischen Lieferanten inzwischen auf 350 Millionen US-Dollar belaufen. Produkte können deshalb nicht mehr auf Kredit, sondern nur noch gegen Vorkasse und in ausländischer Währung erstanden werden. Doch Venezuela gibt US-Dollar aufgrund seiner strengen Devisenkontrollen nur nach hohem bürokratischen Aufwand und in geringen Mengen frei – immer mehr Importeure haben deshalb Schwierigkeiten, Medikamente und Waren ins Land zu bringen. Anfang Dezember hat die Hälfte der Importunternehmen ihre Mitarbeiter freigestellt, weil es keine Arbeit mehr für sie gibt.

Patienten lassen ihre Wut an den Ärzten aus

Ricardo Strauss kann die Reaktion der venezolanischen Regierung auf diesen Missstand nicht verstehen. Mittlerweile bringe sie nicht nur Patienten sondern auch Ärzte in Gefahr. „Wenn wir einem Patienten oder seinen Familienangehörigen mitteilen, dass wir ihn nicht behandeln können, rasten viele aus“, erzählt er. Die Wut kann Strauss nachvollziehen. In einem Land mit einer der höchsten Mordrate weltweit kann sie aber auch tödlich enden. „Die Reaktion ist sehr oft gewalttätig“, sagt Strauss und zählt Fälle von ermordeten Kollegen in verschiedenen Kliniken von Caracas auf.

Ricardo Strauss macht die Missstände im Gesundheitssystem bekannt, obwohl er dafür bedroht wird. Hanna Silbermayr
Er selbst ist ebenfalls schon bedroht worden – allerdings nicht von Patienten, sondern von den Sicherheitsleuten des Klinikdirektors. „Das Krankenhaus ist ein Spiegelbild der venezolanischen Gesellschaft“, erklärt er. Regierungstreue Mitarbeiter auf der einen, Kritiker auf der anderen Seite. Strauss, der bei Protesten immer an vorderster Front mit dabei war, gilt als Störenfried. „Im Frühjahr, als ich nach der Arbeit auf dem Weg zu meinem Wagen war, folgten mir ein paar Männer“, sagt er. Sie hätten auf die Waffen unter ihren Jacken gezeigt und ihm klar gemacht, dass er sein Engagement besser beenden solle. „Sie sagten, sie würden mich umbringen, wenn ich weitermache.“

Auch wenn Ricardo Strauss Angst um sich und seine Familie hat, will er sich nicht einschüchtern lassen. „Wir Ärzte sind die einzigen, die auf diese Missstände hinweisen. Wir können uns den Mund nicht einfach verbieten lassen“, sagt er. Denn dann wäre das Gesundheitswesen Venezuelas wirklich verloren.

Jesús Ojeda hat das Gröbste inzwischen überstanden. Zwar sollte er seine Tabletten täglich einnehmen, doch er schluckt nur jeden zweiten Tag welche – auch weil das Medikament 18.000 Bolivares kostet, umgerechnet 2270 Euro. Um sich das leisten zu können, hat der Vater von zwei Kindern zuerst sein Auto verkauft, dann das Motorrad und zuletzt hat sein 22-jähriger Sohn das Studium abgebrochen und zu arbeiten begonnen. „Das alles zerrt an den Nerven der gesamten Familie“, sagt Ojeda.

Autorin

Hanna Silbermayr

ist freie Journalistin aus Österreich. Sie berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Magazine über und aus Lateinamerika.
Während Jesús Ojeda noch zwei weitere Monate im Krankenhaus verbringen muss und Ricardo Strauss auf der Straße und in sozialen Netzwerken auf die Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam macht, verkündete die venezolanische Regierung Ende Oktober, dass sie in einer Lagerhalle im Bundesstaat Aragua gehortete Waren des medizinischen Bedarfs beschlagnahmt hat: zwölf Millionen Spritzen, sieben Millionen Handschuhe, Mullbinden, Medikamente und chemische Lösungen sowie 5000 Rollstühle.

Gesundheitsministerin Nancy Pérez bot sich damit die Gelegenheit, die Verantwortung für die Misere zumindest ein Stück weit von sich zu weisen. Sie sprach von einem „Verbrechen am venezolanischen Volk“, das Unternehmer mit dem einzigen Ziel begangen hätten, das Vaterland zu ruinieren. Die Mitarbeiter des Universitätskrankenhauses sind Mitte November schließlich in Streik getreten – weil die Regierung außer Schuldzuweisungen keine Antwort auf die Mängel im Gesundheitswesen findet.

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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