Über ein Jahrhundert lang triumphierte am Nil die politische Macht über die geografische Realität: Das meiste Wasser kommt aus Äthiopien, aber Ägypten bestimmt darüber. Mit der offiziellen Inbetriebnahme des Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD), des Großstaudamms in Äthiopien am Oberlauf des Flusses, im September 2025 ist diese Ordnung Geschichte. Der Damm ist weit mehr als ein technisches Projekt: Er markiert eine postkoloniale Zäsur in Ostafrika, das Ende der „kolonialen Zwangsjacke“ für die meisten Länder am Nil.
Die vorherigen Rechtsverhältnisse entsprachen nie den hydrologischen Tatsachen. Rund 86 Prozent des Nilwassers, das in Ägypten ankommt, entspringen dem äthiopischen Hochland – allein der Blaue Nil steuert fast 60 Prozent bei. Dennoch zementierten die Verträge von 1929 zwischen Ägypten und Großbritannien, das im Namen seiner Kolonien Uganda, Kenia, Tanzania und Sudan handelte, sowie 1959 zwischen Ägypten und dem Sudan eine einseitige Vorherrschaft Kairos. Diese Abkommen waren Erzeugnisse der britischen Kolonialpolitik: Um die Stabilität Ägyptens und den Zugang zum Suezkanal zu sichern, sprachen die Briten Kairo ein Vetorecht gegen alle Bauprojekte am Oberlauf des Nils zu. Äthiopien wurden formal null Kubikmeter Wasser zugestanden.
Nilanrainer schaffen eine neue Ordnung
Doch acht der elf Nilanrainerstaaten haben bis 2024 das Cooperative Framework Agreement (CFA) ratifiziert oder unterzeichnet, welches die gerechte und nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen fördert. Ein entscheidender Passus des CFA besagt: „Die Anrainerstaaten verpflichten sich, die Wasserressourcen des Nils gerecht und vernünftig zu nutzen“. Darüber hinaus wird die Nile River Basin Commission geschaffen, eine Kommission für die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten des Abkommens.
Bei der Analyse der Wasserkrise am Nil ist jedoch Vorsicht vor einseitigen Schuldzuweisungen geboten. Oft wird Kairo die Verschwendung von Nilwasser für den wasserintensiven Anbau von Erdbeeren für den Export vorgeworfen. Doch Äthiopien tut strukturell dasselbe, wenn es Rosen für den Weltmarkt züchtet. Beide Nationen stecken in der gleichen Falle: Sie müssen in den Produkten steckendes „virtuelles Wasser“ exportieren, um harte Devisen zu verdienen.
In Ägypten wird Wasser verschwendet
Der Unterschied liegt in der Strategie: Während Addis Abeba mit dem GERD eine Basis für die industrielle Zukunft schafft, nutzt Kairo das Narrativ der „existenziellen Bedrohung“ oft, um von eigener Ineffizienz abzulenken. Rund 80 Prozent des ägyptischen Wassers fließen in eine Landwirtschaft, die noch immer oft durch offene Kanäle und Flutung bewässert wird – riesige Verdunstungsverluste inklusive. Der GERD hat die ägyptische Wasserkrise nicht verursacht; er hat sie lediglich entlarvt.
In der Region herrscht ein „kalter Frieden“. Hier ist die europäische Diplomatie gefordert. Die EU muss aufhören, Kairo einseitig zu hofieren – oft motiviert von Ägyptens Rolle im Nahostkonflikt. Wahre Stabilität wird es nur geben, wenn die EU das CFA als neue völkerrechtliche Basis anerkennt. Die Illusion, Kontrolle am Unterlauf könne Macht am Oberlauf ersetzen, ist endgültig zerschlagen.
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