„Sogar Schutzanzüge für das Pflegepersonal fehlen“

Ebola im Ost-Kongo
Im Osten des Kongo grassiert ein Ebola-Virus, für das es keine Therapie und keine Impfung gibt. Krieg, Armut und die schlechte Infrastruktur erschweren die Eindämmung der Epidemie, erklärt Josue Ibulungu von der Diakonie Katastrophenhilfe in Goma.

Dr. Josue Ibulungu ist Arzt und Fachmann für Public Health. Er leitet das Landesbüroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in der Demokratischen Republik Kongo in Goma, der Hauptstadt des Nord-Kivu.

Welches Ausmaß hat die Ebola-Epidemie im Ost-Kongo?
Es gibt Ende Mai über 900 Verdachtsfälle und über 200 Tote. Das Zentrum der Epidemie ist in der Provinz Ituri ganz im Nordwesten, da finden sich etwa 95 Prozent der Fälle. Einige Infizierte haben wir auch in der südlich an Ituri grenzenden Provinz Nord-Kivu, darunter eine bestätigte Infektion in Goma, der Hauptstadt des Nord-Kivu. Hier sind einige mit Verdacht auf Ebola in Behandlung. 

Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Gesundheitsdienste beim Umgang mit Ebola-Infizierten und Verdachtsfällen? 
Das Gesundheitssystem ist aufgrund des Krieges in einem sehr schlechten Zustand. Viele Einrichtungen sind vom Krieg zerstört und es ist sehr schwierig, für Nachschub an Material zu sorgen. Es fehlt dafür auch an Geld, zumal in Ituri die Menschen zu arm sind, um für medizinische Behandlung zu bezahlen. Dort waren die Gesundheitseinrichtungen für einen Ebola-Ausbrauch kaum ausgerüstet. Sogar Schutzanzüge für das Pflegepersonal fehlten, jetzt muss erst für Nachschub gesorgt werden. Vor kurzem ist ein junger Arzt in Ituri deshalb an Ebola gestorben, er hatte sich bei einer Behandlung angesteckt. An Personal fehlt es zwar nicht, aber einige haben jetzt Angst, sich selbst zu gefährden, wenn sie ohne den nötigen Schutz Ebola-Fälle behandeln. 

Wer betreibt Gesundheitseinrichtungen im Ostkongo?
Viele werden von Kirchen betrieben, aber es gibt auch staatliche und private. Hilfsorganisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe (DKH) unterstützen vorhandene Strukturen je nachdem, welche sie für am besten geeignet halten, mit der Krise umzugehen. 

Haben Kürzungen von Entwicklungshilfe, besonders aus dem USA, die Lage stark verschlechtert?
Ja. Die finanzielle Unterstützung für das Gesundheitswesen im Ost-Kongo ist stark gesunken. Auch die humanitäre Hilfe ist stark unterfinanziert. Und die Notlage war schon vor der Epidemie komplex. In und um Goma leben zum Beispiel viele, die im Krieg vertrieben wurden. Laut dem UN-Büro für humanitäre Hilfe (OCHA) können 26 Millionen Menschen im ganzen Kongo ihre Ernährung nicht sichern, und wegen Mittelkürzungen sind nur 30 Prozent des Hilfsbedarfs gedeckt. Das Gesundheitssystem im Ostkongo braucht mehr Unterstützung. Zurzeit helfen uns die Weltgesundheitsorganisation WHO und nichtstaatliche Organisationen, Gesundheitsdienste aufrecht zu erhalten. In einigen Gebieten ist das aber sehr schwierig, weil sie kaum zugänglich und unsicher sind – dort drohen ständig Entführungen und Diebstahl. Hinzu kommt, dass manche Menschen aufgrund des Krieges in Gegenden gehen, in denen man sie schwer erreichen kann, zum Beispiel in den Wald. 

Wie gehen Sie mit der Gefahr um, die von bewaffneten Gruppen ausgeht? Verhandeln Sie mit denen, etwa über Zugang nach Ituri?
Die DKH gehört zu den Organisationen, für die das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) mit bewaffneten Gruppen den Zugang aushandelt. Das ist sehr hilfreich. Auf dem Weg nach Ituri kommt man an Straßensperren, und wir gelten so als humanitäre Organisationen, die man durchlassen muss, weil wir Menschen helfen. 

Setzen manche Milizen wegen der Epidemie die Kämpfe aus?
Nicht wirklich, selbst jetzt gehen manche Kämpfe weiter. Aber in Ituri hat Ebola auch Mitglieder von bewaffneten Gruppen betroffen und die sind jetzt auch besorgt. Im Nord-Kivu weniger, da braucht es noch mehr Kooperation von Seiten der Milizen, um Helfern Zugang zu sichern. Der Zugang nach Ituri ist aber ohnedies sehr schwierig. Die Straßen im Kongo sind schlecht. Früher sind wir geflogen, aber der Flughafen in Ituri ist geschlossen. Wir konnten dann durch Ruanda und Uganda nach Ituri fahren, die Straßen in den Nachbarländern sind sehr gut. Aber zurzeit sind die Grenzen geschlossen, so dass wir diese Route nicht mehr nehmen können. Wir müssen jetzt die Straße im Kongo von Goma über Butembu und Beni nehmen. Zwischen Nord-Kivu und Ituri führt diese Straße durch ein Gebiet, in dem eine Miliz nicht gegen die Regierung kämpft, sondern Zivilisten tötet und Häuser in Dörfern niederbrennt. Weil die Straßen schlecht sind, dauert die Fahrt von Goma nach Ituri zwei bis drei Tage. Und es erschwert die Nothilfe weiter, dass in Nord- und Süd-Kivu die Banken geschlossen sind. Für Bankgeschäfte ging man bisher regelmäßig nach Ruanda. Aber mit der Schließung der Grenze geht das jetzt auch nicht mehr. 

Warum ist es so schwierig, die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern? Nur wegen des Krieges? 
Nicht nur deswegen. Auch Armut trägt dazu bei. Ebola wird normalerweise von Wildtieren im Wald auf Menschen übertragen, und mangels anderer Nahrung jagen Leute weiter Wild. Sie essen manchmal auch das Fleisch von Tieren, die an Ebola gestorben sind, zumindest haben sie dann etwas zu essen. Auch dass Menschen sehr mobil sein müssen, fördert die Verbreitung des Virus. Man versucht das zu verringern, aber Bewegungseinschränkungen machen den Handel schwierig und nehmen Menschen wichtige Mittel, ihr Überleben zu sichern. Und es gibt keine Unterstützung für Leute, die aufgrund von Bewegungseinschränkungen nicht mehr arbeiten können. 

Wie reagieren Gemeinschaften auf Ebola und versuchen sich zu schützen? 
Ein großes Problem ist das geringe Bewusstsein für die Gefahr. Die Menschen versorgen Kranke und sehen Leute sterben. Aber es ist ihnen nicht klar, dass Ebola die Ursache ist. Sie sehen Symptome, die denen von Malaria ähneln, und erklären: „Das soll Ebola sein? Es ist Malaria, wir kennen das.“ Wir müssen da noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Das ist schwierig, weil viele auch dem medizinischen Personal nicht glauben.

Ist auch Vertrauen auch zu Gesundheitseinrichtungen verloren gegangen? 
Ja. Es wieder zu gewinnen, ist jetzt die große Aufgabe aller Hilfsorganisationen. Dafür ist es sehr wichtig, Religionsführer einzubinden wie Pfarrer, denn sie sind hoch angesehen. Auch die traditionellen Chiefs muss man überzeugen, die Botschaft zu verbreiten, dass wir es mit Ebola zu tun haben. Denen glauben die Leute. 

Zweifeln viele auch, weil es für diese Ebola-Variante keinen Schnelltest gibt und man deshalb oft nicht weiß, ob wirklich ein Fall von Ebola vorliegt?
Richtig. Es gibt keinen Schnelltest, sondern nur einen PCR-Test, und der ist nicht überall verfügbar. Das große Labor dafür ist in der Hauptstadt Kinshasa, zweitausend Kilometer vom Ostkongo entfernt, und die Flüge dorthin sind unregelmäßig und nicht verlässlich. Deshalb müssen viele in der Quarantäne lange auf eine sichere Diagnose warten, ob sie wirklich Ebola haben oder nicht. Noch dazu fehlt es an Nahrung für sie. Einige haben deshalb die Quarantäne verlassen und sind in ihre Gemeinschaft zurückgegangen, und das ist gefährlich.

Wenn man im Kongo im Krankenhaus ist, muss man dann von Angehörigen mit Essen versorgt werden?
Ja. Dagegen sollte man in der Quarantäne auch Mahlzeiten erhalten, aber niemand stellt die zur Verfügung. Den lokalen Behörden fehlen dafür die Mittel, und die meisten NGOs haben das auch nicht im Budget. Das ist ein großes Problem.

Wird die Gefahr von Ebola auch unterschätzt, weil die Menschen viele andere akute Probleme haben, sich durchzuschlagen?
Ja, manche sorgen sich nicht um die von Ebola ausgehende Gefahr und denken, zunächst einmal müssen wir überleben. Aber das Besondere an dieser Ebola-Variante ist, dass sie einen  hohen Anteil der Infizierten tötet. Und gegen diese Variante gibt es weder einen Impfstoff noch eine Heilbehandlung, man kann nur die Symptome lindern. Das macht die Epidemie zum derzeit größten Problem, auch weil sie auf andere Länder übergreifen kann. 

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

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