46 Jahre lang hatte kein österreichischer Bundeskanzler Indien besucht. Entsprechend groß war die symbolische Bedeutung der Reise von Christian Stocker Mitte April. Gemeinsam mit dem indischen Premierminister Narendra Modi sprach der Kanzler von einem „Meilenstein“ in den bilateralen Beziehungen. Beide betonten zudem die Notwendigkeit, globale Institutionen zu reformieren. Für Indien bedeutet das seit Jahren vor allem den Wunsch nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Österreich wiederum bewirbt sich derzeit um einen der zehn nicht ständigen Sitze für die Jahre 2027/28.
Unterzeichnet wurden sechs bilaterale Absichtserklärungen, die Verteidigung, Terrorismusbekämpfung, Bürokratieabbau, Erleichterungen bei der Anwerbung indischer Fachkräfte in Österreich sowie Lebensmittelsicherheit betreffen. Die beiden Länder wollen außerdem Investitionen und Unternehmensgründungen, jeweils von Indern in Österreich und umgekehrt, erleichtern. Begleitet wurde der österreichische Kanzler von rund 60 heimischen Unternehmen. Im Fokus standen Geschäfte in den Bereichen Infrastruktur, Halbleiter, erneuerbare Energien und Wasserstofftechnologien. „Mit beinahe 1,5 Milliarden Menschen und seiner wirtschaftlichen Dynamik ist Indien ein enorm attraktiver Markt“, erklärte Stocker.
Bisher ist Indien für Österreich ein kleiner Partner
Der geopolitische Hintergrund dieser Annäherung ist offensichtlich. Europa sucht nach Alternativen zu China, Lieferketten sollen diversifiziert, neue Märkte erschlossen werden. Wirtschaftlich ist Indien für Österreich allerdings bisher noch ein vergleichsweise kleiner Partner. Rund 0,7 Prozent der österreichischen Exporte gehen nach Indien. Dennoch wächst der bilaterale Handel stark: In den vergangenen zehn Jahren hat er sich auf beinahe drei Milliarden Euro verdoppelt. In Indien besonders gefragt sind österreichische Maschinen, elektrische Ausrüstungen wie etwa Sensoren, Komponenten für Bahn-, Energie- oder Produktionsanlagen, chemische Produkte und technische Dienstleistungen. Umgekehrt exportiert Indien vor allem Textilien, IT-Dienstleistungen und elektronische Produkte nach Österreich. Österreichische Firmen profitieren vor allem vom gigantischen Infrastrukturboom des Landes. Neue Autobahnen, U-Bahnen und Tunnel entstehen in rasantem Tempo. „Die Bohrmaschine für einen Tunnel in Mumbai wurde von einem österreichischen Unternehmen geliefert“, sagt Wirtschaftsforscher Michael Landesmann vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, der jedes Jahr nach Indien reist.
Besonders große Hoffnungen setzt Wien auf das – noch nicht ratifizierte – Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. Laut Bundeskanzleramt könnten die österreichischen Exporte nach Indien dadurch um bis zu 75 Prozent steigen. Landesmann mahnt allerdings zur Nüchternheit. Selbst wenn sich die Exporte verdoppelten, bliebe der gesamtwirtschaftliche Effekt für Österreich begrenzt. Entscheidend sei die langfristige Perspektive.
Bollywood-Produktionen in Tirol
Doch die Beziehungen zwischen Österreich und Indien sind nicht nur von Handelszahlen und geopolitischen Interessen geprägt. „Die Inder kennen Österreich aus Filmen“, sagt Radha Anjali Saber Zaimian, Präsidentin der Österreichisch-Indischen Gesellschaft. Seit Jahrzehnten drehen Bollywood-Produktionen in Tirol oder vor alpiner Kulisse. Für Millionen Inderinnen und Inder seien die Alpen längst Teil einer romantischen Filmwelt geworden. Die österreichische Regierung will das nun gezielt ausbauen. Ein neues Filmabkommen soll gemeinsame Produktionen erleichtern und Österreich noch attraktiver für Bollywood machen.
„Der Austausch reicht weit zurück“, sagt Anjali. Die Österreichisch-Indische Gesellschaft existiert seit 1963. Sie entstand in einer Zeit, als Yoga und indische Philosophie in Europa zunehmend Aufmerksamkeit erhielten. Anjali beobachtet, wie sich das Indienbild in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Lange sei Indien vor allem mit Armut und exotischen Klischees verbunden worden. Heute dominierten Bilder von IT-Spezialisten, Raumfahrt und wirtschaftlichem Aufstieg. Österreichisches Knowhow spielte in Indien früh bei Infrastrukturprojekten und auch im alpinen Bereich eine Rolle: Seit Jahrzehnten kommen indische Studierende nach Österreich, um Skifahren zu lernen und später als Skilehrer im Himalaya zu arbeiten.
Auch die Migration veränderte die Beziehungen. Zwar bleibt die indische Diaspora in Österreich klein, doch in IT-Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Pflegeeinrichtungen wächst die Bedeutung indischstämmiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Landesmann verweist etwa auf Pflegekräfte aus Kerala oder indische Fachkräfte in österreichischen Technologieunternehmen.
Beide Länder entdecken einander derzeit neu: Für Österreich ist Indien vor allem Zukunftsmarkt, geopolitischer Partner und Hoffnungsträger einer neuen Weltwirtschaft. Für Indien wiederum ist Österreich ein kleiner, technologisch interessanter Staat mit Expertise in Infrastruktur, Umwelttechnik, alpiner Erfahrung und ein wenig Alpen-Romantik.
Neuen Kommentar hinzufügen