Kreativ gegen Armut

Die Kultur- und Kreativwirtschaft soll ein großes Potenzial für Entwicklung haben – soweit die Theorie. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Eine neue Studie gibt Antworten.

Christiaan De Beukelaer von der Queen Margaret Universität in Edinburgh betrachtet den Optimismus, der mit dem Schlagwort „Creative Economy“ einhergeht, mit Skepsis.  Für seine Studie hat er die Bedingungen unter die Lupe genommen, unter denen Künstlerinnen und Künstler in Entwicklungsländern arbeiten. Er stützt sich unter anderem auf eigene Forschungen in der Musikindustrie von Ghana und Burkina Faso.

Die Hoffnung, unter anderem verschiedener UN-Organisationen, dass sich Kultur als wesentlicher Wirtschaftsfaktor und die Kulturindustrie als Motor von Entwicklung erweisen, hält der Realität in diesen beiden Ländern nicht stand. Zwar haben Ghana und Burkina Faso das erklärte Ziel, ihre Kulturindustrien zu entwickeln. Doch die sind ein risikoreiches Geschäft, meint De Beukelaer: „Risiko und Ungewissheit sind keine außergewöhnlichen Stadien zu Beginn einer Karriere oder beim Start eines neuen Unternehmens. Sie sind vielmehr die Regel.”    

Zu jeder Regel gibt es Ausnahmen. Erfolgsgeschichten existieren – etwa die des Sängers Alif Naaba aus Burkina Faso, der mit seinem vierten Album an die Spitze der Charts schoss. Allerdings konnte Naaba – von seinen Fans „der Prinz mit den bloßen Füßen genannt“ – das Album nur aufnehmen, weil er 2012 einen Preis erhalten hatte, mit dem das Institut Francais junge Talente unterstützt.

Künstler leben oft am Rand des Existenzminimums

Repräsentativ sind solche Geschichten nicht, wie De Beukelaer betont. Üblicherweise hätten Künstler ein unsicheres, unterdurchschnittliches Einkommen. Ihre Lebenssituation sei prekär; „Unsicherheit entlang einer zerbrochenen Wertschöpfungskette“, nennt der Wissenschaftler das.

Er erklärt auch, warum das so ist: Die Menschen in Ghana und Burkina Faso haben wenig Geld und können daher nicht viel für Kultur ausgeben; die geringe Kaufkraft beeinträchtigt die Verkäufe. Händler reduzieren – oftmals mit gesetzeswidrigen Methoden – die Preise für CDs, DVDs oder Bücher. Das schmälert die Profite der Produzenten und nimmt ihnen die Möglichkeit, zu investieren.

Da die Verkaufszahlen von Tonträgern zurückgehen, haben sich viele der Organisation von Veranstaltungen zugewandt. Doch solche Events sind mit hohen Kosten verbunden, und es ist schwierig, die wieder hereinzuholen.   

Musikpiraterie ist der größte Gegner für Sänger und Bands

Berichte aus anderen afrikanischen Ländern bestätigen De Beukelaers Erkenntnisse. Besondres gravierend wirkt sich die weit verbreitete Musikpiraterie aus. Der südafrikanische Journalist Bram Posthumus hat dazu in Mali recherchiert. Laut Posthumus wird eine illegale CD dort fünfmal billiger verkauft als eine autorisierte. Von zehn Kassetten auf dem Markt seien neun Raubkopien.

Der Prozentsatz von „pirated music“ liege bei 95 bis 98 Prozent. In anderen Ländern, wie Simbabwe, Südafrika oder Kamerun, ist die Lage nicht viel besser.  Die Musikpiraterie sei dabei, die künstlerische Produktion zu töten und die Kulturindustrie zu ruinieren, so der Tenor zahlreicher Berichte auf der Online-Plattform „Music in Africa“, die das Goethe-Institut und die Siemens-Stiftung initiiert haben.

Dass Kultur für die menschliche Entwicklung eine große Rolle spielt, ist unbestritten; ob sie jedoch die in sie gesetzten ökonomischen Erwartungen erfüllen kann, scheint nach der Lektüre solcher Forschungen und Praxisberichte fraglich. Dennoch hat sie Eingang in die Debatten um die Post-2015-Agenda gefunden und ist dabei zur Kraft avanciert, die nachhaltige Entwicklung vorantreibt und ermöglicht. In der Theorie jedenfalls. In der Praxis bedarf – argumentiert auch De Beukelaer – die Kulturindustrie der Unterstützung, um sich überhaupt entwickeln zu können.

 

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