Menschenhandel in Nigeria
Menschenhandel in Nigeria

„Sie wissen nicht, dass Prostitution keine Lösung ist“

Die meisten Familien in Nigeria, die ihre Töchter verkaufen, unterschätzen die Schlepperbanden, sagt Augustine Onwuiko. Die 62-jährige Ordensschwester erklärt, wie die Mädchen mit Hilfe von Voodoo gefügig gemacht werden und was sie trotz allem an den Erfolg ihrer Arbeit glauben lässt.

Schwester Augustine Onwuiko gehört der Ordensgemeinschaft „Daughters of Mary, Mothers of Mercy“ an. Sie koordiniert das Komitee COSUDOW in Benin-Stadt, Nigeria, das Frauen und Kinder vor Menschenhandel schützen wil. Constanze Bandowski
In Nigeria werden besonders viele Frauen von Menschenhändlern verschleppt. Warum?
Die Opfer sind in der Regel arm. Sie und ihre Familien haben keine Ahnung, auf was sie sich einlassen. Einige Mädchen sind Waisen, andere stammen aus Familien, in denen der Vater mehrere Frauen hat. Die Väter können ihre vielen Kinder nicht alle ernähren und drängen die Mädchen selbst in den Handel, weil sie sich davon Geld versprechen. Sogar die Mütter machen mit. Außerdem bleiben viele Kinder sich selbst überlassen. Sie gehen nicht in die Schule, haben keine sozialen Bindungen, keinen moralischen Rahmen – sie sind absolut schutzlos. Hinzu kommt der Wunsch nach dem schnellen Geld. Viele denken: Ich gehe nach Deutschland und werde reich. Und wenn ich erst einmal in Europa bin, werde ich fliehen. Leider wissen sie nicht, dass die Schlepper schlauer sind als sie und dass sie ihnen bei der Ankunft in Europa alles wegnehmen, sogar ihre Identität. Zudem fehlt diesen Mädchen eine religiöse Bildung. Sie glauben an heidnische Götter, können nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Sie wissen nicht, dass Prostitution keine Lösung ist. Eigentlich sollten Väter und Mütter sagen: Geh nicht weg, das ist schlecht, aber darum kümmert sich niemand.

Benin-Stadt ist das Zentrum des nigerianischen Frauenhandels. Welches sind die Hauptwege nach Europa?
Der Menschenhandel ist nicht auf Benin-Stadt beschränkt, sondern bezieht den gesamten Bundesstaat Edo ein. An zweiter Stelle steht der benachbarte Bundesstaat Delta. Aus den anderen Staaten kommen nur drei bis fünf Prozent der Opfer. Aber selbst diese reisen von Edo aus über Lagos nach Cotonou in Benin und weiter über Ghana und Mali bis nach Marokko. Von dort geht es nach Spanien, Frankreich, Italien, Belgien, Deutschland, Großbritannien oder Dänemark. Eine andere Route führt direkt nach Norden über den Bundesstaat Sokoto und durch die Wüste bis nach Libyen, von dort weiter bis Italien. Das ist das Hauptziel des nigerianischen Menschenhandels.

Wie alt sind die Opfer?
Die meisten sind zwischen 16 und 30 Jahre alt. Aber wir hatten auch schon mal eine 60-Jährige in unserem Zentrum – 60 Jahre, ich bitte Sie! Manche Rückkehrerinnen sind bis zu zwölf Jahre im Ausland gewesen, andere nur ein paar Jahre oder wenige Monate. Das ist sehr unterschiedlich. Manche Frauen suchen schon nach kurzer Zeit Hilfe bei unseren Partnern in Deutschland oder Italien, weil sie es absolut nicht aushalten. Leider gibt es keine Statistiken, wie viele Frauen überhaupt verschleppt werden. Aber wir wissen, dass es sehr viele sind.

Welche Rolle spielt der Juju-Kult?
Das ist ein typisch nigerianisches Phänomen. Vor der Abreise bringen viele Menschenhändler die Mädchen zu einem Juju-Priester, der eine Art Voodoo-Zauber durchführt. Hier müssen die Opfer schwören, dass sie den Namen und Wohnort der Schlepper und Menschenhändler niemals verraten werden. Sie schwören, dass sie einen bestimmten Geldbetrag zurückzahlen werden. Und das ist nicht wenig – wir sprechen da von 30.000, 40.000, 50.000 Euro. Das ist in diesem Leben kaum zu schaffen. Wenn sie einmal geschworen haben, wird es extrem schwierig, irgendetwas aus ihnen herauszubekommen. Sie haben Todesangst, von bösen Geistern befallen zu werden. Oder sie fürchten, dass die Geister ihren Familien etwas antun werden.

Ihre Organisation will diese Frauen wieder in die Gesellschaft integrieren. Wie gelingt Ihnen das?
Wir bieten ihnen Beratung, moralische Unterstützung, spirituelle Leitung, psychologische Therapie, körperliche Aktivitäten und Bildungsprogramme an. In unserem Heim erhalten sie einen freundlichen und geschützten Raum. Hier heißen wir sie willkommen und sagen ihnen: Dein altes Leben ist vorbei! Wir versuchen, ihnen ein neues Leben zurückzugeben. Denn wenn sie zurückkehren, haben sie das Stigma der Prostitution und viele sind schwer traumatisiert. Sie sind aggressiv, wütend, verbittert, leer. Diesen Zustand müssen sie überwinden. 

Wie lange dauert dieser Prozess?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche Frauen können nach zwei oder drei Tagen nach Hause zurückkehren. Andere brauchen sechs Monate. Bei einigen dauert es ein oder mehrere Jahre – das kommt ganz auf die Schwere der Last an, die die Mädchen zu tragen haben. Wer einen Juju-Schwur geleistet hat, braucht in der Regel länger als jemand ohne dieses psychologische Trauma. Zurzeit haben wir ein Programm für 30 freiwillige Rückkehrerinnen. Die Mädchen bleiben sechs Monate in unserem Heim; sie lernen nähen, frisieren, kochen, aber auch Hotelmanagement, Fotografie oder Computerarbeit. Gleichzeitig werden sie beraten. An den Wochenenden beschäftigen wir sie mit Hausarbeit, und natürlich gibt es reizeitaktivitäten wie Tanz und Gesang.

Was tun Sie in Nigeria, um Frauenhandel zu verhindern?
Wir bemühen uns, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen und die Leute dafür zu sensibilisieren. Wie gesagt, herrscht in Nigeria große Unkenntnis. Deshalb besuchen wir Schulen und sprechen dort über Menschenhandel. Wir gehen in die Kirchen, auf die Märkte, machen große Öffentlichkeitskampagnen. Im Januar hatten wir gerade eine Demonstration mit unseren Plakaten „Stopp Human Trafficking!“. Da haben sich viele Schülerinnen, Studentinnen und christliche Organisationen beteiligt. Die Passantinnen und Passanten haben wir mit Musik und Tanz einbezogen. Leider können wir nicht so viel tun, wie es nötig wäre. Dafür fehlt uns das Geld.

Was tut der Staat?
Die nigerianische Regierung gibt wirklich ihr Bestes, aber das reicht nicht, denn hier handelt es sich um ein weltweites Geschäft, das außerhalb ihrer Reichweite liegt. Die Regierung hat in drei Regionen eine nationale Behörde gegen Menschenhandel etabliert. Wir arbeiten eng mit dieser Behörde zusammen. Die Regierung hat die Grenzen besser befestigt, setzt Polizei ein, aber die Menschenhändler sind dem Staat immer eine Nasenlänge voraus.

Gibt es überhaupt Hoffnung, das globale Geschäft mit dem Menschenhandel erfolgreich zu bekämpfen?
Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass das gelingen kann. Ich glaube fest an die Zeilen des folgenden Liedes: Wenn du etwas unternimmst und ich etwas unternehme, kann der Menschenhandel gestoppt werden. Das heißt: Wenn sich jeder Mensch ernsthaft in seinem Land darum bemüht, kann Menschenhandel gestoppt werden. Das gilt auch für Europa, denn die Nachfrage nach billigen Prostituierten ist groß. Sonst gäbe es den ganzen  Menschenhandel ja nicht. Beide Seiten profitieren von dem Geschäft. Solange das so ist, wird es immer weitergehen. Wenn aber alle Menschen auf die Straßen gehen und dagegen kämpfen, kann der Menschenhandel allmählich verschwinden.

Das Gespräch führte Constanze Bandowski.

erschienen in Ausgabe 5 / 2015: Töten für den rechten Glauben

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