Klimaschutz: Über Umwege zum Ziel

(18.05.2015) Ende 2015 wollen die Regierungen einen neuen Klimavertrag beschließen. Über das Zwei-Grad-Ziel sind sich eigentlich alle einig. Warum aber weigern sie sich, die nötigen Schritte zu tun?

Ein Grund ist, dass sie nicht wissen, was diese Schritte für das eigene Land bedeuten, erklärt Guido Schmitz-Traub. Die globalen Szenarien des Welt-Klimarates IPCC zeigen nicht, wie eine emissionsarme Wirtschaft in Indien oder Kanada aussehen und erreicht werden kann, sagt der Direktor des Sustainable Development Solutions Network (SDSN) der Vereinten Nationen. Das Netzwerk entwickelt mit Wissenschaftlern aus 17 Staaten – darunter China, Indien, die USA, Russland und Deutschland – realistische nationale Pfade für eine solche Transformation. Sie lassen Land- und Fortwirtschaft bisher außer Betracht und konzentrieren sich auf Energie.

Kernergebnisse hat Schmitz-Traub auf einem Workshop der „Bonn Conference for Global Transformation“ Mitte Mai vorgestellt. Danach müssen, um das 2-Grad-Ziel einzuhalten, bis 2050 Elektrizität ganz ohne Emissionen erzeugt werden; fossile Treibstoffe im Verkehr und der Gebäudeheizung weitgehend ersetzt werden; Energie viel effizienter genutzt werden; und das Wirtschaftswachstum darf nicht erheblich gebremst werden, zumindest nicht in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Nachholende Verschmutzung ist keine praktikable Idee mehr

Die gute Nachricht lautet: Das ist technisch gerade noch möglich. Aber, sagt Schmidt-Traub, kein Land kann bis 2050 deutlich niedrigere Pro-Kopf-Emissionen erreichen als den tolerablen Durchschnitt von 1,7 Tonnen. Folglich dürfe keines deutlich höher liegen – die Idee, dass reiche Länder noch stärker Emissionen sparen und dadurch armen eine Zeitlang nachholende Verschmutzung ermöglichen, ist nicht mehr praktikabel. In vielen Ländern sei zudem das Ziel ohne Kernkraft und die CO2-Abscheidung aus Kohlekraftwerken nicht erreichbar.

Doch wie bringt man eine solche Transformation gegen Widerstände in Politik und Wirtschaft in Gang? Laut Hubert Schmitz vom britischen Institute of Development Studies passiert das in der Regel nicht, um das Klima zu schützen, sondern aus ganz anderen Gründen. So investierten China und Indien in erneuerbare Energie, um die Energieversorgung zu sichern und neue wettbewerbsfähige Industrien aufzubauen, erklärte er auf demselben Workshop. Klimaschützer müssten taktische Allianzen suchen – auch mit Unternehmen oder sogar einzelnen ihrer Abteilungen.

"Weniger um Gesamtemissionen feilschen"

Den Fall Südafrika hat Mike Morris von der Universität Kapstadt untersucht. Wie konnten hier private Erzeuger von erneuerbarem Strom stark wachsen, obwohl das Staatsunternehmen Eskom den Strommarkt beherrscht und ganz auf Kohle setzt? Weil Eskom trotz ständiger Preiserhöhungen den Strombedarf nicht decken konnte, sagt Morris; Finanzpolitiker und Firmen setzten eine Öffnung des Strommarktes durch, um den Strompreis zu senken

Wenn aber Entscheidungen in der Praxis nicht langfristigen Klimaschutz-Plänen folgen, sondern sich wandelnden Interessen, Kräfteverhältnissen und Allianzen, welchen Wert haben dann Pfad-Modelle wie die des SDSN? Sie bieten Klimapolitikern wichtige Entscheidungsgrundlagen, sagt Schmidt-Traub – auch damit sie nichts Unmögliches verlangen. Sie könnten Staaten anregen, weniger über Gesamtemissionen zu feilschen und mehr sachlich über möglichst hohe Unterziele zu reden wie für effiziente Autos oder den Ausbau der Windkraft. Zudem legten diese Pfade offen, welche Entscheidungen mit echtem Klimaschutz unvereinbar sind. Das, so Schmidt-Traub, gilt zum Beispiel für die Energiewende in Deutschland: Die sei so konzeptlos, dass sie die Kohleverstromung stärke und die Emissionen erhöhe. Mit Hilfe welcher Allianzen man das politisch ändern kann, lässt sich freilich nur in der Praxis herausfinden.

 

Kommentare

Danke Herr Ludermann für Ihren Beitrag zum 2-Grad-Ziel. Wenn ich mich nicht irre, ist Ihre Skepsis bezüglich der Erreichbarkeit größer geworden. Allein die bekannten und genannten Zahlen wie die 1,7 Tonnen CO2 pro Einwohner machen deutlich, nur globale Wirtschaftskrisen lassen die Ziele erreichbar werden. Andererseits sind in Ländern wie Mali, Senegal und Uganda die Emissionen deutlich darunter, was man folgerichtig als vorbildlich bezeichnen müsste. Am Beispiel China wird jedoch erkennbar, was tatsächlich abläuft. Meine Beratungstätigkeit in China hatte das Ziel, Kraftstoffe zu fördern, die zur Smogverminderung in den Städten führen. Das erreicht man leicht mit Treibstoffen auf Alkoholbasis. Der Pferdefuss dabei ist jedoch, in China setzt man auf die riesigen Lagerstätten von Steinkohle, die als Primärenergie zur Treibstoffherstellung eingesetzt werden. Verkürzt dargestellt wird saubere Luft in den Städten erkauft mit höheren CO2-Emissionen bei der Herstellung kohlenstoffarmer Treibstoffe. So ist schon jetzt absehbar, dass China sich mit der Annäherung an das 1,7-Tonnen-Ziel schmücken wird, wobei man nur auf die Emissionen von Alkoholtreibstoff blickt. In der Gesamtrechnung wären die Emissionen beim Einsatz von Rohöldestilaten niedriger, wovon aber niemand reden wird. Es wird also in naher Zukunft noch mehr geschummelt und getrickst bei der Darstellung der eigenen Erfolge. Weil es jedoch weltweit bis 2050 keine Abnahme bei den Fossilen geben wird, sollten die Folgen der Erwärmung der Biosphäre stärker in den Fokus rücken. Hier sei wieder an den Hurrikan "Katrina" erinnert, dessen verheerende Folgen mit einem Bruchteil der Schadenssumme zu verhindern gewesen wären, wenn man dort rechtzeitig Dämme erhöht und Pumpenleistung verstärkt hätte. Vorsorge wäre doch wirklich ein dankbares Thema für welt-sichten. Holland sorgt seit Jahrzehnten in dieser Weise vor. Für weniger informierte Leser sei noch dargestellt, das 1,7-Tonnen-Ziel wird schon verfehlt, wenn jemand mehr als 600 Liter Benzin/Jahr verfährt. Dabei hätte man seine Unterkunft noch nicht beheizt, keinen Strom verbraucht, nur Selbstgezogenes verzehrt und wäre auch nie mit Zug, Bus oder Flugzeug verreist. Nur verständlich, dass der IPCC nicht verbreitet sehen möchte, wie emissionsarme Wirtschaft aussieht.

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